Liebeskummer führt zu Traumjob

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 Christian Pfeiffer hielt einen mitreißenden Vortrag im Kapuzinerkloster in Riedlingen.
Christian Pfeiffer hielt einen mitreißenden Vortrag im Kapuzinerkloster in Riedlingen. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Was hat Astrid Lindgren mit den Forschungen eines Kriminologen? All jene, die am Donnerstagabend auf Einladung der Ulrich’schen Buchhandlung bei der Buchvorstellung von Christian Pfeiffer im Kapuzinerkloster in Riedlingen zu Gast waren, wissen es jetzt. Die Kinderbuch-Autorin war es, die bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 an sie forderte: niemals Gewalt gegen Kinder.

Das Zitat gehörte zu den wenigen Sätzen, die der Gast an diesem Abend wirklich aus seinem Buch „Gegen die Gewalt“ vorlas. Ansonsten hielt er einen freien lebendigen Vortrag, der Einblick nicht nur in seine Arbeit, sondern auch sein Leben gab. Und das ist eng mit der Raumschaft Riedlingen verbunden, ist er doch seit 44 Jahren mit seiner Frau Anna liiert, der Tochter des Saulgauer Landrats Karl Anton Maier, die in Ensmad aufgewachsen und in Riedlingen zur Schule gegangen ist. So ist ihm die Gegend vertraut. Deshalb freute er sich auch, unter den mehr als 100 Anwesenden – darunter auffallend viele Männer - „alte Bekannte“ zu sehen. Diese Verbundenheit unterstrich er zudem in der Reihenfolge seiner Lese-Tour: Riedlingen, Bern, Berlin, München.

„Kriminologie war nicht mein Thema“, stellte er zunächst fest. Ein Stipendium in London riss ihn aus seiner liebevollen Umgebung heraus, aber auch aus Erwartungshaltungen. Auf Entdeckungssuche stieß er auf Ausführungen eines Psychologie-Professors, der die Gewaltkriminalität primär als Resultat ererbter Einflussfaktoren darstellte. Er setzte dagegen und landete in einem Master-Kurs Kriminologie. Zurück in Deutschland agierte er ehrenamtlich als Bewährungshelfer.

Liebeskummer war es, der ihn eine junge Frau ansprechen ließ. Er begleitete sie nach Hause. Dass dort ihr Freund auf sie wartete, hatte er nicht auf dem Schirm. Beim Genuss eines guten Rotweins wurde in Freundschaft die Idee geboren, Prominente für Zeitungsabonnements zu gewinnen, um Häftlinge damit zu beglücken. Christian Pfeiffer kannte von früher Gustav Heinemann, der inzwischen Bundespräsident geworden war, der neu gewonnene Freund war Journalist und hatte Heinrich Böll und Günter Grass im Visier. Dass der Bundespräsident ihn zurückrief, war dem Zufall gedankt, Richard von Weizsäcker, damals Abgeordneter, und Walter Scheel als Außenminister waren mit von der Partie. „Zwölf Superprominente“ waren es schließlich, einer davon Professor Dr. Schüler-Springorum, ein „hochangesehener Strafrechtler und Kriminologe der Universität München“. Er hatte den Artikel in der Zeit über die Aktion gelesen und bot Pfeiffer eine Assistentenstelle ein. „Ein Traumjob“, resümierte der Professor. Er führte ihn 1985 nach Hannover an das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, das er bis 2015 leitete.

Doch der Zufälle nicht genug. Weil er im Stau stand, hörte ein Verleger eine Radiosendung mit dem inzwischen gefragten Experten und erfuhr dabei, dass trotz eines gefühlten Anstiegs von Gewalt – Pfeiffer gibt hier vor allem Medien die Schuld sie abgenommen hat, insbesondere die schwere. Je jünger die Altersgruppe, umso deutlicher fällt der Rückgang aus, hat Pfeiffer erkundet. Und er zeigt die Gründe dafür auf: den Wandel von mehr Liebe und weniger Hiebe in der Kindererziehung. Das Angebot, ein Buch darüber schreiben zu können, nahm er freudig an.

Die Zuhörer erfuhren Einzelheiten aus den einzelnen Kapiteln, den Frust darüber, dass Frauen erleben müssen, dass ihre Vergewaltiger freigesprochen werden, wie negativ sich die „Wucht der Bilder“ von Computerspielen auf Jugendliche auswirken kann, dass illegal immer noch ein Erziehungsratgeber einer freikirchlichen Einrichtung mit der Strafe „einer langsamen Rute“ verbreitet wird, es in Gefängnissen weniger Gewalt gibt, wenn man seitens der Aufseher Gerechtigkeit erfährt, unterstrichen von Zahlen und Fakten. Wichtig ist Christian Pfeiffer auch in Riedlingen die Botschaft: Liebe zahlt sich aus.

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