Musik als besonderes Erlebnis

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Waltraud Wolf

Ein zweistündiges Konzert eines aus rund 40 Musikern jeden Alters zusammengewürfelten Orchesters und eines Chors mit rund 30 Sängerinnen und Sängern, von denen sich viele wenige Tage zuvor noch nicht kannten, geschweige denn miteinander gesungen und musiziert haben, geht das? Es ging nicht nur, sondern beschenkte die Zuhörer am Freitagabend in der Sankt Georgskirche in Riedlingen mit einem imposanten Hörerlebnis, inklusive Violin-Solo-Konzert und Auszügen aus Joseph Haydns „Schöpfung“. Dass hier und da eine Kinderstimme dazwischen plapperte, wurde gerne akzeptiert, war der Auftritt doch das Ergebnis einer Musikwoche, bei der neben Alleinstehenden und Paaren gerade auch junge Familien willkommen waren. Dank einer Kinderbetreuung konnten Mama und/oder Papa sich intensiv der Musik widmen, für die sonst bei Beruf und Familie häufig nicht mehr so viel Zeit bleibt.

Hohe Qualität und entspanntes Miteinander

Isabel Baumgartner ist eine der jungen Mütter. Als Kind genoss sie solche Musikwochen im Familienverband. Die guten Erinnerungen daran ließ sie zusammen mit ihrer Freundin Claudia Böhme die „aulos klangakademie“ gründen, einen gemeinnützigen Verein, dessen Zweck die Förderung von Kunst und Kultur, sowie Bildung und Erziehung ist, verwirklicht insbesondere durch das Angebot einer Chor- und Orchesterwoche, Konzerte, die Pflege der kammermusikalischen Kultur - und das Generationen übergreifend. Mit dem Kloster in Heiligkreuztal wurde ein idealer Ort gefunden für intensives Proben in verschieden großen Besetzungen und der gemeinsamen Vorbereitung aller Beteiligten einmal am Tag. Dazu boten sich dort ideale Bedingungen für den Nachwuchs, der musikpädagogische Angebote erhielt, aber auch den großzügigen Spielplatz im Herrengarten nutzen durfte. „Die hohe Qualität der musikalischen Arbeit ist dabei ebenso wichtig wie ein entspanntes Miteinander“, wird betont.

Beides wurde augenfällig am Freitagabend. Der Umgang der Musiker jeden Alters untereinander, die liebevolle Aufmerksamkeit, die den Kindern galt, die auch mal schluchzten, weil Mama statt ihrer das Cello streicheln musste oder eine Stunde in der Trage auf dem Rücken ausharren mussten, während Mama im Chor sang, aber auch das hohe Niveau der erarbeiteten Stücke. Welche im Mittelpunkt des Abschlusskonzertes stehen werden, wussten die Teilnehmer, doch keiner musste vorbereitet kommen. Nur wenige üben Musik im Beruf aus, sagt Isabel Baumgartner, die Referenten und musikalische Leiter freilich sind absolute Profis, wie ihr Mann Balthasar Baumgartner, dem die Gesamtleitung oblag und der bei der „Schöpfung“ am Dirigentenpult stand. Er ist Kirchenmusiker. Die Stimmbildungs-Übungen in der Pause gaben einen kleinen Eindruck davon, wie der Chor in Heiligkreuztal vorbereitet wurde. Das Orchester wurde dem Anspruch Haydns nach einem großen Klangvolumen gerecht, beherrschte seinen Part glänzend, um sich bei der Begleitung des Chors zurückzunehmen und die Solisten zur Wirkung kommen zu lassen, allen voran die Sopranistin Claudia Immer - als Einzige extra für das Konzert engagiert - und David Severin mit seinem warmen Bass, der zuvor schon an der Pauke saß und die Bratsche strich. Dynamik und Spannung zeichneten die Aufführung in den monumentalen Chorpassagen aus, aber auch berührende Momente, wie sie der Schöpfung Gottes inne wohnen.

Von der Empore erklang das Blechbläser-Ensemble unter der Leitung von Arnt Böhme, verhalten beginnend, um danach die ganze Kirche mit dem Klang der Instrumente zu erfüllen, ganz wie es Giovanni Gabrielis Sonata Pian e Forte vorgibt. Ein zweites Mal war es mit Piotr Iljitsch Tschaikowskys Romanze opus 5 in einer Bearbeitung zu hören mit einer klaren Melodienführung des hellen Blechs, Tempo durch das dunkle Blech aufnehmend. Ein starker Auftritt!

Tragend, fast tänzerisch beschwingt mit Echo-Effekt erklangen dazwischen zwei Sätze aus Charles Francois Gounods „Petite Symphonie“. Die Instrumente – Flöten, Klarinetten, Oboen, Hörner spielten sich die Bälle zu. Am Dirigentenpult stand Alexander Ott, dessen Tochter Andrea als Solistin mit dem Allegro aperto aus Wolfgang Amadeus Mozarts Violinkonzert A-Dur, Köchelverzeichnis 219, brillierte. Sie studiert Geige und nein, sie hat diese Meisterleistung nicht innerhalb dieser einen Woche eingeübt, sondern wurde gefragt, was sie gerne spielen würde und was die anderen mit ihr aufführen sollten. Ihr Solo-Part war beseelt, andere Passagen bewegt, tänzerisch. Nicht nur der Applaus der Zuhörer belohnte dieses Können, auch anerkennende Blicke und Gesten ihrer Mitspielerinnen und Mitspieler verdeutlichten ihre Bewunderung für die junge Geigerin.

Macht- und kraftvoll dann das Allegro non troppo aus der Symphonie d-moll von César Franck, in dem alle Register ihren besonderen Auftritt hatten. Rund 40 Musiker, die sich eine Woche lang mit dem Werk dieses besonderen Komponisten des 19. Jahrhunderts auseinandergesetzt haben, bewiesen unter der Leitung von Joachim Galemann dem Publikum ihr Einfühlungsvermögen und ihr Können. Ihr kollektives Strahlen nach dem letzten Ton und der aufbrausende Beifall zeigte, wie gut es ihnen gelungen war.

Weil sich das Kloster Heiligkreuztal als ein idealer Ort für das Unternehmen herauskristallisiert hat, wurde es bereits für 2020 gebucht. Und dann sollen nicht nur Musikbegeisterte aus der ganzen Bundesrepublik, sondern insbesondere auch die Menschen vor Ort angesprochen und zur Teilnahme eingeladen werden. Gerade auch Familien gilt die Ermunterung, die sich einerseits eine Auszeit und andererseits eine intensive Begegnung mit Musik unter der Anleitung professioneller Dozenten gönnen und wieder einen so wundervollen Konzertabend vorbereiten wollen, wie er am Freitagabend in Riedlingen genossen werden konnte.

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