Gutes tun – und darüber reden

Lesedauer: 7 Min
Im Fokus: Josef Martin (links), Vorsitzender der Seniorengenossenschaft Riedlingen, und Michael Wissussek, Einrichtungsleiter de
Im Fokus: Josef Martin (links), Vorsitzender der Seniorengenossenschaft Riedlingen, und Michael Wissussek, Einrichtungsleiter der Riedlinger Demenzpflege, im Interview mit den ZDF-Journalisten. (Foto: Gabriela Link)

Die Reportage ist voraussichtlich am Sonntag, 9. Dezember, ab 18 Uhr im ZDF zu sehen.

Ein Kamera-Team des ZDF-Fernsehens hat am Mittwoch die Riedlinger Demenzpflege als Drehort für eine Reportage ausgewählt. Ein aufregendes Erlebnis – für die Tagespflegegäste und ihre Betreuer aber kein Grund für Lampenfieber. Denn mittlerweile sind sie richtige Medienprofis geworden. Schließlich gab es in der Vergangenheit schon mehrere Drehs mit dem SWR und für eine ARD-Sendung zum Thema Pflege standen die Akteure der Seniorengenossenschaft Riedlingen im Frühjahr fast eine Woche lang vor der Kamera. Mit weitreichenden Folgen – denn die innovativen Ideen aus Riedlingen ziehen inzwischen weite Kreise.

„Barrierefreiheit muss in den Köpfen verankert werden“, sagt Michael Wissussek und blickt in die Kamera. Eine Botschaft, die ein bundesweites Fernsehpublikum erreichen könnte – vorausgesetzt, die Filmsequenz findet Eingang in die geplante ZDF-Reportage zum Thema Barrierefreiheit und Mobilität. Speziell geht es um das in mehreren Kommunen umgesetzte Konzept, dass Senioren ihren Führerschein gegen eine kostenlose Jahreskarte für den Nahverkehr tauschen können.

Gefragter Experte

Doch diese Idee gehe auf dem Land nicht auf, findet Wissusek. „Wenn jemand seinen Führerschein abgibt, dann sind da in der Regel mehrere Menschen betroffen.“ Dann treffe es auch den Ehepartner, der vielleicht selbst nicht mehr mobil ist, oder die Kinder, die neben Familie und Beruf auch noch Fahrdienste organisieren müssten. Nicht mehr mobil zu sein, führe oftmals zur Isolation, zu Einsamkeit. „So wird dann aus einer kleinen Einschränkung ein großes Problem.“ Und gerade Menschen mit Demenz könnten schlichtweg nicht nachvollziehen, weshalb sie plötzlich ihren Führerschein abgeben sollen – warum auch? Sie haben ja nicht gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen.

Es sind Einsichten wie diese, die Michael Wissussek zu einem gefragten Ansprechpartner machen, wenn es um das Thema Demenz geht. Und das mittlerweile deutschlandweit. Damit rückt auch die von Josef Martin gegründete Riedlinger Seniorengenossenschaft mit ihren Einrichtungen in Riedlingen und Bad Buchau in den Fokus. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Einladung nach Luxemburg

Vor allem die zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ausgestrahlte ARD-Sendung „Pflege – Hilft den keiner?“ habe zu unglaublicher Resonanz geführt, berichtet Wissussek. Kuriosestes Beispiel: Eine Kurzgeschichte Wissusseks aus Perspektive eines Demenzkranken ist in „Disko Dementia“ erschienen – einer in Luxemburg aufgelegten Broschüre. Am Ende des Beitrags wird der Autor und sein „Heim mit offenen Türen“ auf Luxemburgisch vorgestellt, mit dem Satz endend: „Wir hoffen, dass wir ihn im November in Luxemburg für eine Diskussionsrunde begrüßen können.“

Eine weitere Einladung nach München, die Wissussek ebenfalls im Nachgang der Sendung erhalten hat, habe er aber aus Termingründen absagen müssen, bedauert der Demenz-Aktivist. Auf einer Sicherheitskonferenz des DRK-Landesverbands Bayern hätte Wissussek das von ihm entwickelte Demenzlotsen-System vorstellen sollen – mit der Perspektive, dass das Vorzeigemodell aus Bad Buchau auch in Bayern Schule macht.

Überhaupt sei es bemerkenswert, das gerade die kleinste Sequenz in dem ARD-Beitrag die größte Resonanz hervorgerufen habe, stellt Wissussek fest und lacht. Die Szene am Feuerwehrgerätehaus in Bad Buchau, als sich die ganze „Blaulichtfamilie“ aus dem Landkreis über das Demenzlotsen-System berät, hatte wohl einigen Eindruck gemacht. Inzwischen hat sich der „Runde Tisch Notfall“ nicht nur im Landkreis etabliert, die „Demenzlotsen“ sind auch weit über die Kreisgrenze hinaus ein Begriff geworden. Eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Im Einsatz“ folgte, genauso wie zwei Berichte im Staatsanzeiger Baden-Württemberg, in der sich auch Landrat Dr. Heiko Schmid, das Innen- und Sozialministerium lobend zum Demenzlotsen-System äußerten. Ein Beitrag in der SWR-Landesschau über eine groß angelegte Feuerwehr-Übung beim Bad Buchauer „Haus mit Herz“ (SZ berichtete) dürfte den Bekanntheitsgrad weiter gesteigert haben.

Dadurch könnten Demenzlotsen bald flächendeckend installiert werden. Und auch innerhalb des Landkreises helfen die öffentlichkeitswirksamen Beiträge wohl dabei, das Konzept weiter zu entwickeln, so Wissussek: „Durch den Fernsehbeitrag ist auch das Bewusstsein ganz anders geworden.“ Der ebenfalls von Wissussek initiierte Notfallbogen soll bald zusammen mit den Rot-kreuz-Dosen beim Pflegestützpunkt Biberach verteilt werden. Ziel sei es, auch die Bürgermeister im Kreis von der Idee zu begeistern, um den Bogen über die Rathäuser zu verteilen. Ein erster Praxistest in der Tagespflege soll wissenschaftlich begleitet werden, blickt Wissussek voraus.

Der nächste Drehtermin steht an

Doch zunächst steht für den Demenzexperten schon der nächste Drehtermin an. Für das Oktoberfest in Bad Buchau am 16. Oktober hat sich ein Kamera-Team der ARD angesagt, um einen Beitrag für das SWR-Gesundheitsmagazin zu drehen. Dann wird Wissussek erneut vor der Kamera stehen, mitten im Fokus – und alles daran setzen, damit gute Ideen aus Riedlingen und Bad Buchau weiter Verbreitung finden.

Die Reportage ist voraussichtlich am Sonntag, 9. Dezember, ab 18 Uhr im ZDF zu sehen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen