Inklusion ist das große Thema

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Inklusion ist das große Thema
Inklusion ist das große Thema (Foto: Picasa)
Waltraud Wolf

Wie fühlt es sich an, in einem Rollstuhl zu sitzen und sich nur mit der Kraft der Armmuskeln über einen Kiesweg zu schieben? Nicht nur diese Erfahrung vermittelt werden soll am Samstag, 2. November, wenn sich ab 14 Uhr Menschen mit und ohne Behinderung im Johannes Zwick-Haus in Riedlingen zu einer „Begegnung auf Augenhöhe“ treffen. Die evangelische Kirchengemeinde Riedlingen-Ertingen/Dürmentingen lädt dazu ein und das über die Konfessionen hinweg. Der Nachmittag steht unter dem Leitwort: „Inklusion“ und meint damit „miteinander leben, gemeinsam erleben. Er will alle ansprechen, die sich mit dem Alltag eines Menschen mit Handicap auseinandersetzen wollen und dies nicht nur als Betroffene. Der Nachmittag soll Verständnis wecken, einen respektvollen Umgang miteinander vermitteln, aber auch kleine Lösungen für den Alltag aufzeigen. Es wird Gelegenheit geschenkt, von Erfahrungen zu sprechen - als Betroffener oder auch als Angehöriger - und sich untereinander auszutauschen.

Kompetente Referenten kommen

Mit der zweimaligen Deutschen Meisterin im Säbelfechten Katja Lüke aus Frankfurt wird eine prominente Referentin erwartet. Die Diplom-Sozialpädagogin und –Sozialarbeiterin sitzt seit 1997 im Rollstuhl, hat Bücher verfasst und arbeitet als Referentin für Inklusion im und durch Sport im Deutschen Olympischen Sportbund. In Riedlingen jedoch ist sie „ganz privat“, hat sie doch in einer neurologischen Klinik in Konstanz Maria Wiegand kennen gelernt, die seit mehr als 20 Jahren Multiple Sklerose hat und ebenfalls als Betroffene von ihrer Situation berichten wird, wie ihr Mann Martin Wiegand als Angehöriger. Angekündigt hat sich zudem Prälatin Gabriele Wulz. Angeschrieben wurden viele Personen des öffentlichen Lebens, allen voran Abgeordnete und Bürgermeister der Raumschaft, schließlich wendet sich eine ganze Reihe von Wünschen an die Politiker.

Um entsprechende Bedürfnisse zu formulieren und vorzutragen, soll sich eine Gruppe zusammen finden, die sich nachhaltig um das Thema Inklusion kümmert. Es gehe um gegenseitige Rücksichtnahme, um Signale auch des körperlich Eingeschränkten, dem Gesunde häufig mit großer Unsicherheit begegneten, betont Pfarrerin Anne Mielitz.

Barrieren beseitigen

Bereit dazu sind Maria und Martin Wiegand. Ihre ältere Tochter war gerade 18 Monate alt, als die junge Frau erfuhr, an Multipler Sklerose erkrankt zu sein. Bei ihr sind vor allem die Beine betroffen, die Muskeln wurden schlapper, auch Gleichgewichtsstörungen machen ihr zu schaffen. Einen schweren „Schub“ hatte sie nie, wurde mit Cortison behandelt und konnte die ersten zehn Jahre „gut“ und ohne Einschränkungen leben. Ganz bewusst entschied sich das Paar für ein zweites Kind. Lange hat sie sich mit Stöcken beholfen. In der Zwischenzeit bleibt das Fahrrad in der Garage, das Auto wurde für sie umgebaut. Als „optimal“ bezeichnet Maria Wiegand die Voraussetzungen für sie bei ihrem Arbeitgeber Feinguss Blank. Sie kann direkt vor dem Haus parken und es gibt einen Aufzug. Etwas länger gebraucht hat sie, um selber für den Rollstuhl bereit zu sein. Inzwischen hat sie auch das geschafft, nach 20 Jahren Abstinenz hat sie sich darin endlich wieder einmal auf den Gallusmarkt gewagt und die wieder gewonnene Freiheit genossen, dennoch fühlt sie sich von Veranstaltungen ausgeschlossen, so Barrieren vorhanden. In der Firma ist jetzt ein Rollstuhl im Büro deponiert, mit dem sie zu den Kollegen rollen kann. Gearbeitet dagegen wird von einem „ganz normalen Bürostuhl“ aus. Zu Hause steht ein Rollator parat, vor allem auch deshalb, um Dinge schadlos transportieren zu können, wie ihr Mann Martin Wiegand bemerkt. Hier wurden die Barrieren beseitigt, angefangen vom Teppich als Stolperfalle, die Dusche ist fußbodengleich eingebaut worden. Alle notwendigen Räume befinden sich im Erdgeschoss des Hauses. Wenn’s mal ganz schlimm ist und die Stufen am Eingang nicht bewältigt werden können, gibt’s den Zugang über die Terrassentür. Was sie betont: Alle Hilfsmittel konnte sie über ihre Krankenkasse finanzieren. Es bedürfe eben des Aufwandes, die geforderten Unterlagen vorzulegen.

Möglich macht diesen Nachmittag im Zwick-Haus eine Initiative der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und ihrer Diakonie. Sie bringen sich finanziell ein, so dass die Teilnahme kostenlos ist. Eine ganze Reihe von Veranstaltungen der Kirchengemeinde hat sich mit dem Thema Inklusion befasst. Im Frühjahr 2019 widmete man sich Menschen mit Sehbehinderung. Vor kurzem erst konnte in Ertingen der mundmalende Markus Kostka als Künstler überzeugen und am Freitag, 15. November, 20 Uhr, gibt es noch einen Kabarett-Abend mit Rainer Schmidt im Lichtspielhaus. Er kam ohne Unterarme und mit einem verkürzten Oberschenkel zur Welt, ist Pfarrer geworden, war im Tischtennis sportlich aktiv und gibt in Riedlingen sein Kabarett-Programm „Däumchen drehen“ zum Besten. Auch hier ist der Eintritt frei. Im Frühjahr 2020 steht das Leben mit Taubheit und Hörminderung im Mittelpunkt.

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