Eine Wolke von Kräuterdüften

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Übersichtlich durchsortiert und bestens organisiert ist beim katholischen Frauenbund in Riedlingen das Binden der Kräuterbuschel
Übersichtlich durchsortiert und bestens organisiert ist beim katholischen Frauenbund in Riedlingen das Binden der Kräuterbuschel. Mehr als 20 verschiedene Kräuter, dazu sechs Getreidesorten und schmückende Blumen verarbeiteten die Frauen gestern zu Sträußen. Nach ihrer Weihe werden sie in der Georgskirche angeboten. Wer dafür spendet, unterstützt Projekte in Afrika und Riedlingen. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Rosmarie Kraljic kann sich noch gut an die großen Weihbuschel erinnern, die ihre Mutter Berta Gröber im Dachboden des Neufraer Schlosses aufgehängt hat. Verbunden waren damit Hoffnung und Glauben, vor Unwetter geschützt zu sein. Es waren stattliche Sträuße damals mit einer Königskerze in der Mitte, erinnert sie sich. Auch Zwiebeln, Karotten und drum herum Krautblätter fanden Verwendung, ließen Weihbuschel sogar stehen, wobei Verderbliches nach dem Kirchgang verzehrt wurde.

Als sie geheiratet hat, verlor sich bei ihr die Pflege des Brauches. „Im Kopf rumgegangen“ sei er ihr aber immer, verrät sie heute, zumal ihre Schwiegermutter Franziska Kraljic jedes Jahr einen Kräuterbuschel band und weihen ließ. Als sie von ihr den Vorsitz im Katholischen Frauenbund in Riedlingen übernahm, entwickelte sich die Idee, den Brauch in der Donaustadt wiederzubeleben – nämlich Heilkräuter zum Strauß zu binden und weihen zu lassen. Sie seien 2001 die Ersten in der Raumschaft gewesen, hält Rosmarie Kraljic fest.

Bis auf das neunte Jahrhundert geht der Brauch zurück, am Hochfest Mariä Himmelfahrt, also am 15. August, Kräuterbuschel segnen zu lassen. Es ist die Zeit, in der die Kräuter ihre Heilkraft am stärksten entfalten, sagt Rosmarie Kraljic.

Mindestens sieben verschiedene müssen es sein. Gesammelt werden sie in Riedlingen von mehreren Frauen oder gar im eigenen Garten angebaut: Johannis- und Zinnkraut, Schafgarbe, Goldrute, Majoran oder Oregano, Katzenminze, Beifuß, Pfefferminz und Zitronenmelisse, Estragon, Borretsch, Bohnenkraut, Kamille, Salbei, dazu Blumen – auch – zur Optik, wie Ringelblumen, Frauenmantel und Lavendel. Rainfarn gehört ebenfalls dazu. Mit ihrem Mann zusammen fuhr Rosmarie Kraljic vor kurzem noch die Kiesgrube ab und sah ihn in voller Pracht. Dann wurde er gemäht und ein anderer Fundort muss gesucht werden. Auch das kann passieren.

Getreide wird ebenfalls eingebunden und steht für das täglich Brot, das man sich erbittet. Früher hat sie selber welches angebaut, jetzt werden Landwirte gefragt, ob man welches holen darf. Man darf: Gerste, Hafer, Lein, Dinkel, Weizen. Ihr ist wichtig, dass „wir nicht klauen“, betont sie. Sie weiß, dass die Bauern früher die Körner aus den geweihten Kräuterbuscheln dem Vieh ins Futter für das Wohlbefinden taten oder welche für die Saat aufgehoben haben.

Herrgottswinkel oder im Stall

Auf jeden Fall soll er Segen bringen und Unheil fern halten, egal, wo er Platz findet, im Herrgottswinkel, in der Stube oder im Stall. Bei Rosmarie Kraljic findet der Weihbuschel seinen Platz im Wintergarten. Der alte wird verbrannt.

Zwölf bis 14 Frauen sind es in Riedlingen, die sich alle Jahre um die Kräuterbuschel kümmern. Bei Rosmarie Kraljic laufen dabei die Fäden zusammen. Gebunden wurde in diesem Jahr zunächst am Donnerstag und damit an Mariä Himmelfahrt selber. Jeder brachte sich dabei im katholischen Gemeindehaus mit seinen Fähigkeiten ein. Erfahrene Buschelbinderinnen wiesen neue ein, umgeben von einer Wolke von Kräuterdüften. Dabei wurden die Gespräche nicht vernachlässigt.

Am Samstag trifft man sich zur nächsten Runde. Denn die Sträuße sollen frisch sein, wenn sie nach der Segnung in der Kirche angeboten werden. Insgesamt 350 Kräuterbuschel zu binden, ist das Ziel der engagierten Frauen. Sie werden bei der Abendmesse am Freitag, 16. August, um 19 Uhr, und beim Hauptgottesdienst am Sonntag um 10.30 Uhr in Körben auf den Altarstufen drapiert und dort von Pfarrer Benjamin Eze geweiht, der die Messen hält. Nach dem Gottesdienst darf sich jeder, der will, ein Sträußchen holen und dafür Geld in einen Becher werfen. Verkauft werden sie nicht, denn, so Rosmarie Kraljic: „Was Geweihtes wird nicht verkauft“.

Dennoch kommt alle Jahre eine ordentliche Summe zusammen, für die es dankbare Empfänger gibt. 2019 erhält Pfarrer Eze einen Anteil für eine Krankenversicherung für Frauen in Nigeria, seinem Heimatland. Unterstützt wird auch Pfarrer Dr. Emanuel Sawadogo, der in Burkina Faso ein Schulprojekt aufgebaut hat und enge Verbindungen zu Riedlingen pflegt. Ein Teil des Geldes bleibt in Riedlingen und soll besondere Therapien für psychisch Kranke finanzieren, die in der Pflegeeinrichtung des Zentrums für Psychiatrie am Kapuzinerweg leben.

Bei der Übergabe des Geldes in Riedlingen will sich das Leitungsteam des Katholischen Frauenbundes einen Eindruck von der Arbeit dort machen, sagt Marlies Bühler, die auf weitere örtliche Unterstützung in der Vergangenheit hinweist, wie für eine Mikrofon-Anlage für die Kapuzinerkirche und die Anschaffung von Gotteslob-Büchern für die Weilerkapelle. Geld gab es auch schon für den Verein FortSchritt mit Sitz in Dürmentingen oder ein Kinderhospiz.

Worauf das Brauchtum zurückgeht? Vermutlich auf die Überlieferung des Kirchenvaters Johannes von Damaskus, wonach dem leeren Grab Mariens bei seiner Öffnung ein Wohlgeruch nach Rosen und Kräutern entstiegen sei.

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