Eine Sternstunde der Gitarrenmusik

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 Peter Finger begeisterte das Riedlinger Publikum mit seinem Gitarrenspiel.
Peter Finger begeisterte das Riedlinger Publikum mit seinem Gitarrenspiel. (Foto: Laetitia Barnick)
Laetitia Barnick

Wenn man schon in Tokio, Paris und Mailand aufgetreten ist, dann fehlt eigentlich nur noch Riedlingen, kalauert zu Beginn des Abends das 1954 in Weimar geborene Musikgenie und fügt hinzu: „Denn wer es in Riedlingen schafft, kann es überall schaffen!“ Und damit gibt der Musiker, Verleger und Gitarrenbauer Peter Finger gleich zu Beginn des Gitarrenabends im Lichtspielhaus eine Kostprobe seines feinsinnigen Humors, der diesem einzigartigen Abend noch eine zusätzliche Würze verleihen sollte.

Denn die „Integrationsfigur der Akustikgitarren-Szene“ – so eine der Bezeichnungen in der Presse – gibt nicht „nur“ ein Konzert, das auch anspruchsvollste Erwartungen weit übertreffen mag, sondern er ist auch ein Meister im Geschichten-Erzählen, indem er zwischen seine atemberaubenden Darbietungen immer wieder spielerisch und augenzwinkernd Anekdoten und Pointen aus seinem Leben einstreut.

Gewaltige und farbenprächtige Klanggemälde sind es, die die aus einer Musikerfamilie stammende Koryphäe mit einer schier unglaublich anmutenden Fingertechnik vor dem staunenden Publikum ausbreitet. Nein, das folgende Stück „Vanesca“ handle nicht etwa von einer attraktiven Latinobraut, sondern von einer Gemüsesuppe, die aber ganz ähnlich wie diese Komposition aufgebaut sei, meint er, bevor er mit seiner brillanten Fingerstyle-Technik und wie fein in die Saiten gemeißelten Rhythmen das Publikum auf eine temperamentvolle Reise nach Südamerika entführt.

Melancholisch und verträumt klingt dagegen die hinreißende Hommage „We will meet again“ auf „meinen größten Fan“: „Sie war 75 Jahre alt, als sie starb und hinterließ nicht nur eine riesige Sammlung meiner Platten, Poster und Auszeichnungen, sondern auch meine blauen Briefe, meinen Teddy und meine erste Haarlocke.“ Aber dann wird es wieder heiterer und der Gitarrenvirtuose, der als Achtjähriger den ersten Platz bei „Jugend musiziert“ errang, erzählt von seinen Tourneen durch die weite Welt, in welchen man sich im gemeinsamen Spiel mit Musikerkollegen auch immer wieder gegenseitig beeinflusst.

Wie ein perlend gespieltes Tremolo entlockt der Meister seinem selbstgebauten Instrument die Klänge im stakkatoartigen Wechsel zu harten und schnellen Elementen, so dass die unfassbar präzise gespielten Klänge auch noch den letzten Winkel der Empore ausfüllen. Dann spielt Finger, der als 19-Jähriger von dem amerikanischen Gitarristen Stefan Grossman entdeckt wurde, einige sogenannte Miniaturen, von 15 Sekunden bis wenige Minuten dauernde poetische Klangbilder voller Sensibilität und Expressivität zugleich. Weitere Meisterwerke und Ausflüge in die Kulturgeschichte folgen, so aus der Zeit der „tollen Bilder des französischen Impressionismus“ und Einflüssen von Claude Debussy und Maurice Ravel - jedes Stück ein phänomenales Abenteuer voll technischer Perfektion und gleichzeitig sinnlicher Emotionalität. Bevor er dann das wie gebannt lauschende Publikum auf das nahende Konzertende einstimmt („Wieviel haben Sie eigentlich Eintritt bezahlt...?), erzählt er aber noch, wie er seine Frau kennenlernte: „Ich wollte damals nur ein Mädchen kennenlernen, das mit Musik absolut nichts zu tun hat!“ Dies schien auch viele Jahre zuzutreffen, bis eines Tages eine Forschergruppe ihre Verwandtschaft mit Frederic Chopin entdeckte – und er spielt mit geschlossenen Augen die tief-bewegende Komposition für „Onkel Frederic“. Noch ein Stück wolle er spielen, meint er („Dann lasse ich euch in Ruhe!“), weil er wohl spürt, wie schwer dem begeistert tobenden und johlenden Publikum der Abschied von einem Künstler seines Ranges fällt, den man normalerweise eben nur in Tokio, Paris und Mailand hören kann.

Und so entlockt er nach einer wiederum humorigen Anleitung zum Gitarrenbau („Fein gelagertes Sperrholz, Säge, Kneifzange, Holzkitt!“) seinem Instrument melancholische irische Balladen und noch ein taiwanesisches Liebeslied. „Ich muss morgen früh raus, ich weiß nicht, wann die Kirche losgeht und ihr seid müde“, meint er - und orgelt dann auf der Gitarre einen Blues herunter, wie man ihn in dieser Qualität zum letzten Mal vor 30 Jahren von Rory Gallagher in Ravensburg gehört hat. Nach weiteren Zugabe-Rufen kommt er doch tatsächlich nochmals auf die Bühne: „Ich werde draußen in der Welt vom Riedlinger Publikum erzählen!“ Mit Goethes „Totentanz“ entfaltet sich noch einmal die ganze Magie seines Spiels und hinterlässt eine unvergessliche Erinnerung an eine Sternstunde aus der Welt Peter Fingers Gitarren-Akustik.

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