Kanzlerin Merkel als "Handlangerin des Bösen"

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Die Evangelische Freikirche in der Riedlinger Eichenau ist die Heimatgemeinde von Pastor Jakob Tscharntke.
(Foto: Warnack)
Bruno Jungwirth

Als Unbedarfter könnte man meinen, dass in Deutschland das Leben trotz der Flüchtlingskrise und der vielen Zuwanderer im Großen und Ganzen nicht aus den Fugen geraten ist. Aber wer Pastor Jakob Tscharntke bei seiner Predigt am Sonntag in der evangelischen Freikirche in der Eichenau hörte, weiß es nun besser: Die Endzeit ist angebrochen, die Flüchtlingskrise ist nur ein Baustein davon. Bürgerkrieg droht, das Reich des Anti-Christen ist nahe. Und Kanzlerin Angela Merkel ist ein Handlanger des Bösen. Nun hilft nur noch Beten, sagt Tscharntke. Und meint dies wörtlich.

Der Mann polarisiert schon seit Wochen mit seinen Äußerungen zur Flüchtlingsthematik. Aber nicht in diesem Kreise. Es ist andächtige Stimmung beim Gottesdienst in dieser kleinen Kirche. Rund 50 Mitglieder der Freikirche haben sich im Gottesdienstraum eingefunden, zumeist ältere. Die Bläsergruppe spielt, die Menschen singen „Jesus wird siegen“. Die Lesung erfolgt aus Matthäus 24, Vers 6: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen aber es ist noch nicht das Ende da.“

Das Ende ist noch nicht da, sagt auch Pastor Tscharntke in seiner Predigt. Gleichzeitig verbreitet er Endzeitstimmung. Ausgehend vom Flüchtlingsthema. „Wie gehen wir als Christen mit der Zuwanderungsproblematik um?“, lautet der Titel seiner Predigt. Rund 50 Minuten spricht der Pastor, die Gläubigen lauschen aufmerksam.

Ein Christ müsse mit dem Thema wahrhaftig umgehen, sagt Tscharntke und beklagt die fehlende Wahrhaftigkeit durch ein verzerrtes Bild in den Medien. Viel spricht er vom deutschen Volk, das er durch die Zuwanderung gefährdet sieht. Seine Botschaft: „Unsere Kanzlerin zwingt unserem Volk einen Weg auf, den der größte Teil unsere Volkes von Anfang an nicht wollte. Der ist für viele angsterfüllt.“

In einem Parforceritt streift Tscharntke unterschiedlichste Themen und stellt die Situation aus seiner Sicht dar: Das Recht auf Asyl will keiner aushöhlen, aber die meisten Flüchtlinge seien Armutsflüchtlinge. Die Flüchtlinge missbrauchen ihr Gastrecht und er zählt Beispiele von Auswüchsen auf, die er gehört hat: Die Flüchtlinge erhalten zu viel Geld, im Vergleich zu armen Deutschen. Deutschland hilft den Menschen, aber das soll bitte nicht hier geschehen, sondern in Syrien oder der Türkei. Warum dies nicht erfolgt, hat für ihn einen einfachen Grund: „Die Asylindustrie verdient sich in Deutschland eine goldene Nase.“ Mit Asylindustrie meint er die Wirtschaft, die Caritas oder die Diakonie.

„Naziähnliche Gesinnung“

Tscharntke hat klare Wahrheiten, die er ungeschützt ausspricht. „Die eigentliche Verantwortung für die Todesopfer auf dem Weg nach Deutschland tragen diejenigen, die diese Völkerwanderung fördern und bejubeln“, sagt er. Oder: „Alle Menschen nichtislamischen Glaubens sind durch diese muslimischen Zuwanderer grundsätzlich bedroht“, das heiße auch Juden. Seine Folgerung daraus: „Wenn hier also jemand eine naziähnliche Gesinnung hat, dann sind es nicht die Gegner, sondern die Befürworter dieser muslimischen Invasion.“ Die Kirchenbesucher hören aufmerksam zu.

Das Flüchtlingsthema ordnet er in einen weit größeren Zusammenhang ein: Er sieht darin den Beginn eines im Chaos versinkenden Deutschlands, er prophezeit einen Bürgerkrieg, die Gesellschaft wird zerrissen. Dahinter steckt der Anti-Christ und das Böse, so Tscharntke. Handlangerin ist Angela Merkel. Sie wolle ein anderes Deutschland.

