Kulturorte erlebbar machen

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Das Literaturnetzwerk hat „Leseplätzchen“ als Kulturoasen eingerichtet.
Das Literaturnetzwerk hat „Leseplätzchen“ als Kulturoasen eingerichtet. (Foto: Günther Brender)
Schwäbische Zeitung

Eine wahre Ideenschmiede betreibt seit 2018 das Literaturnetzwerk Oberschwaben (LiO), in dem acht Museen, Literatur- und Gedenkorte zukunftsfähige Aktionen und Modelle für ländliche Museen entwerfen.

Ziel von LiO ist es, die Einzigartigkeit der literarischen Landschaft in Baden-Württemberg für ein unterschiedliches Zielpublikum facettenreich erlebbar zu machen. „Baden-Württemberg gehört zu Europas dichtester und vitalster literarischer Landschaft“, erklärt Dr. Thomas Schmidt vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. Es sei eine wichtige Aufgabe, die Strahlkraft auch in die Zukunft zu tragen. Schmidt betreut und berät das Musterprojekt LiO als Leiter der „Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg“. In den beiden Jahren, in denen die Kooperationspartner von LiO zusammen arbeiten, haben sie bereits wichtige Impulse gesetzt. Besucher dürfen in der Aktionswoche vom 17. bis 31. Oktober mit 25 Veranstaltungen erleben, wie kreativ, bunt und vielgestaltig sich Kultur und Geschichte einem breiten Publikum vermitteln lässt.

Zum Netzwerk gehören acht literarische Orte. Dazu zählen Obermachtal und Dieterskirch mit dem Kanzelredner, Prediger und Schriftsteller Sebastian Sailer (1714-77), Oberstadion mit dem Philosophen und Theologen Christoph von Schmid (1768-1854), Riedlingen mit dem Lyriker, Germanisten, Romanisten und Musikwissenschaftler Werner Dürrson (1932-2008), Rottenacker mit dem Maler und Hofschauspieler Franz Carl Hiemer (1768-1822), Wilflingen mit dem Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998), Kreenheinstetten mit dem Barock-Prediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709) und Meßkirch mit dem Philosophen Martin Heidegger (1889-1976).

„Diese Netzwerke sind wichtig, um Literatur zu vergegenwärtigen, und zwar als lebendige Erfahrung an Orten, die erlebbar und zu besichtigen sind“, meint Arnold Stadler. Literatur sei nicht für eine kleine elitäre Gruppe geschrieben, sie wolle nicht museal daherkommen, sondern Bedeutung in der Gegenwart haben, beschreibt der Büchner-Preisträger.

Es geht auch darum, Orte des Literaturgenusses und des Austauschs zu schaffen. Nicht jedes Museum hat die Möglichkeit, ein Café zu betreiben. Aber an nahen Orten lassen sich kleine Kultur-Oasen einrichten, beispielsweise die „Leseplätzchen“. Hierfür hat LiO Sitzkissen, Aufkleber, Sonnensegel, Kuscheldecken und Keksdosen entworfen.

Eine weitere Idee, um die örtlichen Literaten in das Bewusstsein von Einwohnern und Gästen zu bringen, stammt aus Riedlingen und besteht in der Aktion „Dichterworte an alle Orte“. In Zusammenarbeit mit dem Kunstverein sollen dort überall in der Stadt Zitate Werner Dürrsons (1932-2008), der in Riedlingen lebte, sprießen. Wo diese zu lesen sind, ob an Wandtafeln, auf Fahnen, auf Schaufenster gesprüht, lässt sich auf unterschiedliche Weise gestalten und je nach Mitwirkenden kreieren. Da Werner Dürrson vor seiner Schriftsteller-Karriere Weltmeister im Mundharmonika-Spiel war, plant Riedlingen ein Straßenfestival sowie ein Konzert dem Klangkünstler David Stützel.

Für die Jugendlichen darf der Barockprediger Abraham a Sancta Clara Inspiration sein. Der Wortgewaltige mit seinen Sprachspielerein und Aphorismen liefert Stoff für Rap, Slam, Songs oder Poesie jeglicher Art.

Im „Philosophischen Café“ in Meßkirch darf jede und jeder Teilnehmende seine Meinung sagen, argumentieren und Stellung beziehen zu aktuellen Themen wie der Selfie-Mania, Umweltfragen oder Grunderfahrungen des Menschseins wie Leben und Tod. Für diejenigen die etwas tiefer in das Denken Martin Heideggers eintauchen möchten, gibt es Workshops, Vorträge und Seminare.

Kultur im Ländle lässt sich erradeln, erpaddeln oder zu Fuß erleben – als Theaterspaziergang in Rottenacker, als Wanderung auf Ernst Jüngers täglicher Route oder mit Blick auf das klösterliche Leben in der Barockzeit.

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