Gospels als Begleiter für alle Lebenslagen

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 Der Chor Espressivo mit Carolin Fischer und Mathias Schwenger beim Konzert in St. Georg in Riedlingen.
Der Chor Espressivo mit Carolin Fischer und Mathias Schwenger beim Konzert in St. Georg in Riedlingen. (Foto: Kurt Zieger)
Kurt Zieger

Carolin Fischer mit ihrem bestens vorbereiteten Chor Espressivo lebt das, was sie singen: Gospels und Spirituals als flehende, hoffnungsvolle und dankbare Gebete wie zur Zeit der Slaverei in den Staaten, als diese Musik ihren Ursprung nahm. Die Zuhörer ließen sich mitreißen von der Art der am Objekt orientierten Interpretation und überschütteten die Sänger mit Beifall.

Der Eingangssong „Lasst uns zum Jordan gehen, um dort zu beten“ galt als Leitmotiv durch den Gang des Konzerts in der voll besetzten Riedlinger Stadtpfarrkirche. Für ganz verschiedene Situationen des Lebens, ob schwungvoll mit „Testify to love“ oder als Zeuge in der Stille, können Gospels hilfreiche Begleiter sein. So auch bei dem Lobpreis „You are holy“ als klassisches Beispiel dieser Musikrichtung: die Männer als Vorsänger würdevoll und fast statisch, charmant beweglich die Frauen des Chors. Im Mittelpunkt eine vor Temperament sprühende Carolin Fischer, die ihren Chor motivierend und fordernd stets im Griff hatte und je nach Gemütslage als „coolen Haufen“ oder als kleine Sängerfamilie bezeichnete.

Der Chorleiterin als versierter Moderatorin und mitreißender Solistin stehen mit Carolin Arnold, Sabrina Breimayer, Karin Brobeil, Cornelius Fischer, Marina Hägele, Monique Jäggle, Heike Mohn und Mathias Schwenger stimmlich überzeugende Solisten zur Seite, von denen jeder und jede ihr eigenes Timbre, ihren ganz speziellen Singstil und die persönliche Art der Interpretation besitzt. So ergibt sich eine sängerisch farbenreiche Vielfalt, die das Konzert auch in diesem Jahr zu einem mitreißenden Hörgenuss werden ließ.

Wesentlichen Anteil am Gesamtwerk hatte wie stets die teils einfühlsam, teils markig agierende, jedoch stets präsente Band mit Bandleader Jörg Sommer am Piano, Andreas Reif (Bass), Alex Neher (Schlagzeug) und erstmals Andrea Riedel mit ihren herrlichen Saxofonsoli. Sie verliehen vielen chorischen Interpretationen den instrumental motivierenden Schwung.

Unter der Bezeichung York Sommer bereichert der Pianist des Chors den Konzertreigen stets mit eigenen Kompositionen. Im reinen A-cappella-Satz vermittelte er den Glauben an Gott als dem Rhythmus des Lebens, um besinnlich und melodiös in „Here I am“ die Zuversicht zu wecken, nie und nirgends allein zu sein. Organisch wuchs die sängerische Begeisterung, um schließlich in einem verklingenden Pianissimo zu enden. Nicht nur hier spürte man: Der Chor lebt das, wovon er singt und mit passenden Bewegungsformen unterstreicht. Freudige Mienen begleiten jede Melodie, Noten in jeder Form wären absolut störend.

Dies gilt auch für „Pentecost“, mit dem York Sommer das Pfingstwunder in eine Art Quodlibet kleidet: Jede Stimme stimmt eine eigene Melodie an, oft in einer anderen Sprache, doch nichts wirkt chaotisch. Das Gemeinsame wächst, harmonisch sich verbindend, bis zum strahlenden Beschluss. So entstand auch der einzige Song in deutscher Sprache „Weit wie das Meer“ aus Sommers textlichem und melodischen Reichtum. Auch wenn Gospels und Spirituals im englischen Original auf ihre besondere Ausstrahlung bauen, besitzt die deutsche Gospelszene bedeutsame Aussagekraft. Musikalisch und sprachlich bestens geschult der Chor, aufs Neue mitreißend das Saxofonsolo, eingebettet in das Wissen „Überall und immer bist du für mich da“.

Als Gegensatz zu vielen vor Temperament sprühenden Szenen wirkte das Marienlied „Mary, did you know?“ wie eine besinnliche Zäsur. Der dezente Beginn einzelner Chorstimmen zu transparenten Passagen im Klavier zeigte die Vielseitigkeit der Sängerschar im Ausdrucksvermögen. Dazu passend, unspektakulär, doch spürbar von innen kommend, „I say a little prayer for you“ als Gebetsform, die auf die Zuhörer übersprang. Flott, melodisch und rhythmisch elektrisierend, als reines A-cappella-Stück „Run, Mary, run“

Die drei abschließenden Songs galten als welt- und zeitumschließende Hymnen an den Glauben. Linear harmonisch abgerundetes Singen führte bei „Great I am“ zum ersten Halleluja, um permanent strahlend emporzusteigen und Herz und Beine in Schwingungen zu versetzen. Als „Old Church Choir“ singt in der Seele ein Kirchenchor ein lebendiges und mitreißendes Gospel, vielschichtig und variantenreich in anspruchsvollem Arrangement. Nicht weniger chorisch und instrumental die Freude bezeugend „Lean on me – Ich werde dein Freund sein“, auch optisch als Zeichen der Verbundenheit von Chorleiterin Carolin Fischer und Vorstand Mathias Schwenger im Duett zweier mitreißender Solisten.

Rauschender Beifall des begeisterten Publikums im Stehen führte zu zwei Zugaben „Gib auf dich acht“ und „Derr Herr hört nie auf, dich zu segnen“ mit einer aufs Neue herrlich pulsierenden Chorleiterin im Solopart. Viele persönliche Begegnungen gelten als Symbol dafür, dass der Chor Espressivo nach wie vor fest in der konzertanten Szene der Region verwurzelt ist.

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