Riedlingens Frauen früher und heute

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 Hilde Teschner erzählte kompetent und humorvoll viel über die Rolle der Frauen und über Frauen in Riedlingen.
Hilde Teschner erzählte kompetent und humorvoll viel über die Rolle der Frauen und über Frauen in Riedlingen. (Foto: Mechtild Kniele)
Mechtild Kniele

Zu einem Stadtspaziergang mit Hilde Teschner eingeladen hatte der Katholische Frauenbund Riedlingen und gekommen waren über 80 interessierte Damen (und ganz wenige Herren), um den kompetenten, sehr verständlichen und mit viel Humor gewürzten Ausführungen Hilde Teschners zu folgen. Seit einigen Jahren schon greift sie Themen der Riedlinger Geschichte auf, um diese bei einem Spaziergang noch besser „begreifen“ zu können. In diesem Jahr hat sie weder Gebäude, Straßen oder Stadtviertel in den Focus genommen, sondern Riedlinger Frauen im Laufe der Jahrhunderte standen im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn der Führung haben die Zuhörerinnen erfahren, dass es bis ins 19. Jahrhundert für Frauen kaum möglich war, eine höhere Bildung oder leitende Aufgaben zu bekommen. Gerade mal 100 Jahre alt ist das Frauenwahlrecht in Deutschland, das 2018 gefeiert werden konnte und erst im Grundgesetz von 1949 wurde der Gleichberechtigungsartikel als Grundrecht verankert und dies nach sehr zähen Kämpfen durch die wenigen Frauen im Parlamentarischen Rat. Bis 1957 existierte ein „Zölibat“ für Lehrerinnen; zuvor mussten diese nach einer Heirat ihren Beruf aufgeben.

Eine ganz wichtige Rolle jedoch spielten Klöster und Klosterfrauen bis zur Säkularisation im Jahr 1806, als die Klöster aufgehoben wurden. Das Walz’sche Haus gegenüber der katholischen Kirche war einst ein Kloster mit sogenannten „Seelschwestern“, die sich um Arme, Kranke und Verstorbene kümmerten und deren Dasein allerdings durch die Stadt erschwert worden ist, sodass bereits 1786 die Auflösung erfolgt ist. Weitere Klöster waren das St. Agnes in der Kirchstraße, wo heute die Kolpingschule untergebracht ist und im Spitalgebäude am Friedhof waren Vinzentinerinnen, die schon vor 1900 einen Kindergarten umgetrieben hatten.

Das Schulwesen hat Hilde Teschner ebenfalls beleuchtet. Erst um 1900 war die Schulpflicht in Deutschland durchgängig vorhanden und um diese Zeit wurde der prächtige Backsteinbau an der Grabenstraße errichtet, wo bis 1972 das Gymnasium untergebracht war. Im gleichen Jahr entstand das Gebäude von St. Agnes, und hier wurde viel für „Mädchenbildung“ getan – es entstand eine Nähschule und eine Haushaltsschule. „Abenteuerlust konnte im Kloster ausgelebt werden“, erzählte Hilde Teschner schmunzelnd, so durfte eine Schwester namens Perpetua Blersch nach Argentinien, um dort seelsorgerisch tätig zu sein. Magdalena Weinschenk, die am Augustinerbrunnen am Wochenmarkt klein abgebildet ist, war Pröbstin im Kloster Inzigkofen und Maria Josefa Baiz Priorin im Kloster Sießen. Apothekerinnen gab es ebenfalls nur im Kloster und hierfür nannte Hilde Teschner Maria Rundlin, die in Gutenzell die Klosterapotheke umtrieb als Beispiel. Hebamme war ein Lehrberuf und diese wurden examiniert vom Stadtphysikus und vom Stadtpfarrer, und sie waren in der Regel Ehefrauen des ortansässigen Baders.

Hilde Teschner beleuchtete auch sehr dunkle Kapitel der Frauengeschichte wie Hexenverbrennungen – Geständnisse wurden dabei unter Folter erpresst –, öffentliches Zurschaustellen oder gar die Vertreibung von Frauen, die „Unzucht“ oder unehelichen Geschlechtsverkehr betrieben haben. In Riedlingen weiß man von „nur“ vier Hexenverbrennungen, im Gegensatz zu Unlingen, wo von über 40 Verbrennungen berichtet wird.

Im Lauf des Stadtspaziergangs ging Hilde Teschner noch auf Künstlerinnen aus Riedlingen ein, von denen heute häufig nur noch Straßennamen zeugen. Res Fischer wurde zu einer bekannten Kammersängerin in Stuttgart und ihr Geburtshaus ist das heutige „Plaza“ in der Lange Straße. „Ich habe Res Fischer persönlich gekannt, als ich als Statistin in Stuttgart am Theater gearbeitet habe und war sogar ein paarmal bei ihr eingeladen“, ergänzte Rosemarie Kraljic die Ausführungen Hilde Teschners. Maria Caspar-Filser und Maria Elisabeth Stapp, beide in der Haldenstraße zur Welt gekommen, sind bekannte bildende Künstlerinnen. Marie Lohrmann wurde 1956 als erste Frau in den Riedlinger Gemeinderat gewählt. Die Ärztin Margret Blersch, die in der Nazizeit unerschrocken aufgetreten ist und auch vielen Menschen geholfen hat, indem sie zum Beispiel Krankheiten und Behinderungen nicht gemeldet und auch Menschen in ihrem Haus versteckt hat.

Thea Knoll bedankte sich nach knapp zwei Stunden bei Hilde Teschner und diese verriet, dass sie fürs nächste Jahr schon Ideen habe.

„Warum gibt es eigentlich keine Margarete-Blersch-Straße“ in Riedlingen“, haben sich Teilnehmerinnen gefragt und erfahren, dass dieser Vorschlag vom Gemeinderat abgelehnt wurde. Alle Teilnehmerinnen des informativen Stadtspaziergangs plädierten unter Beifall dafür, ihren Namen unbedingt zu berücksichtigen und so dafür zu sorgen, dass ihr Name und ihr couragiertes Wirken nicht in Vergessenheit gerät.

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