Nachbarschaftshilfe in Sachen Gemüse

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Bei der "Solidarischen Landwirtschaft" findet auch unschön gewachsenes Gemüse den Weg zum Verbraucher. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Fleckige Kürbisse und krumme Gurken – Was im Supermarkt gnadenlos aussortiert wird, landet in den Körben der „Solawis“, der „Solidarischen Landwirtschaften“. Das lokale Direktvermarktungskonzept wurde erstmals 1988 in Hamburg erprobt. Inzwischen existieren 40 Solawis in ganz Deutschland. Die Unteressendorferin Sonja Hummel will das Modell in der Region bekannt machen. Sie hält am Donnerstag, 23. Januar, um 19.30 Uhr im Gasthaus Hirsch einen Vortrag. SZ-Redakteurin Kerstin Schellhorn hat vorab mit der Referentin gesprochen.

Frau Hummel, was ist „Solidarische Landwirtschaft“?

Die „Solidarische Landwirtschaft“ kann man als Direktvermarktungskonzept verstehen, bei dem sich ein Landwirt für ein Jahr mit einer Gemeinschaft von Menschen zusammenschließt. Er rechnet aus, wie viel Geld er braucht, um die Gruppe beispielsweise mit Gemüse versorgen zu können. Diese Betriebskosten teilt er durch zwölf Monate und die Anzahl der Gruppenmitglieder, heraus kommt ein Durchschnittsbetrag. In einer so genannten Bieterrunde kann jedes Mitglied auf einen Zettel schreiben, wie viel es tatsächlich bezahlen kann. Dann werden die Bieterrunden so lange wiederholt bis die Betriebskosten gedeckt sind. Der Landwirt liefert das Gemüse wöchentlich an vorher festgelegte Abholstellen. Dort holt jeder seinen Anteil ab. Das Besondere an dem Konzept ist auch, dass jedes Gemüse geliefert wird, auch Kürbisse, die Flecken haben oder Karotten, die zusammengewachsen sind.

Das heißt, obwohl unterschiedliche Beiträge gezahlt werden, bekommt jedes Mitglied den gleichen Anteil Gemüse?

Ja, das ist einer der beiden Solidaritätsaspekte. Es können auch diejenigen mitmachen, die nicht so viel Geld haben. Und die Mitglieder akzeptieren, dass es Lieferengpässe geben kann.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich einzelne Mitglieder auf Kosten der anderen bereichern?

Das Konzept basiert auf großem Vertrauen, das ist wichtig. Ich denke aber, das ist gegeben, weil sich bei den Bieterrunden alle sehen und der Landwirt seine Kosten offenlegt. Das schafft Vertrauen, wie bei einer Nachbarschaftshilfe. Außerdem ist die Kommunikation untereinander sehr wichtig. Ein Mal pro Monat schreibt der Landwirt einen Newsletter und informiert darin zum Beispiel über die Auswirkungen des Wetters auf die Kartoffelernte. Das hat auch einen Bildungseffekt.

Kommt es vor, dass dieses Vertrauen missbraucht wird?

Es passiert, dass derjenige, der als letztes seinen Anteil abholen will, vor leeren Kisten steht. Der kann dann aber eine E-Mail an alle Mitglieder schreiben und fragen, was los war. Meistens sind es simple Gründe, wie etwa eine falsch eingestellte Waage.

Sie haben Solawi-Praxiserfahrung. Inwiefern?

Während meines Studiums habe ich ein Praxissemester auf einem Solawi-Hof gemacht und für 60 Menschen Gemüse angebaut.

Sind Sie selbst auch Mitglied in einer „Solidarischen Landwirtschaft“?

Jetzt leider nicht mehr. Ich habe vor Kurzem meine Bachelorarbeit abgegeben und wohne jetzt wieder in Unteressendorf. Hier in der Gegend gibt es noch keine Solawis, die nächsten sind erst in Stuttgart, Freiburg oder München.

Denken Sie, dass das Konzept den herkömmlichen Markt irgendwann ersetzen könnte?

Es wird geschätzt, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung bereit wären, bei Solawis mitzumachen. Ich halte das für wünschenswert, aber der Anteil derjenigen, die Bio-Produkte einkaufen, liegt etwa bei der Hälfte. Und Menschen, die an Solawis teilnehmen, gehören meistens zu dieser Gruppe.

Warum, glauben Sie, ist die Resonanz so gering?

Das liegt an mehreren Sachen. Im Schulunterricht spielt es gar keine Rolle mehr, woher die Lebensmittel kommen, die ich verwende. Von politischer Seite geht man zwar immer mehr auf Bio zu, aber durch den Bio-Boom wird das auch wieder kommerzialisiert. Die Bio-Landwirte haben dann den gleichen Preisdruck wie die anderen.

Was wollen Sie mit ihrem Vortrag erreichen?

Ich möchte das Konzept „Solidarische Landwirtschaft“ bekannt machen, weil ich es toll finde. Viele Probleme, die es gibt, bekommen dadurch eine einfache Lösung. Viele Landwirte verdienen immer weniger Geld und der Bildungsstand über die Landwirtschaft sinkt. Solawis verknüpfen beides und wirken dem entgegen. Es liegt mir am Herzen, dass die Menschen wissen, woher Lebensmittel kommen und ich hoffe, dass vielleicht auch die Landwirte in Oberschwaben sagen: „Das wäre was für mich.“

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