„Ich bin mehr als die kurzen Arme“

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 Rainer Schmidt kann fast alles – außer vielleicht Klavier und Gitarre spielen.
Rainer Schmidt kann fast alles – außer vielleicht Klavier und Gitarre spielen. (Foto: Alexander Radulescu)
Alexander Radulescu

Im ausverkauften Lichtspielhaus in Riedlingen hat Berthold Suchan von der Ökumenischen Erwachsenenbildung Riedlingen die Besucher und den aus dem Rheinland angereisten Theologen und Kabarettisten Rainer Schmidt begrüßt. Vor Jahren habe er Schmidt zum ersten Male kennengelernt und versuchte ihn zu einer Veranstaltung zu gewinnen – was aber beim ersten Male an den Kosten scheiterte. Umso glücklicher war Suchan, diesen einzigartigen Kabarettisten dem Riedlinger Publikum vorstellen zu dürfen.

Auf der Bühne des Lichtspielhauses erschien dann Schmidt in weißem Kurzarmhemd und karierter Weste, eingerahmt zwischen zwei großen bemalten Leinwänden. Die Bühne war nur mit einem Stuhl und einem Bartischchen ausgestattet. Besonders war Schmidts Erscheinung: ein lachendes Gesicht zwischen zwei zu kurz geratenen Armen. Nur ein Daumen an seinem linken Armstummel ragte in die Luft. Schmidt kam 1965 mit dem Fermur-Fiula-Ulna-Syndrom auf die Welt. Ihm fehlen beide Unterarme mit den Händen und sein rechter Oberschenkel ist verkürzt.

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen schilderte Schmidt Situationen aus seinem Leben als „Behinderter“. Seine Einschulung in die Sonderschule empfand er zunächst als etwas Besonderes. Seine Lehrerin wollte ihn dann dazu ermuntern, die Schreibschrift mit den Füßen zu erlernen, doch er wollte – wie seine Klassenkameraden – auch mit den Händen schreiben und erlernte es auch. Heute ist er sogar Buchautor. Bei einigen seiner Versuche als junger Bub erkannte er schnell seine Grenzen und überschritt manche auch. So knallte er auch mal gegen eine Wand beim Versuch ein Rollbrett zu fahren.

„Ich bin mehr als die kurzen Arme“, betonte er in vielen seiner vorgetragenen Lebenserfahrungen. Bereits in seiner Jugend, nachdem er sich mit seiner Einschränkung abgefunden hatte, stand er mitten im Leben und es gab nichts, also fast nichts, was er nicht ausprobierte und konnte. Lediglich Klavier und Gitarre spielen blieben ihm versagt. In einer Fragerunde ans Publikum „was kann ich nicht?“ überzeugte er die Fragenden schnell und wortgewandt, dass er fast alles kann. Beim Klavierspielen stellte er die Gegenfrage, wer auch nicht Klavier spielen kann und bat dann einen Besucher, laut zu sagen: „Ich kann kein Klavier spielen – ich bin behindert.“ Kurz verstummte es im Saal.

Für alles, was er nicht selbst kann, benutzt er Hilfsmittel oder nimmt die Hilfe von „Hilfsmenschen“ an. Einen Assistenten hat er nicht, und braucht auch keinen. Er lebt „normal“ mit Frau und Kind in einer „normalen“ Wohnung. Er möchte kein Mitleid und setzt sich in seinen Moderationen und Kabarettabenden für die Normalität von „behinderten Menschen“ oder, wie sie oft auch genannt werden, „Menschen mit Handicap“ ein. Er macht sich stark für die Inklusion; das Miteinanderleben von Menschen, egal welche Beeinträchtigungen oder „Macken“ sie haben.

Für sein Leben entwickelte er einige für ihn hilfreiche Strategien. So hält er sich mit seinen Gedanken und Gefühlen nicht zurück. Er nimmt aktiv am Leben teil und nutzt sein Aussehen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Er schreckt auch nicht davor zurück, sich Handschuhe über die Armstummel zu stülpen und diese mit Würstchen zu füllen, um verunsicherten Weltenbürgern die Hand zu reichen. Er sendet klare Signale an seine Umwelt, um diesen die Unsicherheit zu nehmen.

In messerscharfem Wortwitz schilderte er eine Situation im Passamt, als er einen neuen Ausweis mit Fingerabdruck beantragte. Oder Situationen im Zug bei der Kontrolle des Fahrausweises. Im Restaurant nutzte er schon mal die Hilfe der Servicekraft aus und ließ sich bedienen. Als Pastor habe er ja auch die Aufgabe, seine Mitmenschen glücklich zu machen.

Als Zugabe durfte eine Dame aus dem Publikum seinen Daumen berühren. Spannend schilderte Schmidt in seinem Angebot mit tiefer männlicher und erotischer Stimme, was dann die „Königin der Nacht“ alles erwartet. Schließlich hätte er den erotischsten Daumen und er sei „der beste Liebhaber von Nordrhein-Westfalen“. Auf der Bühne durfte dann die Gemeldete seinen „kleinen, runden, saftigen Daumen“ berühren und drücken. Sehr zum Gefallen und kräftigen Applaus des Publikums.

Im anschließenden Kurzinterview äußerte er seinen Wunsch an Politiker und die Bildungspolitik, alle Kinder in der gleichen Schule zu unterrichten, ohne Vorurteile aufzuwachsen und zu erziehen. Er selbst hat dies in seiner eigenen Schulzeit sehr vermisst. Daneben hat er es nur noch bedauert in seinem Leben in der Musik eingeschränkt gewesen zu sein. Alles habe er bisher erreicht. Er war auch mehrfacher Europa- und Weltmeister im Tischtennis. Heute spielt er noch regelmäßig in seiner Heimatmannschaft mit „normalen“ Spielern.

Für die Zukunft plant er sein zweites Kabarettprogramm: Eine Hand wäscht die andere.

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