Jungen testen soziale Berufe

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 Den Ort ihres Praktikums haben die neun Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule bereits besichtigt, zusammen mit den Lehrern
Den Ort ihres Praktikums haben die neun Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule bereits besichtigt, zusammen mit den Lehrern (hintere Reihe, von rechts) Christine Krämer, Reinhold Birkhofer und Werner Rieber. (Foto: privat)
Eva Winkhart

Zum ersten Mal haben in Riedlingen Jungen aus einer der achten Klassen der Geschwister-Scholl-Realschule die Möglichkeit, ein Schuljahr lang verschiedene soziale und pädagogische Berufe auszuprobieren. Die Boys’-Day-Akademie (BDA) macht dieses Angebot unter der Trägerschaft des Kolping- Bildungswerks in Riedlingen in Kooperation mit der Realschule.

Neun Jungen der Geschwister-Scholl-Realschule zwischen 13 und 14 Jahren haben sich in diesem Schuljahr einen dritten Schulnachmittag aufgeladen. Neben den zwei üblichen Unterrichtsnachmittagen beschäftigen sie sich jeden Donnerstagnachmittag mit einem besonderen Angebot der Berufsorientierung: Sie erkunden Ausbildungs- und Studienberufe, die abseits der von jungen Männern favorisierten Berufe liegen, in denen höchstens 40 Prozent Männer ausgebildet werden oder arbeiten. In Theorie und Praxis sind das für die neun Schüler der BDA vor allem Erzieher und Altenpfleger im ersten Schulhalbjahr. Eine Erweiterung des Horizonts bei der Berufsfindung ist das Ziel – auch vor dem Hintergrund eines sich verändernden Männer-Frauen-Bildes. Betreut werden die Neun dabei vom schulischen Team Christine Krämer und Rektor Werner Rieber; die außerschulische Projektleitung übernimmt Wirtschaftsingenieur, Lehrer und Ausbilder Reinhold Birkhofer vom Kolping-Bildungswerk.

Typisch männlich, typisch weiblich?

Da sich junge Menschen in ihrer Berufswahl vorwiegend am familiären Umfeld orientieren, entscheiden sie sich oft weiterhin für typisch männliche, typisch weibliche Berufe. Der Girls’ Day – jedes Jahr zwischen März und Mai – versucht seit vielen Jahren, dies zu durchbrechen. An diesem einen Tag erkunden Mädchen technische und naturwissenschaftliche Berufsfelder – landläufig untypisch weibliche Berufe in Industrie und Handwerk. Allerdings habe das Interesse hier stark abgenommen, sagt Christine Krämer. „Warum soll ich einen Tag investieren für etwas, das für mich nicht in Frage kommt“, höre sie als Begründung oft.

Für die Jungen geht die BDA andere Wege – und in diesem Schuljahr nimmt sie dabei erstmals Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule d mit. Rektor Werner Rieber arbeitet seit drei Jahren daran, dieses Konzept an seiner Schule zu verwirklichen: „Hier ist die Idee gewachsen, es etwas anders zu machen.“ Mit dem Kolping Bildungswerk hat er einen erfahrenen Partner gefunden. Im dritten Jahr betreuen die Verantwortlichen eine Werkrealschule in Kressbronn; neben der Realschule Riedlingen ist die Grund- und Werkrealschule in Staig in diesem Jahr neu dazugekommen.

Überraschend groß sei das Interesse an der BDA gewesen, berichtet Rektor Werner Rieber. Die vorgegebenen Plätze seien beim ersten Nachfragen bereits belegt worden. Neun recht unterschiedliche Jungen – vom ganz quirligen bis zum äußerst ruhigen, vom pingelig-korrekt arbeitenden bis zum sich großzügig-aufgedreht gebenden – seien sehr gespannt, lernbegierig und interessiert am Verlauf der BDA. Die vier Praxistage sind dabei im ersten Halbjahr das Besondere: für jeden zwei volle Tage im Altenpflegeheim Konrad-Manopp-Stift und zwei ganze Tage in einem der Kindergärten. Damit soll mehr Tiefe ins Berufsschnuppern gebracht werden. Gebündelt als Block waren die ganzen Tage Wunsch der Erzieherinnen wie der Verantwortlichen im Pflegeheim. Im zweiten Halbjahr planen Christine Krämer und Reinhold Birkhofer Erkundungen und erste Erfahrungen in weiteren Berufen der Berufsfelder Soziales, Gesundheit, Erziehung und Pflege – so praxisnah wie möglich. Das Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten wird dabei sein, das DRK, eventuell die Polizei, die Jugendarbeit in Biberach, ein Tierheim. Auch das freiwillige soziale Jahr für die Buben wird behandelt. Die Praktika werden den Jungen angerechnet, zertifiziert und könnten für eine spätere Bewerbung ausschlaggebend sein.

An die eventuell notwendige oder gewünschte Betreuung der Schüler wurde ebenfalls gedacht: Christine Krämer, schulpastorale Mitarbeiterin und Religionslehrerin, steht bei Gesprächsbedarf zur Verfügung. „Besonders die zwei Tage am Konrad-Manopp-Stift sind für die Buben der Altersgruppe eventuell nicht ganz einfach“, ergänzt sie.

Bettina Schmidtke, Schulleiterin des Kolping Bildungswerkes in Riedlingen, lobt besonders die Bereitschaft zur zusätzlichen Leistung und das Interesse der Schüler. Viel zu wenig Männer arbeiteten in den sozialen Berufen; ein Wandel sollte zustande gebracht, mehr Angebote sollten geschaffen werden. Für Reinhold Birkhofer ist es wichtig, für die Berufswahl auch die vorhandenen Stärken der Schüler im Sozialen und Pädagogischen hervorzuheben und zu würdigen, die Hemmschwellen abzubauen. Und Werner Rieber ergänzt, dass aus etwa 300 Berufen üblicherweise nur fünf für die engere Berufswahl ausgesucht werden; das soll mit Hilfe der BDA aufgebrochen werden: „Wir wollen eine Orientierung geben, eine Horizonterweiterung fördern.“

Die Eltern sind mit ins Boot geholt. Erste Besuche der Schüler an den Praxisorten zum Abbau der Scheu fanden statt. Kindergärten und Konrad-Manopp-Stift begrüßten das neue Projekt einstimmig, sagt Birkhofer. Das i-Tüpfelchen auf das Jahr der BDA wäre dann der eine oder andere daraus entstandene Ausbildungsvertrag oder eine Entscheidung für ein späteres Studium der sozialen oder pädagogischen Fachrichtungen.

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