Kulturfrühstück macht Appetit aufs Sommertheater

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Das Improvisationstheater unter der Leitung von Anton Köberle (Mitte) begeisterte mit seinen Auftritten beim Kulturfrühstück.
Das Improvisationstheater unter der Leitung von Anton Köberle (Mitte) begeisterte mit seinen Auftritten beim Kulturfrühstück. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

„Ich bin selten da, wo was los ist“, sang Rainer Bohner zusammen mit Armin Kurz beim ersten Riedlinger Kulturfrühstück. Am gestrigen Sonntag freilich war das ganz anders. Er und mit ihm rund 200 fröhlich gelaunte Menschen in Weiß-Rot waren auf Einladung des „Kulturbeutels“ gekommen, um in der Fußgängerzone gemeinsam ein Mahl in vielen verschiedenen Variationen einzunehmen und sich an ganz besonderen kulturellen Bonbons zu erfreuen. Erst nach 14 Uhr löste sich auf, was als Appetit-Anreger auf das Sommertheater 2020 gedacht war.

Einmal über den roten Teppich schreiten, wer wünscht sich das nicht angesichts der Prominenten, denen dieser Gang vergönnt ist. Die Riedlinger und die Gäste aus dem Umland hatten gestern die Gelegenheit dazu und außerdem war für sie ein Tor aus weiß-roten Stangen aufgestellt. Was will man mehr. Davor war die „Kleiderkammer“ aufgestellt. Hemden und Shirts und anderes in Rot und Weiß lagen parat, um auch jene noch einzukleiden, die im heimischen Schrank nicht in den Riedlinger Stadtfarben fündig geworden waren. An 21 Tischen durften sich die Hungrigen setzen und das auspacken, was sie mitgebracht hatten. Und die festlich dekorierte Tafel war reich gedeckt - mit Brötchen und süßer Marmelade, aber auch Eiern und Wurst, Oliven, knackigem Gemüse, frischen Beeren und sogar Kuchen. Darüber hinaus wurden die Gäste von freundlichen Menschen zu einem Glas Sekt animiert oder durften sich mit Wasser und Saft versorgen. Gefüllte Kaffeekannen standen auf dem Tisch. Waren hiermit Gaumen und Magen gut versorgt, so kamen auch Augen, Ohren, Seele und Gemüt nicht zu kurz. Schließlich stand das Wort „Kultur“ vor dem Frühstück.

Es war eine bunte Mischung, die gefiel, wobei sich bald herausstellte, dass die Künstler mangels einer ausreichenden Verstärkeranlage wandern mussten, um ihr Publikum zu erreichen. Und wer unter den Zuschauern und Zuhörern besonders schlau war, der zog mit, um möglichst viel von dem mitzubekommen, was Musiker und Theaterleute zu bieten hatten.

Gisela O’Grady-Pfeiffer war denn auch gleich mit ihrem „Koffertheater“ unterwegs und intonierte mit dem Gießkannen-Orchester der Kinder ein Begrüßungslied mit lauter Freundlichkeiten gegenüber den Nachbarn.Selma Ouertani übernahm mit ihrer Gitarre den klassischen musikalischen Part. Rainer Bohner und Armin Kurz packten außer ihren Gitarren noch Akkordeon, Mundharmonika und Percussions aus, um neben Geschichten Lieder aus ihrem Leben vorzutragen. „Jeden Tag hab ich den Blues“ oder auch „Ich sage Dankeschön“. Die Texte gaben Anlass, zuzuhören, die Musik zum Mitwippen oder gar den Takt zu schlagen. Revital Herzog eroberte mit ihren gefühlvollen Akkordeon-Klängen die Herzen der Zuhörer, einmal hier und einmal dort.

