Keine nostalgische Heimatverbundenheit

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Malerfreunde und interessierte Besucher sind unter den ersten Betrachtern der aktuellen Ausstellung in der Städtischen Galerie.
Malerfreunde und interessierte Besucher sind unter den ersten Betrachtern der aktuellen Ausstellung in der Städtischen Galerie. (Foto: Eva Winkhart)
Eva Winkhart

Ein nahezu volles Haus hat die Vorsitzende des Altertumsvereins Dr. Christa Enderle am Freitagabend willkommen geheißen. Im ehemaligen Spital zum Heiligen Geist, der städtischen Galerie am Wochenmarkt, eröffnete sie die aktuelle Ausstellung mit Malerei von Karl Striebel. Die Kunsthistorikerin Jutta Fischer aus Metzingen war Laudatorin. Den musikalischen Rahmen gestaltete Hannah Lange aus Ravensburg mit ihrem Cello-Lehrer Mikhail Antipov am Hammerflügel.

Punkt 19 Uhr werden die Türen zur ehemaligen Kapelle geschlossen. Hier, „in der guten Stube der Stadt Riedlingen“ – so Bürgermeister Marcus Schafft in seinem Grußwort –, wird die Ausstellung eröffnet. Hier steht der berühmte, fast 200 Jahre alte Hammerflügel des Conrad Graf. Auf ihm zu spielen, seine Schülerin zu begleiten, freut Mikhail Antipov. Hannah Lange musiziert konzentriert, flüssig und überaus gekonnt Stücke von Georg Goltermann und Angelo Corelli, lächelt erlöst am Ende – und nimmt dann schmunzelnd die zu ihrem jugendlichen Alter nicht ganz passende Flasche Wein entgegen aus den Händen von Karl Striebel; er hatte einen erwachsenen Cello-Spieler erwartet.

Sicherer ist Karl Striebel bei seinen Bildern. „Farbenreich, expressiv“, nennt sie Christa Enderle; sie führten ans Wasser, aber auch auf die Schwäbische Alb. Solch typische Alb-Landschaften zeigen zahlreiche seiner großformatigen, oft quadratischen Bilder. Sie heißen „Gewässer“ oder „Sommergarten“ oder schlicht „Landschaft“, jeweils versehen mit einer Zahl. Titel, so der Künstler, setze er sehr zurückhaltend ein; er wolle dem Betrachter Raum geben für eigene Interpretationen.

Vor seinem aktuellen Lieblingsbild „Landschaft 3“, sagt Karl Striebel, dieses möge er besonders, da es stärker abstrahiert sei als eine große Zahl seiner hier im ehemaligen Refektorium hängenden Werke. Die Landschaft sei als solche noch erkennbar, aber nicht gegenständlich, nicht einfach einer Gegend zuordenbar. Schnell, expressiv würden solche Bilder entstehen. Das Lieblingsbild hier sei das letzte einer Serie. „Auf den ersten Wurf hin! Und da hat’s funktioniert!“ Und er ergänzt: „Je länger ich daran arbeite, je mehr ich ins Klein-Klein gehe, desto mehr leidet die Spontaneität.“ Zur „Landschaft 20“ – aus dieser Serie, ebenso mit Acrylfarben auf Bütten, gerahmt und hinter Glas – ein Bild weiter, fügt er hinzu, sie sei beim letzten großen Hochwasser an der Donau bei Ehingen entstanden.

Noch mehr ins Detail über Striebels hier gezeigte Bilder geht Jutta Fischer in ihren Ausführungen; eine langjährige Künstlerfreundschaft verbinde sie mit ihm. Karl Striebel begnüge sich nicht mit der Darstellung einer „nostalgischen Heimatverbundenheit“, sondern erörtere „Phänomene der Gegenwart“. Sie sagt: „Seine Malerei bewegt sich zwischen Figuration und Abstraktion.“ Typisch sei die Verbindung aus grafischen und malerischen Elementen. Ausgehend häufig von Fotografien – auch auf die Leinwand gedruckten – reduziere oder erweitere er. Farbe, Licht und Material interessierten ihn bei dieser Werkreihe, einem Teil seines Schaffens. Farbe und Licht dominierten meist, in warmen oder kühlen Abstufungen, in Kontrasten. Das Material, der Farbauftrag kann schlierig oder dickflüssig sein; manchmal entstehen Farbkrusten.

Mehrdeutige Kunst

Die Oberfläche von Striebels Bildern unterschiede sich stark von den glatten Oberflächen der Smartphones oder Tablets, so Fischer. „Einem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Originalität und authentisch-sinnlichem Objekt wird mit dieser Malerei Rechnung getragen.“ Die Besucher fänden hier Raum zum Erinnern, zu eigenen Projektionen. Sie schließt: „Kunst ist im besten Fall mehrdeutig und entsteht stets im Auge des Betrachters.“

Und Striebels Verbindung zu Riedlingen? „Eigentlich relativ wenig“, sagt er selbst. „Das schöne Riedlingen“ genieße er, nach den architektonisch wenig ergiebigen Albdörfern auf der Durchfahrt. Außerdem kommen etliche Riedlinger in seine Malkurse nach Ehingen, nach Hayingen oder nach Münsingen. „So entstand dann die Verbindung.“ Zahlreiche Künstlerfreunde – ortsansässige und auswärtige – waren daher unter den ersten Betrachtern, fanden sich zu Fachgesprächen untereinander und mit Karl Striebel nach der offiziellen Eröffnung der Ausstellung „Über Land“.

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