Als Belege flicht er Zitat von Vizekanzler Sigmar Gabriel ein oder von Horst Seehofer. Er zitiert an passender Stelle den ehemaligen CIA-Direktor Michael Haydon oder den Politikwissenschaftler Joachim Tebbe. Auch das Thema Überwachungsstaat hält Einzug in die Theorie, dass nun durch Einpflanzen eines Chips unter die Haut die Überwachung technisch möglich ist. Dabei verweist er auf eine Vorhersage aus der Offenbarung 13 über das Reich des Anti-Christen: „... dass man ihnen ein Malzeichen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn gibt, und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, als nur der der dieses Malzeichen hat...“

Gericht Gottes

Tscharntke ist sich bewusst, dass er mit solchen Aussagen, polarisiert und Kritik erzeugt. Aber er sieht sich auf der richtigen Seite, als Märtyrer im Kampf um die Wahrheit. Dabei versteigt er sich dazu, die Auswüchse der Reichskristallnacht vor mehr als 80 Jahren auf sich zu übertragen: Damals sei es um brutale Einschüchterung gegangen. Diese „Hetzkampagne“ – wie er es bezeichnet – der Wochenzeitung „Südfinder“ gegen ihn ordnet er in diesen Zusammenhang ein. „Wir sind weit näher an einer Reichskristallnacht, als ich es noch vor wenigen Wochen gedacht hatte“, sagt er. Er zieht dann das Fazit: „Das antichristliche Reich der Endzeit zeichnet sich nicht erst dunkel am Horizont ab (...). Was heute geschieht ist ohne Zweifel Gericht Gottes über die Gottlosigkeit in unserem Volk.“ Nur Umkehr allein, kann noch helfen. „Amen“, sagen die Gläubigen in der Messe.

Der Pastor, der knapp 70 Schäflein derzeit in seiner Gemeinde betreut, hat medial viel Aufmerksamkeit erfahren in den vergangenen Wochen. Sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat über ihn geschrieben. Viele Bürger haben sich in Leserbriefen und im Gästebuch zu Wort gemeldet. Dabei hat der Pastor viel Zustimmung für seine Äußerungen zur Flüchtlingsproblematik. Er wird dafür gelobt, dass er Dinge anspreche, die sonst keiner anspricht. Manche stilisieren ihn zum aufrechten Kämpfer für ihre Wahrheit.

Ausschluss wäre weiter Weg

Doch er hat auch viel Gegenwind erhalten. Auch aus dem eigenen Lager der Freikirchen. Der Bund Evangelischer-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG), bei denen auch die Riedlinger Freikirche in der Eichenau Mitglied ist, hat sich inhaltlich deutlich von den Äußerungen Tscharntkes distanziert. „Es beschämt mich, dass das schwere Schicksal vieler Flüchtlinge nicht geachtet und der Barmherzigkeit des Evangeliums widersprochen wird“, schreibt dazu etwa der Generalsekretär des BEFG, Christoph Stiba. Der BEFG ist das Dach für rund 800 freikirchliche Gemeinden in Deutschland, wovon etwa 600 Baptisten sind.

In einem „Südfinder“-Artikel wird sogar ein Ausschluss Tscharntkes oder der gesamten Eichenauer Gemeinde aus dem BEFG ins Spiel gebracht. Doch der BEFG relativiert. „Wir distanzieren uns inhaltlich weiterhin von den Aussagen von Herrn Tscharntke“, sagt Jenny Jörgensen, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im BEFG. Doch bis zu einem Ausschluss einer Gemeinde sei es ein langer Weg, dem viele Gremien und viele Gespräche vorausgehen. Der freikirchliche Bund ist dezentral organisiert, von oben könne dies gar nicht beschlossen werden. Zunächst müsste die Landesebene aktiv werden, danach das Präsidium und weitere Gremien, bevor dieses Thema überhaupt beim höchsten Organ, beim Treffen des Bundesrats im Mai, besprochen werden könne. Beim Bunderat kommen die Delegierten aller Gemeinden in Deutschland zusammen. Ein Ausschluss könnte nur erfolgen, wenn zwei Drittel der anwesenden Delegierten zum Schluss kämen, das Tscharntke und die Riedlinger Gemeinde den Werten und dem Glaubensverständnis des BEFG, die in der Präambel festgehalten sind, widerspricht.

Gläubige stützen den Pastor

In der freikirchlichen Gemeinde in der Eichnau wird dieses Thema sehr gelassen verfolgt. Nach dem Gottesdienst am Sonntag treffen sich die Mitglieder zum Gemeindecafé. Die Predigt ist kaum Thema bei den Gläubigen. Denn die Gemeinde steht hinter ihrem Pastor. „Wir haben keine Umfrage gemacht, aber die Mehrheit stimmt der Meinung des Pastors zu“, sagt Frank Lehmann. Lehmann ist einer der „Ältesten“ in der Gemeinde, gehört also zur Gemeindeleitung. Bedächtig spricht er, wägt ab, hört zu. Dass der Reichskristallnacht-Vergleich von Tscharntke vielleicht doch übertrieben ist, könnte er akzeptieren, aber sonst folgen er und die anderen Männer am Tisch den Aussagen ihres Pfarrers. Auch sie sind überzeugt: Ein Muslim, der seinen Glauben ernst nimmt, kann nicht in Deutschland integriert werden.

