Gewölbe des Hängegartens werden zugänglich

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Eva Winkhart

Drei Container versperren fast den Torbogen am Eingang zum historischen Hängegarten. Ein weiterer Container, verbunden mit einer gelben Röhrenrutsche, steht auf der Straße zum Haupteingang ins Schloss. Eine ganze Anzahl junger Menschen in Arbeitskleidung kommt, geht, schiebt Schubkarren, schafft auf dem Gelände im unteren Bereich um das ehemalige Rentamt, dem Zugang zum Garten. Was ist hier los? Neufra ist zum „Internationalen Workcamp“ mutiert. Fünf Frauen, fünf Männer – sie kommen aus Mexiko, Russland, Aserbaidschan, Belgien, Spanien und der Türkei – um Ronja Storck und Julian Betge räumen die Gewölbe. Am Samstag ist Flohmarkt mit vielen der Fundstücke.

Auf 14 Gewölben, bis zu neun Metern hoch, ruht der Hängegarten vor Schloss und Kirche in Neufra. Zwei der hintereinander liegenden Gemäuer sind bisher zugänglich: Ein Raum enthält die Toilettenbereiche der Turmschenke, ein weiterer ist Vorrats-, Speicher- und Heizraum. „Mit leuchtenden Augen“, kämen die wenigen Besucher, die sich bisher in die Gewölbe trauten, wieder heraus, sagt Christiane Johannsen. Sie ist Vorstand der Stiftung „Historischer Hängegarten“ und wohnt mit Eltern und Söhnchen im ehemaligen Rentamt, betreibt den Garten, das „kleinste Schlosshotel“, die Turmschenke. Um den Aufbau des Gartens darüber besser verstehen zu können, möchte sie acht der 14 hohen Räume zugänglich machen. Und diese für die Besucher vorzubereiten, sie vom Schutt und den „Ablagerungen“ mehrerer Jahrhunderte zu befreien – eine Herkulesaufgabe, von ihr, ihrer Familie nicht zu schaffen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen fand Christiane Johannsen den SCI, eine Organisation, die Hilfs- und Friedensdienste auf freiwilliger Basis organisiert, in Workcamps.

Und solch ein Workcamp ist nun für zwei Wochen in Neufra. In der zweigeschossigen Remise am Fuß des Gartens ist der Schlafraum eingerichtet. Zwölf Feldbetten stehen da, ein einziger Schrank an der Stirnseite reicht aus, auf dem Balkon lüften die Schuhe und Socken. Eigentlich, so Ronja Storck – sie hat zusammen mit Julian Betge als deutsche Muttersprachler die Leitung des Workcamps –, waren die Schlafmöglichkeiten getrennt: Die Männer schliefen im Zelt hinter dem Haus, die sechs Frauen im Raum unter dem Dach der Remise. „Nach der ersten Nacht haben wir aber gemeinsam entschieden, dass wir uns alle in dem warmen Raum einrichten“, sagt Ronja Storck lachend. Und Julian Betge ergänzt: „Es gibt eine kleine Trennwand für mehr Privatsphäre.“

Das Kochen wird gemeinsam organisiert; der Plan dazu hängt im „Speisezimmer“, dem ehemaligen Gastraum im ersten Stock des Turmes. Jeweils drei von den Workcampern – im täglichen Wechsel – seien zuständig für eine der drei Mahlzeiten, dazu ein Dreierteam fürs Putzen. Eine lange Tafel zum Essen im Freien gibt es ebenfalls und einen Lagerfeuerplatz. Der Kühlschrank? Ein kalter Raum im Gewölbe des Erdgeschosses, hinter der Küche. „Echt naturkalt“, sagt Julian Betge. „Ein Null-Energie-Kühlschrank.“ Und er muss es wissen, studiert er doch Erneuerbare Energien.

Die Gruppe, so Ronja Storck – sie ist Studentin für Soziale Arbeit in Coburg –, habe sich schnell zusammengefunden, sei „wie eine Großfamilie“. Das empfinde sie als spannend bei solchen Workcamps; es ist ihr sechstes, das erste als Verantwortliche. Am vergangenen Samstag war Anreisetag. Um 14 Uhr und um 20 Uhr wurden die Teilnehmer am Bahnhof in Riedlingen abgeholt, ankommend aus ihren so unterschiedlichen Herkunftsländern. „Dann war erst mal Ankommen, Bettenbeziehen, Kennenlernen“, so Ronja Storck.

Getanzt und gefeiert!

Fünf bis sechs Stunden Arbeitszeit pro Tag ist für die Freiwilligen eingeplant; in der Mehrzahl sind sie Studenten, arbeiten hier während ihres Urlaubs, um Auslandserfahrung zu sammeln, um ihre weitere Lebensplanung zu ergänzen. Auch eine Mutter – aus Barcelona, „aus Catalunya“, betont sie – mit ihrem 16-jährigen Sohn ist dabei. Und zur Arbeit, zu einer Arbeitsgruppe, würden sich die Einzelnen täglich schnell selber zusammenfinden. Nach den Mahlzeiten, so Julian Betge, ein erfahrener Workcamp-leiter, würden die anstehenden Aufgaben besprochen. Teilweise seien sie körperlich schwer.

Geschafft hat die Gruppe schon einiges! Sieben der größeren und kleineren Gewölbe sind frei geräumt; die Container und die „Ausstellung“ für den Flohmarkt zeugen davon. Neben all dem „Gruscht“ – Intaktes und Zerbrochenes, Möbel, Treppengeländer, Fliesen, Holzräder, 200 Jahre alte Türen –, lagerte hier viel Bauschutt, vorwiegend aus dem Umbau der Krypta, der Renovierung der Kirche und des Turmes. Beim achten Gewölbe steht nun noch allerlei Grabarbeit an, nicht nur mit den Schaufeln, auch mit Pickeln, bis der Grund des Bauwerks erreicht ist. Dann aber werden die Mauerwerke aus Bruchsteinen, die mit Ziegeln gemauerten Bogen zu besichtigen sein.

„Hier kann man richtig was draus machen“, schwärmt Julian Betge. Eine erste Party hat bereits stattgefunden: Als am Dienstagabend die vorderen Bereiche bis zur Kurve leergeräumt waren, wurde getanzt und gefeiert. Südamerikanisch sei es geworden. Mit viel Salsa. Auch das ist ein schöner Aspekt der Arbeit hier. Und mit „Grüß Gott“ oder „Tschüüüüß“ könnten bereits die große Mehrzahl der internationalen Mitarbeiter die Besucher des Hängegartens begrüßen und verabschieden.

 Bruchsteine aus dem verfüllten Gewölbe werden entsorgt
Bruchsteine aus dem verfüllten Gewölbe werden entsorgt (Foto: Eva Winkahrt)
Da wurde ordentlich ausgeräumt.
Da wurde ordentlich ausgeräumt. (Foto: Eva Winkahrt)
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