In Riedlingen läuft alles ein wenig anders: Während anderswo der Pflegenotstand herrscht, feiern die Gäste der Riedlinger Demen
In Riedlingen läuft alles ein wenig anders: Während anderswo der Pflegenotstand herrscht, feiern die Gäste der Riedlinger Demenzpflege ihr Maibaumfest. Unser Bild zeigt Einrichtungsleiter Michael Wissussek, Pflegedienstleiterin Sabine Eggart, Bürger (Foto: Gabriela Link)

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Pflegekräfte unter Zeitdruck, überlastete Angehörige und Menschen, die nach langem Arbeitsleben in Existenznöte geraten: Was Pflege in Deutschland leider allzu oft bedeutet, das hat am Montagabend eindrücklich die 45-minütige ARD-Dokumentation „Pflege: Hilft denn keiner?“ vorgeführt. Doch es geht auch anders. Als leuchtendes Gegenbeispiel widmete sich die Sendung ausführlich der Seniorengenossenschaft Riedlingen und ihren Aktivitäten in der Donaustadt und in Bad Buchau. Ein Auftritt zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr, der schon jetzt Kreise zieht, wie Vorsitzender Josef Martin und Einrichtungsleiter Michael Wissussek berichten.

Die ersten Reaktionen kamen noch am selben Abend. Neben dem Lob von Freunden und Bekannten, erhielten die Akteure der Seniorengenossenschaft auch Rückmeldungen begeisterter ARD-Zuschauer. Josef Martin berichtet von einigen Anfragen, etwa des Rotary-Clubs in Tuttlingen, die nun das Riedlinger Konzept näher kennenlernen wollen. Eine 68-jährige Zuschauerin aus Wangen habe die Sendung sogar so beeindruckt, dass sie sich nun überlege nach Riedlingen zu ziehen. Hier wolle sie sich engagieren und fühle sich auch im hohen Alter gut versorgt, fasst der Vorsitzende das Gespräch zusammen. Eine SMS direkt aus Berlin erreichte Michael Wissussek: Ein Dermatologe, selbst viele Jahre in der Pflege tätig, wandte sich im Anschluss an die Sendung an den Demenzexperten, um ihm seine Komplimente auszusprechen. Von einem weiteren Zuschauer wurde Wissussek nach Luxemburg eingeladen, um dort in zwei Konferenzen zum Thema Demenz das Konzept der Seniorengenossenschaft vorzustellen.

Wirkmächtige Bilder

Tatsächlich scheint in Riedlingen und Bad Buchau vieles ein wenig anders zu laufen. In ihrer Dokumentation stellen die Redakteure Julian Graefe, Jürgen Rose und Thomas Schneider auch den hektischen Alltag eines Pflegeheims dar und zeigen, wie eine pflegende Angehörige zunehmend an ihre Grenzen stößt. Während Ehefrau Roswitha bei der Pflege ihres schwerkranken Kurt gänzlich allein gelassen wird, können Angehörige in der Riedlinger Tagespflege Demenzkranke in guten Händen wissen. Hier bleibt noch Raum für Gespräche und Zuwendungen, für Musik und Menschlichkeit. Und während Pflegefachkraft Franziska ihre streng durchgetaktete Arbeit im Pflegeheim unterbrechen muss, um einen demenzkranken Bewohner zu suchen, spazieren die Gäste der Riedlinger Tagespflege, erkennbar an ihren Buttons, selbstständig durch die malerische Altstadt.

Weitere Aufnahmen zeigen Mitglieder der Seniorengenossenschaft beim Essen ausfahren und Hausbesuchen, das Maibaumstellen vor der Riedlinger Demenzpflege mit Musikkapelle und Männergesangverein und ein ehrenamtlich organisiertes, rauschendes Fest in historisch-stilvollen Ambiente auf Schloss Ehrenfels bei Hayingen. In Bad Buchau tanzen die Senioren beim „Tanz in den Mai“ mit ihren Rollatoren eine Polonaise im Kurzentrum, engagieren sich die Ehrenamtlichen von „Bürger für Bürger“ im Bürgercafé und treffen sich Feuerwehr und Rettungsdienste aus dem ganzen Kreis mit großem Fahrzeugaufgebot vor dem Feuerwehrgerätehaus, um über das Demenzlotsensystem zu sprechen – allesamt wirkmächtige Bilder, die wohl nicht nur in Wangen, Berlin und Luxemburg Eindruck gemacht haben.

„Ich denke, dass die Sendung insgesamt positiv widerspiegelt, dass es auch anders geht“, beurteilt Michael Wissussek die Dokumentation und bedankt sich bei allen Mitwirkenden aus Riedlingen und Bad Buchau: „nicht nur für die Sendung – die Leute stehen ja auch so immer parat.“ So sei deutlich geworden, ist Wisssussek sicher, „was man in Gemeinschaft schaffen kann. Bei uns ist natürlich nicht nur Party. Aber vieles wird machbar, wenn man flexibel denkt.“

Leider ist ein solches Umdenken noch nicht in der Politik angekommen, bedauert der Demenzexperte. Das habe auch die anschließende Diskussion zum Thema Pflegenotstand im Politmagazin „Hart, aber fair“ gezeigt. „Die Diskussion ist wie jede Diskussion über Pflege zu negativ“, findet Wissussek, der zudem bedauert, dass zwar viele Szenen in Bad Buchau spielen, die Kurstadt aber in der Doku nicht erwähnt wurde.

Pflege braucht auch Ehrenamt

Während er die Dokumentation als gelungen beurteilt, kamen auch für Josef Martin in der „Hart, aber fair“-Sendung die Lösungsansätze zu kurz. Die Diskussion der Experten und Politiker führten zudem am eigentlichen Problem vorbei. Denn neben Fachkräften in der Pflege werden vor allem Helfer benötigt, die all die vielen Leistungen im Umfeld – Fahrdienste, Betreuung, hauswirtschaftliche Hilfen – abdecken können. „Und wir brauchen ein System, in dem Menschen diese Leistungen zu günstigen Preisen in Anspruch nehmen können“, betont Martin. „Vielleicht müssen wir auch insgesamt den Begriff Pflege streichen“, ergänzt Wissussek. „Die meisten Leute brauchen eine menschliche Versorgung mit Pflegebedarf.“

Und dieser Bedarf wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren enorm wachsen, ist Martin überzeugt: „Wir stehen ja erst am Anfang des demografischen Wandels.“ Deshalb möchte die Seniorengenossenschaft nun weitere Mitstreiter gewinnen. „Eine solche Sendung ist da natürlich hilfreich, weil wir so mehr Aufmerksamkeit bekommen“, hofft Martin.

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