Vom Großvaterbauernhof

Lesedauer: 6 Min
Volker Demuth berührte die Besucher seiner Lesung im Riedlinger Kapuzinerkloster.
Volker Demuth berührte die Besucher seiner Lesung im Riedlinger Kapuzinerkloster. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Aus Berlin zu einer Lesung nach Oberschwaben zurückgekehrt ist Volker Demuth, der Schriftsteller, der mehr als 20 Jahre in Zwiefaltendorf lebte und dem „Ort am Fluss“ in seinem neuen Buch „Niederungen und Erhebungen“ ein ganzes Kapitel gewidmet hat. Ohne diesen wäre es nicht möglich gewesen, stellte er eingangs zu der von ihm beschriebenen „Besichtigung einer Lebenslandschaft“ fest. Doch nicht von den Jahren in Zwiefaltendorf las er. Er schenkte den Anwesenden im gut besetzten Refektorium des Kapuzinerklosters in ausgewählten Passagen Einblick in das „Großvaterbauernhaus“ in Baltringen und die Eindrücke und persönlichen Gefühle, die ihm von dieser Phase seines Lebens in Erinnerung geblieben sind.

Volker Demuth berührte mit den Beobachtungen eines Kindes, ließ Bestürzung über Entwicklungen erkennen, die ihm erst später bewusst wurden, auch das Schweigen thematisierend, das sich über die Auswirkungen zweier Weltkriege auf die Familie gelegt hatte. Was er vorlas, nahm die Zuhörer mit in die 1960er- Jahre auf einen Hof, in dem sich im 16. Jahrhundert die aufständischen Bauern des „Baltringer Haufens“ getroffen haben sollen und „wo es neben dem Großvater, der Großmutter und deren acht Kinder zwei Schweine, dazu ein paar Hasen und Hühner gab, außerdem drei Kühe, die Milch lieferten und, eingespannt ins Fuhrwerk, im Sommer den Heuwagen zu ziehen hatten“. Von großen Angelegenheiten war „nie die Rede“, so Demuth, der bei der einstündigen Lesung seine schriftlichen Ausführungen zum Bauernkrieg aussparte. „Geschichte ist nicht, was man will, Geschichte ist, was man bekommt.“

Schriftstellerkollege Matthias Kehle, als stellvertretender Vorsitzender in der veranstaltenden Dürrson-Stiftung engagiert, hatte davor das bisherige Schaffen Demuths vorgestellt, dessen Werk Lyrik, Prosa und Essay umfasst und der innerhalb der Literatur mit dem Raum-Poem eine Form „multimedialer lyrischer Sprachinstallationen entwickelt habe. Dass er nach seinem Roman „Stille Leben“, in dem laut Frankfurter Zeitung „der zentrale Bedeutungsträger das Fleisch selbst ist“, eine erste umfangreiche kulturgeschichtliche Untersuchung zu einer Theorie des Fleisches entwickelt hat, war wohl für die meisten der Anwesenden neu. 2016 ist dazu das Buch „Fleisch, Versuch einer Carneologie“ erschienen.

Das jetzt vorgelegte sei ein erzählendes Buch, das versuche, in eine Zeit zu gelangen, in der er noch nicht sein konnte, erklärte Demuth und erkannte die Verpflichtung eines Autors, aus seinem Lebensraum heraus Geschichte lebendig werden zu lassen.

Die Diskussion zeigte, dass gerade die Ausführungen über den ältesten Sohn Paul, der blutjung zunächst als begeisterter Nazi in den Krieg gezogen war und aus dessen Feldpostbriefen zitiert wurde, sehr eindrucksvoll waren. Daraus resultierte das Bedauern – auch Demuths –, dass man sich zu dem Thema in der eigenen Familie nicht mit der älteren Generation ausgetauscht hat, die Geschichte totgeschwiegen wurde und es jetzt kaum noch Gelegenheit gebe, sich authentisch informieren zu lassen. Er, so Demuth, habe nicht vom Krieg erzählen wollen, sondern davon, was der Krieg mit den Menschen macht, mit dem Anspruch, nicht in der Vergangenheit hängen zu bleiben, sondern in der Familie ein paar Dinge anders zu machen.

„Beeindruckend, teilweise bedrückend, authentisch“ nannte der Vorsitzende der Dürrson-Stiftung, Herbert Theisinger, in seinen Dankesworten an den Autor das Gehörte und hatte selber ein nachhaltiges Beispiel jener Zeit aus der eigenen Familie parat. So habe seine im Krieg hungernde Mutter nie auch nur ein Stück Brot weggeworfen. Das habe auch ihn geprägt. In seiner Begrüßung hatte er seine Freude über die Bereitschaft Demuths zur Lesung ausgedrückt, die eingebunden war in die Veranstaltungen des Literaturnetzwerkes Oberschwaben. Er dankte zudem Roswitha Mayer von der Ulrich’schen Buchhandlung, die einige Buchexemplare parat hatte, die Volker Demuth danach gerne signierte, nicht ohne sich mit dem einen oder anderen Bekannten ins Gespräch zu vertiefen.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen