„Man muss sich in den Stil hinein denken“

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Die Bänke in der Kirche in Vilsingen werden erneuert, wobei die neogotischen Wangen erhalten bleiben. Ihre Restauration ist dem
Die Bänke in der Kirche in Vilsingen werden erneuert, wobei die neogotischen Wangen erhalten bleiben. Ihre Restauration ist dem Holzbildhauer Roland Nehm aufgetragen. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Als Maskenschnitzer ist Roland Nehm in der Fasnets-Hochburg Oberschwaben vielen bekannt. Als Holzbildhauer übt er zudem den Beruf des Restaurators aus. Er erhält kirchliche Aufträge, bringt antiquarische Möbel für Privatleute wieder auf Hochglanz oder baut sie nach altem Vorbild nach.

Erlernt hat der 57-jährige Familienvater aus Göffingen den Beruf des „Holzmechanikers“, sprich des Industrieschreiners, und zwar bei der Firma Kettnaker in Dürmentingen. Danach rief die Bundeswehr. Roland Nehm verpflichtete sich auf acht Jahre und nutzte die Chance, sich zum Krankenpfleger ausbilden zu lassen. Als nach sieben Jahren die Wiedereingliederung möglich war, strebte er die Meisterprüfung als Schreiner an. Doch: „Die Handwerkskammer hat auf stur gestellt“, da er vor der Wehrpflicht nur ein Gesellenjahr nachweisen konnte. Benötigt hätte er drei. Also suchte er eine Lehrstelle, die zum bisherigen Beruf passte – und ist schließlich beim Holzbildhauer gelandet. „Es war mir nicht bewusst, dass man dazu zeichnen lernen muss“, gesteht er. Das habe er erst in der Berufsschule erfahren und die haben die wenigen Lehrlinge der Branche als Gastschüler bei den Steinbildhauern in Freiburg besucht.

Bereits während seiner Ausbildung in Eberhardzell – mit 150 Mark Lehrgeld – restaurierte er alte Möbel oder baute sie nach und stellte fest, dass ihm die Tätigkeit Spaß macht. Viel gelernt habe er von dem Gesellen, erinnert er sich, gerade auch das Schnitzen.

Mit inzwischen zwei Gesellenbriefen in der Tasche stellte er sich die Frage, wie geht es weiter. Eine Ausnahmegenehmigung des Regierungspräsidiums erlaubte ihm den Start in die Selbstständigkeit, mit der Auflage, nach einem Jahr die Meisterschule zu besuchen. Schließlich gab auch die Handwerkskammer ihren Segen, trotz der Prognose, dass er es nicht schaffen werde. Für den inzwischen verheirateten Roland Nehm begann der Spagat, Verpflichtungen aus der Betriebsgründung in einem erworbenen Bauernhaus in Neufra nachzukommen und das Lernpensum zu schaffen. „Ich habe es geschafft.“

Mit jeweils einem Drittel gibt er den Auftragsumfang des Restaurierens, Möbel-Nachbaus und Maskenschnitzens an. Dank eines Zufalls kam er an die Ausschreibung für die Chorraumgestaltung in Billafingen. Die Diözese Freiburg gab einen neuen Volksaltar, Ambo, Ministrantensitze und Restaurationen am Hochaltar in Auftrag. Nehm erhielt den Zuschlag. „Das war der Einstieg in die Kirchenaufträge“, blickt er glücklich zurück. In Riedlingen war er in der Weilerkapelle und in der Kapuzinerkirche tätig. Er arbeitete in den Kirchen in Grüningen und Altheim und bezeichnet sich dabei auch als „Subunternehmer“ der Restauratoren, die ihn holen, wenn es ums Holz geht. In Stetten bei Hechingen durfte er vor rund zwei Jahren einen großen Auftrag erledigen, die Restauration alter Möbel in der Sakristei der historischen Klosterkirche und den Bau eines großen Multifunktionstischs. Gerade ist er dabei, die Wangen alter Kirchenbänke der Kirche von Vilsingen vom Lack zu befreien, Schnitzereien auszubessern, aber auch Nuten und Schlitze neu zu positionieren. Die Bänke sollen für die Besucher bequemer werden und dennoch will man die historische Optik beibehalten.

In Heudorf galt es, den oberen Abschluss des Hochaltars komplett neu zu machen. Wenn Fotos vorhanden sind, kann sich der Restaurator daran orientieren, wenn nicht, „muss man sich in den Stil hinein denken und anhand der stilistischen Merkmale versuchen, Fehlendes zu ergänzen“. Stilkunde war neben dem Freihandzeichnen und allen Schriftarten seit der Romanik ein Hauptfach bei der Holzbildhauerlehre, unterstreicht Nehm. Viel lerne man aber auch beim Restaurieren selber dazu, wenn man sich mit alten Möbeln oder Kunstgegenständen auseinandersetze. Weil geschmiedete Nägel teuer waren, verwendeten die Schreiner von früher Holznägel, die man selber fertigen und einsetzen konnte. Um an das entsprechende Material zu kommen, ist Roland Nehm eifriger Flohmarktbesucher. Alte rostige Schlitzschrauben, Möbelbeschläge sind interessant für ihn, aber auch historisches Werkzeug. Zum Beispiel bei Schreinereiauflösungen schaut er sich um. Alte Möbel, deren Restauration sich nicht mehr lohnt, werden von ihm „ausgeschlachtet“ und er holt sich beim Abriss von Häusern Holz, das bereits die entsprechende Patina hat. Wenn solches nicht vorhanden ist, muss eine Beize helfen.

Bei einer Barock-Truhe aus Privat-Besitz hat er Intarsien ergänzt, ausgebrochene Furnierstücke ersetzt und den Schellack aufpoliert.

Keine montone Maschinenarbeit

Sein Interesse an Lokal- und Kunstgeschichte ergänzt seine handwerkliche Arbeit. Dass seine Tätigkeit keine monotone Maschinenarbeit ist und er sich mit dem klassischen Handwerk auseinandersetzen muss und es auch ausüben darf, empfindet er als Reiz seines Berufes. Dafür hat er nach der Lehre viel alte Literatur und Fachbücher gewälzt, aber auch experimentiert, bei der Nachahmung der diagonal furnierten Säulen in der Weilerkapelle etwa. Mit einem Theraband, das in der Krankengymnastik eingesetzt wird, hat er die gleichen Effekte erzielt, sagt er schmunzelnd.

Stolz ist er auf eine Sankt-Martinsfigur, die er – zusammen mit Restaurator Willi Mayer aus Langenenslingen – für das bischöfliche Ordinariat in Rottenburg machen durfte. Es handelt sich um eine – allerdings größere – Kopie einer Martinsfigur aus der Riedlinger Sankt-Georgskirche. Das Besondere daran: Martin übergibt dem Bettler eine Münze. Bischof Gebhard Fürst hat die Darstellung gefallen und sie bestellt, so Nehm. Mayer gestaltete sie mit einer aufwendigen Lüsterfassung farbig, verrät der Holzbildhauer, der seine Arbeit an der Holzfigur „eine Herausforderung“ nennt und sich wieder den alten Kirchenbänken zuwendet.

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