Menschen mit Menschenrechten

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Der Menschenrechtsexperte und Schriftsteller Urs Fiechtner im Gespräch mit Zuhörern nach seinem Vortrag im Kapuzinerkloster.
Der Menschenrechtsexperte und Schriftsteller Urs Fiechtner im Gespräch mit Zuhörern nach seinem Vortrag im Kapuzinerkloster. (Foto: Eva Winkhart)
Schwäbische Zeitung
Eva Winkhart

Einen spannenden, lehrreichen und dennoch humorvollen Vortrag zu einem der meistdiskutierten Themen hat Urs Fiechtner am Donnerstagabend geboten: „Flucht, Asyl, Migration – Zwischen Abschreckungspolitik und Willkommenskultur“. Auf Einladung des Freundeskreises „Freunde für Fremde“ sprach er im Refektorium des ehemaligen Kapuzinerklosters. Fast 50 Besucher waren gekommen – wegen des Fußballspiels der deutschen Nationalmannschaft eine halbe Stunde früher als vorgesehen. Und etwa die Hälfte von ihnen blieb auch nach dem Ende des Vortrags – zum Fragen, zum Diskutieren, zum Gespräch.

Als „kompetenten Referenten“ kündigte ihn die Vorsitzende des Freundeskreises Ulrike Hudelmaier an. Und deutlich wurden seine vielfachen Erfahrungen, sein Engagement, seine umfassende Beschäftigung mit dem Thema. Urs Fiechtner wartete nicht nur mit Zahlen, Daten, Fakten auf, sondern zeigte an vielen Beispielen, dass er sich seit 45 Jahren mit Migration, Flucht, Menschenrechten befasst. Seine Biografie spiegele seine eigenen zahlreichen Integrationserfahrungen – gelungene und gescheiterte.

Wichtig ist Fiechtner in all seinen Ausführungen, hinter dem Begriff „Flüchtling“ den Menschen zu sehen. Er zitiert dazu den Schriftsteller Bert Brecht (1898 bis 1956): „Flüchtlinge sind Menschen, die Geschichten tragen über Grenzen.“ Und wenn ein Flüchtling in der Lage wäre, zu erzählen und der Gegenpart in der Lage zuzuhören, wäre der Prozentsatz des Rassismus verschwindend, meint Fiechtner. Leider sei das nicht in ganz Europa der Fall. Dabei lobt er das in Deutschland tief verwurzelte Ehrenamt, das „schwächelnde soziale Strukturen“ des Staates auffange. Die Rücksichtnahme aufeinander, ein Teil unserer Kultur, sollte dennoch wieder wichtiger werden, fordert Fiechtner. Auch unsere „Kultur der Menschenrechte“, verankert im Grundgesetz der Bunderepublik Deutschland, mahnt er, dürfe nicht verändert werden; unser höchstes Kulturgut sei nach wie vor die Freiheit. Die Rückkehr eines „Brutalo-Kapitalismus“, der durch die Sozialsysteme eigentlich gemildert sein sollte, befürchtet er.

Warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen, beschäftigt Fiechtner lange. „Die Flüchtlinge – gibt es nicht. Es ist eine enorm heterogene Gruppe“, sagt er. Politische Verfolgung, zählt er auf, gebe es nahezu überall; in 54 Ländern würden Homosexuelle angefeindet; in 141 Ländern gebe es Folter; Journalisten und Intelektuelle würden wegen ihrer regierungskritischen Berichte unter Druck gesetzt, mit dem Tod bedroht; Menschen würden wegen städtebaulicher Projekte wahllos enteignet. Auch Armut – häufig hausgemacht in der EU durch deren Wirtschaftspolitik – und der Hunger nach Bildung seien Fluchtursachen. Jahrelang habe Zentraleuropa zugeguckt, ohne die Fluchtursachen zu bekämpfen. „Menschen finden in maximaler Not immer einen Weg“, so Fiechtner. Jedoch gebe es in jeder solch heterogenen Gruppe „schräge Vögel“. In jeder Gesellschaft. Auch der unseren. Auch unter den Flüchtlingen.

Und alle, sagt Urs Fiechtner, müssten und könnten gar nicht integriert werden. Nach einer „uralten Erkenntnis“ möchte nur ein geringer Prozentsatz der Flüchtlinge langfristig bleiben. Aus Syrien nennt er acht Prozent. Vor allem Familien mit kleinen Kindern. Von hundert Flüchtlingen, die vor ihm stünden, seien es insgesamt nur 25. Und er gibt zu bedenken, dass eine große Zahl der Flüchtlinge so traumatisiert sei, dass selbst das Deutschlernen für sie mit großen Schwierigkeiten verbunden ist: Wie sollen die neuen Vokabeln im Kopf verankert werden können, wenn ständig die Gedanken an die eigene Familie – versprengt an mehreren Orten, im Flüchtlingslager, noch im Chaos, oft an unbekannten Orten – den Kopf besetzen?

Und trotz aller Integrationsbemühungen bleibe eine Minderheit sichtbar ihrer ehemaligen Heimat verbunden. Aus Heimweh, aus Unwillen, aus einer Zeit, in der es die vielfältigen Angebote wie zurzeit noch nicht gab.

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