Dann war noch das Improvisations-Theater mit seinen vielen Schmankerln. Was eine solche Theaterform ausmacht, erläuterte Anton Köberle dem Publikum. Er agierte im Sommertheater „Kleine Stadt. Große Welt“ als genialer Valentin Ulrich und leitet seither in einem Volkshochschulkurs Theaterbegeisterte zum Spiel mit Worten, Gedanken, Gefühlen, Gesten und Mimik an. Grandios war, was die zwölf Frauen und Männer hier geleistet und welchen Spaß sie vermittelt haben, wobei offen bleibt, wer mehr Freude an ihrem Spielt hatte, sie selber oder jene, die ihnen begeistert zuschauten und zuhörten. Als Requisiten gab’s nicht mehr als Barhocker und auch die kamen kaum zum Einsatz, denn sich selber zu präsentieren mit Einfallsreichtum, Körpereinsatz, Witz und Emotionen und das ohne jede Scheu, das war gefragt. Da war zum Beispiel die erfolgreiche Suche nach einer neuen Partnerstadt für Riedlingen, gefunden im indischen Ozean. Klar, dass hier die Kunst des Übersetzens gefragt ist, auch oder gerade, wenn die Zuhörer die Stichwortgeber sind. Bravourös haben die drei Akteure es geschafft, etwas von der Kultur der fremden Stadt zu vermitteln, in Gesang und Tanz und mit eindeutigen Gesten in Gebärdensprache.

Ganz anders dann das Wechselspiel. Menschen, die Rollen einnehmen und dann wieder tauschen, Begegnungen, die unterschiedlicher nicht sein können, kühl und abweisend oder auch Beziehungen anbahnend, je nachdem, wer einem gegenüber sitzt. Eine andere Spielart sind die Geschichten, in denen den Akteuren drei Worte zugerufen werden und sie daraus eine mehr oder minder sinnige Story gestalten müssen. Ja und was macht man hier aus „Eifelturm, Massentierhaltung und Gugelhupf“ oder „Lebertran, Sauerkraut und Revolution“? Wunderbare Konstruktionen von irrwitzigen Gedankengängen mit der Erkenntnis: Sauerkraut und Lebertran sind auch bei einer Revolution gut. Geradezu wissenschaftliche Abhandlungen kamen heraus bei der Erklärung, wie ein Flugfahrrad entstanden ist.

Ziemlich kompliziert war die Rätselfrage nach einer Zwetschgenschälmaschine, zumal es diese nicht gibt. Der Hauptakteur weiß nicht, wovon man spricht, wird aber Schritt für Schritt in die richtige Richtung geführt. Das besondere Schmankerl bei diesem Improvisationswerk: Der Protagonist darf seine Hände nicht benutzen. Sich am nicht vorhandenen Bart kratzen oder die Brille verrücken, das tut ein anderer oder hier eine andere hinter ihm. Zum kringelig Lachen war es, was hier geboten wurde. Richtig ab ging es aber auch bei den drei Damen, die sich auf dem Bussen treffen, den zwei Pilgern und jener Frau, die sie auf dem Heiligen Berg empfängt. Anton Köberle gab hier vor, mit welchen Emotionen und Charakteren sie zu agieren hatten und so erlebten die Zuhörer die drei Frauen einmal weinerlich oder euphorisch, zornig oder beseelt, wütend oder herrisch, eifersüchtig oder verliebt. Wie sie sich in ihre jeweils vorgegebenen Gemütsschwankungen einfanden, war einfach genial. Die Akteure übrigens waren in Schwarz angetreten mit einem roten Einsprengsel, wie roten Schuhen, einem Schal, einer Krawatte oder einer Haarschleife in Rot.

Ihnen allen kann man für ihre Auftritte nur gratulieren, an erster Stelle aber den Ideengebern und Organisatoren des Kulturfrühstückes Gisela O’Grady-Pfeiffer, Andrea Traub und Ulrich Hirsch. Diese Mühen dürfen sie weitere Male auf sich nehmen. Zugute kam auch ihnen, dass Kinobesitzer Jürgen Matzner ein Herz für die Kultur in Riedlingen hat und sein Lichtspielhaus für die Infrastruktur öffnete. Schließlich muss irgendwo Kaffee gekocht und müssen Gläser gespült werden. Bleibt das Wort an alle, das Rainer Bohner sang: Dankeschön.

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