Lernen, mit dem Wolf zu leben

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 Wolfsbotschafterin Andrea Schumacher aus Uigendorf und Dr. Joachim Kieferle, Vorsitzender des Nabu Riedlingen.
Wolfsbotschafterin Andrea Schumacher aus Uigendorf und Dr. Joachim Kieferle, Vorsitzender des Nabu Riedlingen. (Foto: Eva Winkhart)
Eva Winkhart

Auf großes Interesse ist die Veranstaltung des Naturschutzbundes (Nabu) in Riedlingen zum Thema Wolf gestoßen. An Landwirte, Schäfer, Förster, Jäger und Freunde der Natur richtete sich die Einladung zum Vortrag von Andrea Schumacher, eine von 300 ehrenamtlichen Wolfsbotschaftern des Nabu in Deutschland. Am Freitagabend trafen sich etwa 70 Interessierte im „Rosengarten“. Eine lange und heftig geführte Diskussion schloss sich der Präsentation an.

Ein voll besetztes Nebenzimmer. Mehr und mehr Stühle werden gebracht. Passende Plakate sind ausgehängt, Flyer und Informationsbroschüren liegen bereit. Unterhaltungen und Lachen an den Tischen. „Na, bist du schon mal einem Wolf begegnet? Wie Rotkäppchen?“, ist zu hören. Und mit der bekannten Figur aus dem Märchen startet auch Andrea Schumacher in ihre Ausführungen: „Rotkäppchen lügt!“ Sie möchte ihrem Publikum vermitteln, dass der Wolf nicht die menschenfressende Bestie ist, als die er oft dargestellt wird, möchte Gerüchte ausräumen durch Wissen.

„Willkommen Wolf – Gekommen, um zu bleiben!“, steht über ihrem Vortrag. Gut informiert und ausgebildet in zahlreichen Seminaren zu Theorie und Praxis, berichtet sie ausführlich – unterlegt mit vielen Fotos, Zahlen, Karten – über die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland, wo der letzte 1904 geschossen worden war. Seit 2000 wird er wieder heimisch, zugewandert aus einer großen Population aus dem Osten. Und in den nord-östlichen Bundesländern der Bundesrepublik lebt heute wieder die Mehrzahl der zugewanderten Wölfe. Die von Schumacher präsentierte Karte zeigt zahlreiche Wolf-Symbole in Brandenburg, Sachsen, Thüringen – und eines in Baden-Württemberg. Von etwa 400 in 73 Rudeln, 30 Paaren und drei residenten Einzeltieren sei ein Tier im Schwarzwald ansässig.

Schumacher führt aus – nach der Beschreibung der Vergangenheit von Mensch und Wolf, der körperlichen Merkmale, des Fressverhaltens –, wie wichtig dem Wolf die Ruhe ist. Ruhe zum Jagen und Fressen, zur Aufzucht der Jungen. Daher suche er sich wenig besiedelte Gebiete aus, wie beispielsweise Truppenübungsplätze. Hier finde er geeignete Lebensräume. 13 der 21 vorhandenen Militärgelände würden bereits von Wölfen genutzt. Und er fresse alles: „Die Wölfe fressen, was sie kriegen. Sie sind nicht sehr wählerisch“, sagt Schumacher. Rehe stünden am häufigsten auf dem Speiseplan, Wildschweine, Hirsche, aber auch kleineres Getier, im Notfall Beeren und Pilze – und Abfälle.

In diesem Zusammenhang macht sie deutlich, dass ein Wolf niemals gefüttert werden darf. Wölfe seien Wildtiere, Raubtiere, und sie sollen nicht an den Menschen gewöhnt werden. Wenn ein Wolf „gelernt“ habe, leichte Beute zu machen und beispielsweise ungeschützte oder wenig geschützte Nutztiere wie Schafe zu reißen, müsse er getötet werden. Sein „Können und Wissen“ werde sonst genetisch weitergegeben an die Jungen. Aber: „Wir sind Wolfsland. Wir müssen lernen, mit ihm zu leben“, so die Wolfsbotschafterin.

Und Wölfe legen lange Strecken zurück auf Nahrungssuche, auf der Suche nach einem Partner oder einem eigenen Revier. Dabei erklärt Andrea Schumacher unmissverständlich, dass der Wolf nicht „gebracht“ wurde, sondern als wild lebendes Tier mit großen Wanderungsbewegungen selbst sich hier wieder angesiedelt hat. Und genau daran scheiden sich die Geister in der Diskussion. Naturbefürworter und Kritiker – darunter Schafhalter und Landwirte – versuchen, ihre konträren Meinungen deutlich zu machen. „Es gibt Wolfshasser und Wolfskuschler“, sagt dazu die Geschäftsstellenleiterin des Nabu in der Bezirksgeschäftsstelle in Biberach Sabine Brandt. Auch sie erklärt auf Einwände der Kritiker zum erhöhten Schutzaufwand ihrer Tiere – andere Hunde, andere Zäune, teurer, schwieriger, mehr Arbeitsaufwand –, dass der Wolf hierher gehöre. „Der Wolf ist da. Wir müssen uns mit ihm arrangieren!“, sagt auch Sabine Brandt. Sie kennt die Konflikte mit den Nutztierhaltern zu diesem Thema genau. Und sie erklärt, wenn es „Problemwölfe“ geben wird, die das Reißen von Nutztieren gelernt haben und weitervererben können, werde eine „Taskforce“ das Problem lösen müssen. Illegales Abschießen sei nicht die Lösung. Ein Regierungsprogramm in Zusammenarbeit mit Jägern, Nabu, Nutztierhaltern und weiteren Experten entstehe gerade.

Hier, im weiten Gebiet um Riedlingen, werden sich die Wölfe wohl nicht heimisch fühlen werden, beruhigt Andrea Schumacher; dazu sei die Besiedlung zu dicht und die Tiere fänden nicht die notwendige Ruhe. Durchziehen könnten Wölfe jedoch auch hier. Und der Riedlinger Nabu Vorsitzende Dr. Joachim Kieferle erinnert daran, dass der „Schluchseewolf“ im Gebiet um den Bussen gesichtet worden war.

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