Gut gemacht, schlecht kommuniziert

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Bei einem Ortstermin hat die Forstverwaltung nochmals deutlich gemacht: Die Abholzungsaktion in den Mißmahl’schen Anlagen sei geboten, weil von den vom Eschentriebsterben geschwächten Bäumen eine Gefahr für Spaziergänger ausgehe. Eine solche naturnahe Bewirtschaftung sei in diesem FFH-Gebiet zulässig. Grünen-Stadtrat Roland Uhl, sprach von einem „Kommunikationsproblem“: Der Gemeinderat sei unzureichend informiert worden, die Maßnahme selbst aber nachvollziehbar. Vertreter der Forstverwaltung, des Regierungspräsidiums, der Unteren Naturschutzbehörde und des Bauamts nahmen an der Erörterung teil.

Wie berichtet, sollen insgesamt etwa 350 Festmeter Holz in den Mißmahl’schen Anlagen geschlagen werden. Das hatte den Grünen-Stadtrat auf die Palme gebracht. Er sei auch mehrfach darauf angesprochen worden. Kritisiert wurde vor allem, dass der Eingriff ausgerechnet in einem FFH-Schutzgebiet vorgenommen wird. Und zwar ein ganz besonderes, wie Stefan Schwab vom Regierungspräsidium beim Erörterungstermin ausführte. Die Auwälder entlang der Fließgewässer bilden mit 1200 Hektar das größte zusammenhängende FFH-Gebiete Baden-Württembergs. Sie sind in solchen temporären Überschwemmungsgebieten Lebensraum für Erle und Esche. Mit dem Eschensterben habe bei der Ausweisung freilich keiner gerechnet. Ein Teil des Systems entfalle damit. Ebenso die Ulme als Ersatzbaumart, die vor der Esche einer Baumkrankheit zum Opfer gefallen sei.

Eine naturnahe Bewirtschaftung sei im FFH-Gebiet grundsätzlich zulässig: „Man kann keine Käseglocke drüber stellen und einfach nichts machen.“ Im Gegensatz zu einem kleinräumigen Naturschutzgebiet, in dem Eingriffe grundsätzlich genehmigungspflichtig sind, sei das FFH-Gebiet offener. Hier gehe es um die Erhaltung lebensraumtypischer Vegetation, wie sie in den Mißmahl’schen Anlagen auf einer etwa einen Hektar großen Fläche zu finden sei. Ansonsten handle es sich um ein dynamisches System, das sich entwickle. Schwab sprach sich für eine Verjüngung des Bestands mit Buchen aus, die Lebensraum unter anderem für Spechte und Fledermäuse bieten.

„Wir waren guten Gewissens“, versicherte Forstamtsleiter Georg Jehle zu den laufenden Maßnahmen, die bislang nur den Staatswald im südlichen Bereich betrafen, aber auf den kommunalen Hospitalwald im Norden ausgeweitet werden sollen. Jehle stellte auch klar: „Wir sägen keine Eschen um, nur um sie zu verkaufen.“ Der Markt verlange auch kein Eschenholz. Das Eschentriebsterben erlebe in den vergangenen beiden Jahren einen „Hype“ – wie vor 20 Jahren bei den Ulmen. Man gehe davon aus, dass 98 Prozent aller Eschen eingehen, dahingerafft von einem Pilz, der sich großflächig über Sporen im Wald verbreitet und gegen den es kein Mittel gibt: „Man wird kaum eine gesunde Esche finden.“ Symptomfreie Bäume werden sofort gekennzeichnet und sind wegen ihrer Bedeutung für den Erhalt der Baumart für den Hieb tabu: „Es sind die Resistenzen, auf die wir setzen.“

Wie jedoch umgehen mit den kranken Eschen? Die aus ökologischer Sicht sinnvollste Methode, so Jehle, sei es, die Bäume stehen und allmählich sterben zu lassen. Dabei entstehen sogenannte „Totholzinseln“. Dafür müsse das Gebiet aus Sicherheitsgründen komplett gesperrt werden. Die ökologisch zweitbeste Lösung sei die Fällung betroffener Bäume, um sie als Totholz liegenzulassen. An der Schwarzach im Bereich des Fischweihers ist dies auch so geschehen. Liegendes Totholz sei im Überschwemmungsgebiet der „Misse“ aber grundsätzlich problematisch: Es verkeilt sich und führt zu Rückstaus.

„Ich bin persönlich in der Haftung“, verwies Revierleiterin Bernadette Jochum auf die Verkehrssicherungspflicht. Auch die Arbeitssicherheit der Mitarbeiter dürfe nicht außer acht gelassen werden, pflichtete Betriebsleiter Georg Löffler bei: „Es kann sein, dass irgendein Arbeiter mal unter einem Baum liegt.“ Die Standsicherheit der Bäume sei nicht ohne weiteres erkennbar. Immer wieder müssten sich Kollegen nach Vorkommnissen auch vor Gericht verantworten. Und die Beurteilung grober Fahrlässigkeit liege ganz in der Hand des jeweiligen Richters. Was auch Stadtrat Uhl ärgert: „Es gibt Idioten, die gehen bei Sturm in den Wald und kriegen dann auch noch Recht, wenn ihnen ein Ast auf den Kopf fällt.“

Verjüngungskur

Da man den Erholungswald für Spaziergänger nicht sperren möchte, hat sich die Forstverwaltung dafür entschieden, kranke und nicht mehr standsichere Bäume dort zu entfernen, wo sie eine Gefahr darstellen können. Dies ist vor allem in der Reichweite der Wege der Fall, aber auch am Spielplatz. Von den kleinflächigen Habitatbaumgruppen gehe keine Gefahr mehr aus. Die kranken Eschen sollen durch junge Bäume ersetzt werden. Für diese Verjüngungskur kommt nach Ansicht der Forstleute im Auewald vor allem die Flatterulme in Frage, eine seltenere Baumart und 2019 „Baum des Jahres“. Als Ersatzbaumart geeignet wären außerdem Erle und Ahorn.

Von einigen Bäumen sollen noch Stammreste stehengelassen werden. Von denen gehe keine Gefahr mehr aus, sie seien aber noch ökologisch von Nutzen, sagte Jehle. Er habe diese Methode als Betriebsleiter 20 Jahre lang propagiert: „Das hat mir den wüsten Spitznamen Stumpenschorsch eingebracht.“

Dass durch die Bewirtschaftungsmaßnahmen insgesamt keine landschaftliche Augenweide entsteht, darüber waren sich alle einig – und dass sie angemessen und sinnvoll seien. Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Gemeinderat, Dr. Michael Ecker, würdigte gar die „hervorragende Leistung“ der Forstverwaltung. „Wir sind andere Dimensionen gewöhnt“, sagte Jehle: Kreisweit werde im Staatswald 100 000 Festmeter Holz eingeschlagen, so viel wie auch nachwächst. In der „Misse“ sind es gerade mal 350 Festmeter, die zu Papier, aber auch zu Möbeln verarbeitet werden.

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