Dass die BEFG die Flüchtlingsdebatte deutlich anders beurteilt, ficht sie nicht an. Auch nicht die deutliche Distanzierung oder sogar ein theoretischer Ausschluss aus dem Bund: „Mir ist die Beziehung zu Jesus wichtiger als zu welchen, die vom Glauben abgefallen ist“, sagt einer am Tisch zu diesem Thema und wird allerdings von Lehmann gleich wieder eingebremst. Doch die große Keule des Ausschlusses schreckt auch Lehmann nicht, auch wenn er selbst die Kritik des BEFG als „Meinungsdiktatur“ bezeichnet. „Das wäre kein Drama“, sagt Lehmann, dann würde man eben einen Verein gründen.

Staatsanwaltschaft prüft

Ungemach von Seiten des Staatsanwalts muss Tscharntke indes noch befürchten. Der ehemalige Ravensburger Pfarrer Stefan Weinert hat Strafanzeige wegen des Verdachts der Volksverhetzung gestellt. „Wir haben ein Ermittlungsverfahren eingeleitet“, sagt Karl-Josef Diehl von der Ravensburger Staatsanwaltschaft. Diese Prüfung sei langwierig und könnte Wochen dauern. Der Straftatbestand der Volksverhetzung nach Paragraf 130 Strafgesetzbuch muss sorgfältig abgewogen werden. Es gelte „Äußerungen auch im Kontext zu untersuchen und nicht nur einzelne Sätze herauszupicken“, sagt Frey. Dies alles ist im Licht des Grundrechts der Meinungsfreiheit zu betrachten, wo es durch dieses noch gedeckt wird und wann eine Grenze überschritten ist. Die „Einstweilige Anordnung“, die Weinert gestellt hatte, um zu verhindern, dass Tscharntke am Sonntag nochmal predigt, hat die Staatsanwaltschaft fallen gelassen. „Für ein Predigtverbot sind wir nicht zuständig.“

Schafft distanziert sich

Bürgermeister Marcus Schafft distanziert sich von den Äußerungen Tscharntkes zu den Flüchtlingen. Er kritisiert, dass Tscharntke nicht zwischen den Flüchtlingen als Einzelpersonen und dem System und den Rahmenbedingungen unterscheidet. Er teilt hingegen manche Kritik am System, wie es derzeit läuft. Dass die Kommunen alleingelassen werden mit einer Situation, die eine große Herausforderung darstellt. Dass der Bund keine Strategie zu haben scheint und auch keine verlässlichen Zahlen nennt. Nun räche sich, dass über Jahre das Thema der Demografie und der Zuwanderung und Themen wie „Einwanderungsgesetz“ nicht abschließend diskutiert wurden. Er vermisst, dass in einigen Poltikbereichen der Fokus nicht umgedreht wird: Statt vom Ausbluten des ländlichen Raumes zu sprechen, sollte man darüber reden, wie der Zuzug und damit das Bevölkerungswachstum organisiert werden kann.

Neue Mitglieder?

Seit fünf Jahren ist Jakob Tscharntke in der Eichenauer Gemeinde in Riedlingen. Im öffentlichen Leben Riedlingens ist der ehemalige Pfarrer der evangelischen Landeskirche kaum aufgefallen. Auch die Gemeinde nicht. Knapp 70 Mitglieder hat die Freikirche noch, die vor zwölf Jahren einen Aderlass durchlebt hat, als ein Teil der Mitglieder eine neue Gemeinde gründeten. Und die, die jetzt verblieben sind, kommen zum Teil von weiter her.

Mit seinen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik hat Tscharntke seine kleine Gemeinde in den Fokus gerückt. Im Internet wirbt er inzwischen auch für eine Fernmitgliedschaft bei den Eichenauern. Ist die Debatte auch eine Chance, neue Mitglieder zu erhalten? Wenn es neue Mitglieder brächte, wäre dies für die Gemeinde gut, lassen die Gemeindemitglieder durchscheinen, artikulieren würden sie das nicht. Doch wenn es gelänge, Menschen auf den „Weg des Heils“ und sie zu einer „Beziehung zu Jesus“ zu bringen, dann „wäre die Sache auf alle Fälle nützlich“.

Am Donnerstag, 15. Oktober, veranstalten die Stadt und der „Südfinder“ eine Podiumsdiskussion zu dem Thema, u.a. mit Pastor Tscharntke und Bürgermeister Schafft. Beginn ist um 19 Uhr im Lichtspielhaus.

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