Schwaben: Ein geheimnisvolles Volk

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Professor Franz Quarthal ging der Frage nach der schwäbischen Identität nach.
Professor Franz Quarthal ging der Frage nach der schwäbischen Identität nach. (Foto: Laetitia Barnick)
Laetitia Barnick

Auf Einladung des Altertumsverein und der VHS hat am Dienstagabend Professor Franz Quarthal über den Wandel des Schwabenbildes in der Geschichte referiert. So wurden den Schwaben im Laufe der Geschichte Eigenschaften wie wortkarg, faul oder tölpelhaft genauso zugeschrieben wie herzlich und orignell.

Mit dem emeritierten Professor für Landesgeschichte wurde ein ausgewiesener Historiker für das Thema gewonnen, der von 1990 bis 2012 den Lehrstuhl für Landesgeschichte in der Universität Stuttgart innehatte. Dies betonte die zweite Vorsitzende des Altertumsvereins, Sabine Hagmann vor dem zahlreichen Publikum im Foyer der Kreissparkasse.

Die Frage nach der schwäbischen Identität, erläuterte der Professor, habe auch durch die enorme Zuwanderung während der letzten Jahrzehnte eine besondere Aktualität erhalten. Denn außer der historisch weitreichenden Zugehörigkeit sei das schwäbische Bewusstsein auch durch die sprachliche und emotionale Heimat gekennzeichnet. In zahlreichen populären Publikationen habe man dem Schwaben zuweilen widersprüchliche Charaktereigenschaften wie etwa Wortkargheit, leichte Grobheit, aber auch Herzlichkeit, Offenheit, eine „gemütvolle“ Sprache und einen Hang zur Sparsamkeit zugesprochen.

„Doch man beschrieb und erklärte auch eine besondere Art der schwäbischen Geistigkeit, die insbesondere in den Geniepromotionen des Tübinger Stifts ihren Ausdruck fanden und unter dem Begriff der Schwäbischen Romantik in einer regionalen literarischen Einheit zusammengefasst wurden“, so der 1943 in Gotha geborene Professor.

Trotz dieser zahlreichen Publikationen sei die Wirklichkeit jedoch weitaus komplizierter, denn nicht nur über die Charaktereigenschaften des Schwaben, seine historischen Wurzeln und den Wandel im Laufe der Geschichte habe man sich Gedanken gemacht. So habe sich die als „Schwaben“ bezeichnete Landschaft vom Mittelalter bis in die Neuzeit immer wieder verändert, wie die Ablösung der Schweizer von den Schwaben im Spätmittelalter zeigte. „Seit dem Schwaben- oder Schweizerkrieg von 1499 waren sich Schwaben und Schweizer feind geworden“, berichtet der Historiker.

Erst mit den nationalstaatlichen Begrenzungen des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Schwaben ein Württemberger, womit sich eine Vorstellung des eigentlichen Kerns dieses „trefflichen, originellen Schwabenstammes“ herauskristallisierte. Fest steht, so der Altertumsforscher, dass die Schwabenländer – ursprünglich Königreiche – seit dem hohen Mittelalter zu den herausragenden Stämmen im deutschen Reich zählten, die im Spätmittelalter hohes Ansehen gewannen. Der schwäbische Dichterkönig Heinrich Bebel beschrieb die Treue und Tapferkeit der Schwaben und der Tübinger Professor Johannes Naukler verfasste eine in 113 Generationen aufgeteilte Geschichte der Schwaben als „ältestes und wahrhaftigstes Lob“.

Im Gegensatz hierzu wurden sie jedoch in Geschichten, wie die der „Sieben Schwaben“, als etwas tölpelhaft beschrieben. Erst recht wandelte sich das positive Schwabenbild im 18. Jahrhundert in eine, wie bei Ernst Moritz Arndt formulierte Vorstellung, vom „dummen und faulen Schwaben“. „Diesem Vorwurf“ – schrieb er aber auch – „solle der Schwabe zur Widerlegung die Reihe großer schwäbischer Geschlechter und Personen entgegensetzen, wie die Hohenstaufen, die Frundsberge, die Emser, die Christoffe, Reuchline, Zwingli, Melanchthone, Kepler, Euler, Haller, Schiller, Holbeine, Uhlande und Schellinge.“ Das spätere Kernproblem der schwäbischen Eigenarten – nämlich der Dialekt – galt sogar bis zur Reformation als Hochsprache der staufischen Klassik.

Schwäbisches Bewusstsein

Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts begann sich ein schwäbisches Bewusstsein zu entwickeln, indem man sich für die eigene Vergangenheit interessierte. „Man entdeckte nun das geheimnisvolle Mittelalter mit seinen Burgen und Kirchen als monumentale Bauzeugnisse, das Rittertum und die Sagenwelt des Volkes,“ weiß Professor Quarthal. Die Ruine des Hohenstaufen wurde zum Symbol mittelalterlicher Größe, die Burg Hohenzollern wurde renoviert und patriotische Dichter wie Ludwig Uhland und Gustav Schwab förderten ein neues Schwabenbewusstsein.

So hatte der Begriff „Schwaben“ letztendlich im 19 Jahrhundert zwar wieder seinen guten Klang gewonnen, dennoch aber bestimmte man 1953 in einer neuen Verfassung mit großer Mehrheit den Namen „Baden-Württemberg“. „Wir aber wollen uns heute“, regt Professor Quarthal an, „an den reichen Traditionen und an dem geschichtlichen Rang Schwabens erfreuen“.

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