Intensives Klangerlebnis

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 Die Brass Band Oberschwaben-Allgäu gastierte beifallsumrauscht in St. Georg Riedlingen.
Die Brass Band Oberschwaben-Allgäu gastierte beifallsumrauscht in St. Georg Riedlingen. (Foto: Kurt Zieger)
Kurt Zieger

Bei seinem Kirchenkonzert in St. Georg in Riedlingen hat die Brass-Band Oberschwaben-Allgäu mit ihrem vielschichtigen Sound ein intensives Klangerlebnis auf musikalisch extrem hoher Stufe geboten, das in seiner Tiefenwirkung keinen der vielen Zuhörer unberührt ließ. Technisch versiertes Musizieren in einer Fülle dynamischer Ausdrucksformen wurde zurecht mit Beifall überschüttet.

Dynamisch und jederzeit motivierend führte der neue Schweizer Dirigent Enrico Calzaferri sein in allen Sparten hervorragend agierendes Orchester durch ganz unterschiedliche musikalische Sparten. Mit dumpfem Paukenwirbel und hellem Trompetenklang aus dem Altarraum und von der Empore herab inszenierte das Orchester mit „Stai Si, Defenda!“ von Corsin Tuor eine Ouvertüre in beeindruckendem Stereo-Klang als Aufbruch in ein klanglich herausragendes Konzert. Als Moderator stellte der Dirigent den Titel des Werks vor. Übertragen aus dem Rätoromanischen, der vierten Amtssprache der Schweiz, könnte er mit „Steh auf, verteidige Sprache und Traditionen“ gedeutet werden. So erhoben sich helle Stimmen über den wohlklingenden dunklen Basisgruppierungen zu einem ersten nachhaltigen Konzerterlebnis.

Ein zutiefst aufrüttelndes Werk

Dies wurde in vielen Dimensionen übertroffen von George Lloyds „English Heritage.“ In diesem ungemein schwierigen und für Musiker und Zuhörer klangintensiven Werk fasst der Komponist die Erbschaft Englands in raffinierte, aufrüttelnde, voluminös aufpeitschende, aber auch melodiös lyrischen Phasen eines imposanten Klanggefüges. Schwirrende Tonfolgen wechseln mit markanten Klangtürmen, die in teils bedächtiger, teils energiegeladen fortstürmender Klangintensität die ganze Bandbreite einer Brass-Band zutage treten lassen. Technisch versiertes Können in ganz verschiedenen Tempozonen, solistische Passagen, aufblühendes Forte oder dezente Passagen zum Atemholen zeigen den musikalisch hohen Stand des Ensembles, aber auch die Tiefe des Komponisten, die Englands Erbe als „English Heritage“ musikalisch kommenden Generationen weitergeben möchte. So geriet dieses zutiefst aufrüttelnde Werk durch die vielen klanglichen Facetten der Interpretation zu einem der Höhepunkte des Konzerts.

Nach diesen auch in der zeitlichen Dimension voluminösen Klängen kam in „O Magnum Mysterium“ von Morten Lauridsen eine wohlklingende, tonlich zurückgenommene Seite des Musizierens zum Tragen, was Zuhörer am Klang eines Brass-Band sehr zu schätzen wissen.

Solistische Themen voll Wärme wurden achtsam in den Orchesterklang eingebunden als Ort des Friedens und der Besinnung. Auch tonlich aufsteigende, das klangliche Volumen steigernde Phasen blieben in den Grundgedanken des Werks eingewoben, das in einem beinahe geflüsterndem Pianissimo endete.

„Dahaam“ von Christian Mühlbacher gehört in weiten Teilen zwar in das Reich populärer Musik, Dirigent Calzaferri hat es jedoch passend für seine Band arrangiert. Sanft beginnend in einem liebenswürdig-melodiösen Thema im tieferen Bereich des Ensembles, wandelte es sich den Schweizer Bergen gleich in lichtere Höhen. Klares Schlagzeug begleitete die Solisten an Cornet und Flügelhorn mit differenzierten Klängen auf Wanderern durch ihre Heimat und schufen so in Melodie und Rhythmus ein musikalisches Klangbild voll kaleidoskopartiger Schattierungen.

Überwältigende Klangtiraden

In einem majestätischen Musikepos hat Steven Reineke dem sagenumwobenen Pilatus in der Zentralschweiz ein die Zeiten überdauerndes Denkmal gesetzt. Aufstieg, Gefahren, aber auch das unbeschreibliche Gefühl, auf dem Gipfel angekommen zu sein, gehören zu den wesentlichen Aspekten dieses grandiosen Werks. Enrico Calzaferri hat auch dieses Epos für sein Orchester wirkungsvoll arrangiert und durch viele solistische Passagen mit besonders herausgearbeiteten Konturen versehen. Strahlend helle Trompeten, dräuend verschlungene Kompaktszenen zu leicht unheimlichem Paukenwirbel wechselten mit erhellenden Klängen des Glockenspiels und musikalischem Aufsteigen in kurzen Sequenzen. Doch immer wieder lauerten Gefahren in Gestalt der tiefen Register, bis nach verhinderten Abstürzen ein helles Thema für Hoffnung sorgte. Dennoch dauerte es in energiegeladenem Tempo noch lange, bis nach markanten Schlägen die Schönheit des Ausblicks in überwältigende Klangtiraden gefasst werden konnte.

„I’ll walk with God” von Nicholas Brodszky besticht durch melodiös-linear abgerundete Zeilen. Alle Register vereinen sich zu homogenem Musizieren, sodass auch Themen einzelner Register nahtlos in das orchestrale Gesamtbild eingebunden werden. Auch aufsteigende Crescendo-Passagen werden als Labsal für Geist und Seele in die melodiöse Basis mit Choralcharakter eingewoben. Den langanhaltenden Beifall des zahlreichen Publikums beantworteten die Musiker mit einer zu Herzen gehenden lyrischen Zugabe.

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