Kulturpredigt ohne erhobenen Zeigefinger

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Waltraud Wolf

Aufhorchen lassen soll die Riedlinger Kulturpredigt und dabei Menschen zwischen Bodensee und Neckar ansprechen, also weit über die Region hinaus. Die Werner Dürrson-Stiftung lädt am Sonntag, 29. September, zum dritten Mal zu diesem literarischen Ereignis ein und zwar um 17 Uhr in die Kapuzinerkirche. Ihr stellvertretender Vorsitzender Matthias Kehle hat dafür eine Schriftstellerkollegin gewonnen: Annette Pehnt. Sie macht deutlich, dass sie dabei „nicht für erlesene Kreise reden“, sondern alle erreichen will, ein Anspruch, den auch Herbert Theisinger hegt, der Vorsitzende der Dürrson-Stiftung. Und er weiß aus Erfahrung, dass sein Stellvertreter „ein gutes Händchen“ bei der Auswahl von Autoren hat.

„Predigt ist eine Ansprache, die sich weitet und öffnet“, schlägt Annette Pehnt den Bogen zur Kirche, der sie sich „relativ nahe“ fühlt. Sie sei in der evangelischen Kirche und hier vor allem in der Friedensbewegung engagiert gewesen und habe als Kind einmal davon geträumt, Pfarrerin zu werden, verrät sie. Auf der Kanzel zu stehen, fände sie toll, vermerkt sie, wobei es der Akustik und Beleuchtung wegen der Chorraum der Kapuzinerkirche sein wird, von dem aus sie sprechen wird. Sie setze sich mit Glaubensfragen auseinander, erklärt sie im Interview und betont, dass sie zu Fragen des Glaubens etwas zu sagen habe. Auch wenn sie die Kulturpredigt eher religiös sehe, werde die politische Thematik berührt. Darüber hinaus ist sie sicher, dass ihr die erwartete „humorvolle Einmischung“ gelingen wird. Einen erzieherischen Anspruch hege sie nicht, hält sie fest. Sie sieht sich eher als Beobachterin, die versuche, mit der Sprache, Wirklichkeit zu betrachten. Auf jeden Fall brauche man keinen erhobenen Zeigefinger zu befürchten. Ihre Kulturpredigt solle ein Anstoß sein. Den Zuhörern müsse sie überlassen, was sie mitnehmen und weiterdenken.

Auch in ihren Texten, wie dem „Lexikon der Angst“ oder dem „Lexikon der Liebe“ enden ihre Geschichten häufig offen. Fertige Antworten liefert die Autorin hier zumeist nicht. Dies, so ihre Erfahrung, helfe, Fragen entstehen zu lassen. Und mit den Menschen ins Gespräch kommen, das will sie auch nach der Kulturpredigt, wenn die Stiftung ins Kapuzinerkloster zum Umtrunk einlädt. Eigene Fragen in Gegenwart von Gesellschaft zu überdenken, darin sieht Annette Pehnt auch eine Chance der Kulturpredigt.

Riedlingen kennt die Schriftstellerin bislang nicht und möchte deshalb gerne an der Führung durch Kloster und Kirche teilnehmen, die vor der Kulturpredigt um 15.30 Uhr von Mitgliedern des Altertumsvereins angeboten wird. Dabei kann sie – mit allen anderen Interessierten - auch Einblick nehmen in den Gedenkraum für Werner Dürrson, den Schriftsteller, der in Neufra lebte. Dank der Stiftung, die er einen Tag vor seinem Tod am 17. April 2008 gründete, wird Riedlingen immer wieder zum literarischen Zentrum, wie jetzt bei der dritten Kulturpredigt nach 2013 mit Arnold Stadler und 2017 mit Martin von Arndt.

Annette Pehnt wurde 1967 in Köln geboren und lebt jetzt mit ihrer Familie in Freiburg und in Hildesheim. An der dortigen Universität leitet sie das Literaturinstitut und hat eine Professur für kreatives Schreiben und Kulturjournalismus inne. Darüber hinaus ist sie noch an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg und journalistisch tätig. Für ihr Werk erhielt sie eine ganze Reihe von Preisen, so 2017 den Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg.

In ihren Büchern – wie zum Beispiel in ihren Miniaturen – hat sie den Anspruch, „möglichst viel vom Leben zu erwischen“. Sie bringt darin auch biografisches Material ein, das sie so lange bearbeitet, „bis es eine eigene Dynamik entwickelt“. In ihrer Erwachsenenliteratur stellt sie sich, „was nicht gelingt“, auch dem Scheitern und Brüchen. Kindern dagegen könne man das nicht zumuten, deshalb haben die Bücher für den Nachwuchs stets „einen guten Schluss“ und geben Ermutigung.

Nach der Kulturpredigt wird es einen Büchertisch und die Gelegenheit geben, sich die Bücher von Annette Pehnt signieren zu lassen.

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