Literaturfetzen und Mundharmonikaklänge

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Waltraud Wolf

„Dichterworte an alle Orte“: Nicht nur dieser Anspruch war Thema am Freitag in Riedlingen, auch mit Musik trumpfte die Stadt während des Wochenmarkts in der Altstadt auf. Und zwar mit dem Mundharmonika-Spiel, war dieser Nachmittag doch Werner Dürrson gewidmet, dem Lyriker, der in jungen Jahren Weltmeister im Spiel der Mundharfe war.

Ihm nachzueifern galt es und die Menschen zu unterhalten, die ihre Einkäufe machten. Dazu angetreten war die 6c der Geschwister Scholl-Realschule unter Leitung von Christian Ott und mit Unterstützung von Hintergrundmusik. Ob „Häschen in der Grube“ oder „London-Bridge is falling down“, der Applaus all jener, die sich um sie am Rathaus gruppiert hatten, war ihnen gewiss.

Auch die zwei Clowns Anton und Anton lauschten. Und sie verbanden beides: Musik und Dichtung, stellten angesichts ihres Behältnisses für Bücher fest: „Die Literatur ist im Eimer.“ Anton Miehle holte sie hervor, um mit ausladenden Bewegungen Werner Dürrson zu zitieren, während Anton Munding leise Töne auf der Mundharmonika dazu spielte. Ins Staunen gerieten die Umstehenden, als das Clownsduo in zweierlei Positionen Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ intonierte“, der eine stehend, der andere im Handstand. Doch nicht genug. Sie hatten sogar noch ein „Autobrautlied“ des Lyrikers parat und animierten zum Mitsingen im ersten Dürrson-Chor: „Bald ras ich am Neckar, bald ras ich am Rhein, bald fisch ich ein Mädchen, bald bin ich allein“.

Erst seit zwei Jahren spielt Josef Müller aus Bad Saulgau Mundharmonika, ist jedoch auf vielen Kursen unterwegs, um sich fortzubilden. Sogar in einem Mundharmonika-Orchester spielt er und in Riedlingen überraschte er nicht wenige mit seinem Repertoire, zu dem auch „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“ gehört. Durch die Berichterstattung in der Schwäbischen Zeitung aufmerksam auf das „Mundharmonika-Straßenfestival“ geworden ist Wolfgang Gösele aus Uttenweiler und hat sich spontan bereit erklärt, mitzumachen. Seit 62 Jahren macht der 78-Jährige Musik. Die von ihm gespielten Volkslieder ließen den einen sogar mitsingen.

Während Gisela O’Grady-Pfeiffer am Weibermarkt mit „Summertime“ auf ihrer singenden Säge verblüffte, hing eine wissbegierige Schar von Menschen in Ricki Scopes Galerie an den Lippen von David Stützel, die einen ohne, die anderen mit Mundharmonikas in den Händen. Sie erfuhren Theoretisches und übten Praktisches und hatten ganz einfach viel Spaß, wie auch alle Zuhörer.

Wer nicht nur die Ohren aufsperrte, sondern auch die Blicke nach oben erhob, der konnte an Hauswänden Dichterworte entdecken und zwar solche von Werner Dürrson, samt Porträt. Am Stadtcafé kann man noch bis zum 31. Oktober lesen: „Klares Winterbild. Der Pfahl am Hang– seit der Krähe die aufflog steht er verlassen“. Auf Satzzeichen verzichtete der Lyriker zumeist. Das konnten auch jene erkennen, denen an den Marktständen „Literaturfetzen“ des Dichters gereicht wurden. „Wo noch ein Lächeln gelingt verlieren die Probleme an Schwerkraft“, erhellte so manches Gesicht und ließ es strahlen. Noch bis 31. Oktober wird Riedlingen „Flagge zeigen“ und zum Lesen einladen.

Wer auf den Boden sah, erkannte mit blauen Federkielen das Logo des Literaturnetzwerks Oberschwaben, das neben der Dürrson-Stiftung hinter der Aktion stand. Sie wiesen auf die Orte des Geschehens hin.

Neben den heiteren Tönen gab es auch einige ernste, gesprochen von Bürgermeister Marcus Schafft beim offiziellen Auftakt am Rathaus. Er verwies auf die Aktivitäten des Literaturnetzwerks und unterstrich die Bedeutung Oberschwabens im Allgemeinen und Riedlingen im Besonderen mit seinen kulturhistorisch bedeutenden Söhnen und Töchtern, bis hin zu den zeitgenössischen Schwergewichten kulturellen Wirkens. Dazu zählte er neben Ernst Jünger Werner Dürrson. Seine Auseinandersetzungen mit dem Dritten Reich in seiner romanesken Biografie „Lohmann oder die Kunst sich das Leben zu nehmen“, veranlasste Schafft angesichts aktueller Vorkommnisse in Deutschland, auf die Stolpersteine hinzuweisen, Menschen gewidmet, die während des Nationalsozialismus verfolgt worden waren; aber auch auf Ludwig Walz, dem eine Plakette am Rathaus gewidmet ist, unter anderem weil er Juden geholfen hat.

Doch da war auch noch der „Goschenhobel“, den der Großvater dem kleinen Werner Dürr geschenkt hat und der ihn zur Weltmeisterschaft auf diesem Instrument führte und die jungen und erwachsenen Musiker zu ihren Auftritten.

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