Grabmal als Zeugnis der Lokalhistorie

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 Saniertes Grabmal des Stadtschulheißen Alfons Maria Mayer, gestorben 1921, mit der Pietà von Gabriel Lämmle (1921).
Saniertes Grabmal des Stadtschulheißen Alfons Maria Mayer, gestorben 1921, mit der Pietà von Gabriel Lämmle (1921). (Foto: Winfried Aßfalg)
Winfried Aßfalg

Der Riedlinger Friedhof, seine Anlage mit altem Baumbestand und bemerkenswerten Grabstellen wird nicht nur von Einheimischen geschätzt. Auch Fremde und Besucher waren immer wieder von der Schönheit einzelner Grabdenkmale beeindruckt. Über einen längeren Zeitraum hinweg war der markante Grabstein von Alfons Maria Mayer samt der Pietà auf dem Sandsteinsockel verschwunden. Nun wurde das Grabmal frisch saniert wieder an seinen Platz gesetzt – auch als Erinnerung an ein Stück Lokalhistorie.

Vor einigen Jahren wurde die Bedeutung der Grabdenkmäler im Rahmen der Friedhofsneuordnung unter dem Aspekt „erhaltenswert“ neu bewertet und eingestuft. Kriterien waren: Erhaltenswert auf Grund des lokalgeschichtlichen Aspekts und/oder des kunsthistorischen Aspekts. Dazu gehörte auch das überdachte Grabmal des Stadtschulheißen Alfons Maria Mayer.

Auf einem roten Sandsteinsockel, in den die Namen der Familie Mayer golden eingelegt sind, thront eine Pietà des Bildhauers Gabriel Lämmle (1851 bis 1925), der seit 1882 in Riedlingen wohnhaft war und hier sein Atelier hatte. Er schuf viele noch erhaltene Kunstwerke in unserer Gegend, eben auch dieses Grabmal wohl 1921 zum Tode des Stadtschultheißen Mayer. Lämmle starb 1925 in Neufra.

Aus der Lehrersfamilie Mayer, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts nach Riedlingen zog, stammen mehrere bemerkenswerte Persönlichkeiten. Der noch in Weier 1785 geborene August Mayer heiratete 1810 in Riedlingen die Metzgerstochter Christina Sendele. Das Ehepaar hatte im Zeitraum zwischen 1811 und 1826 elf Kinder, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Darunter sind der 1820 geborene Carl Eduard Mayer und sein jüngerer, 1821 geborener Bruder Johann Nepomuk Mayer zu nennen. Beide haben Familiengeschichte geschrieben.

Carl Eduard hatte die Erlaubnis erhalten, auszuwandern: „Der Auswanderung des Conditors Karl Mayer von hier nach Landskrona in Schweden steht nichts im Wege“, lautete der Beschluss des Gemeinderats vom 7. November 1850. Er war der Vater der 1853 dort geborenen und später berühmt gewordenen Komponistin und Violinistin Carolina Amanda Mayer. Sie war so bedeutend, dass sie im Leipziger Gewandhaus Solokonzerte gab.

Carl Eduards Bruder, Johann Nepomuk, war Riedlingens Stadtschreiber und einflussreicher Lokalpolitiker. Bemerkenswert ist seine Familienchronik, in der er die Geschichte aller seiner bekannten Vorfahren und Geschwister sehr detailliert niederschrieb.Johann Nepomuk Mayer, der 1847 die Hasenwirtstochter Carolina Peter heiratete, hatte sieben Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter errichten.

Musikprofessor und Organist

Der 1848 geborene Rudolph Meliton wanderte nach den USA aus, schloss sich dort den Carmeliten an und wurde 1903 zu deren Generalprior gewählt. Der 1850 geborene Carl Alfred war in Kanada „Kathedral-Organist und Musikprofessor“. Auch der 1853 geborene Sohn Carl Honor wanderte nach Kansas USA aus.

Zu Hause blieb als einziger Sohn der 1857 geborene Alfons Maria Mayer. Er heiratete 1884 Ida Miller und war von 1882 bis 1899 Stadtschultheiß, ab 1888 auch Ratsschreiber und Verwaltungsaktuar in Riedlingen. Er und sein Vater hatten die Kanzel 1888 in St. Georg gestiftet. 1889 erhielt er von König Karl die silberne Olga-Medaille überreicht. Alfons Mayer starb 1921 und wurde auf dem Riedlinger Friedhof beerdigt.

Längere Zeit war der markante Grabstein mit dem geschweiften, kunstgeschmiedeten Baldachin samt der hellen, in Tuffstein gearbeiteten Pietà auf dem Sandsteinsockel verschwunden. Er wurde von vielen Passanten und Besuchern vermisst. Der im Boden eingelassene Betonsockel gab jedoch Hoffnung, dass das Grabmal wieder aufgestellt und die Pflege aus lokalgeschichtlicher wie aus kunstgeschichtlicher Sicht von der Stadt übernommen wird. Dieser Wunsch ging nun vor wenigen Tagen in Erfüllung. Das Grabmal ist wieder an seinem Platz: Ein Stück Lokalgeschichte blieb erhalten.

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