Eine Geschichte über Mode und Freiheit

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 Die Autorin Julia Kröhn stellte in der Ulrich’schen Buchhandlung ihren jüngsten Roman vor.
Die Autorin Julia Kröhn stellte in der Ulrich’schen Buchhandlung ihren jüngsten Roman vor. (Foto: Eva Winhart)
Eva Winkhart

Eine unterhaltsame Stunde, einen angenehmen Abend haben die Zuhörerinnen am Freitag in der Ulrich’schen Buchhandlung verbracht. Roswitha Mayer hatte die Autorin Julia Kröhn eingeladen, ihr in diesem Jahr erschienenes Buch vorzustellen: Das Modehaus – Töchter der Freiheit. Passend dazu gab es am Ende süße Knabbereien – sogar Kekse in Form von Hüten waren dabei, in Pastellfarben, gefüllt mit Nougat – und Sekt.

Dicht gedrängt sitzen fast ausschließlich Frauen zwischen den Bücherregalen. Erwartungsvolles Stimmengemurmel. Vor ihnen, am Tischchen, mit dem Rücken zum Schaufenster, hat Julia Kröhn Platz genommen, sehr aufrecht, schmal, schwarzhaarig, die Beine übergeschlagen, beim Lesen die Hände um die Knie schlingend, ein Glas Wasser vor sich, eine Mappe mit weißen Blättern. Punkt 19.30 Uhr beginnt sie, erzählt in wenigen Sätzen von sich. Dass sie in Österreich geboren und aufgewachsen ist, macht ihr sanft hörbarer Akzent deutlich; in Frankfurt lebe sie seit vielen Jahren. Dort, so Julia Kröhn, fehlten ihr die familiäre Eingebundenheit, die Geschichten. Mit ihrem neuen Roman, der in der Stadt angesiedelt ist und über längere Strecken dort spielt, habe sie sich diese familiären Geschichten geschaffen. Und als studierte Historikerin beschäftige sie sich viel mit der Vergangenheit, der Einbindung ihrer Protagonisten in die Zeitgeschichte. In diesem Roman stehen drei Frauen Fanny, Lisbeth und Rieke – Großmutter, Mutter und Tochter – im Mittelpunkt, repräsentativ für das Leben im 20. Jahrhundert. Mit dem Thema Mode als Aufhänger könne sie die Geschichte der Frau spiegeln.

Um sich selbst ganz in die Zeit zu versetzen, die Veränderungen des Selbstverständnisses der Frau auch ihren Zuhörerinnen nahe zu bringen, sagt Julia Kröhn, habe sie sich ein „haptisches Erlebnis“ gegönnt: ein Fotoshooting, im passenden Stil der entsprechenden Zeit. So zeigt sie großformatige Fotos von sich und lässt diese anschließend zum genauen Betrachten von Hand zu Hand gehen. Sie beginnt mit Fanny. Im Stil der Goldenen Zwanzigerjahre zeigt sie sich im Kleinen Schwarzen, tief dekolletiert, mit langer Zigarettenspitze, Stirnband, Perlenkette, fingerlosen Handschuhen, zweifarbigen Schuhen. Das passende Make-up und die typische Pose gehören ebenfalls dazu. Julia Kröhn erzählt, wie spannend es für sie war, in diese Welt einzutauchen, auch mit Hilfe der Verkleidung. Sie schildert – in ihren Lesebeispielen und im freien Sprechen – diese „Zeit des Aufbruchs“, in der Mode wie in emanzipatorischer Hinsicht.

Ganz anders das Leben und die Mode der Nachkriegsjahre. Viel Erfindungsreichtum sei gefragt gewesen in den späten 40er- und den 50er-Jahren. Es sollte demonstriert werden: „Wir können wieder aus dem Vollen schöpfen!“ Typisch dafür sei der „Blütenkelchrock“ mit viel Stoff, der aufwendige Lidstrich, die Blüte im toupierten Haar. „Sehr klassisch, sehr konservativ.“ Allerdings zeige sich anhand der Mode ein Rückschritt in der Emanzipation der Frauen: die Konzentration auf das Häusliche, der Verzicht auf die aus den vergangenen Jahren gewohnte Berufstätigkeit, die Abhängigkeit vom Ehemann – bis zur Änderung des Gesetzes 1977.

Die Fotos aus der nächsten Epoche, der 70er, quittieren zahlreiche der Zuhörerinnen mit Schmunzeln, mit Ahs und Ohs, mit: „Ja, genau so!“ Als „sehr heterogen“ beschreibt die Autorin die Mode dieser Jahre, als eine Zeit mit großen Veränderungen durch die Jugend – aber andererseits sehr konservativ. In der Familie ihrer Protagonistinnen spiegelten sich die zwei Lebenswelten. Aus eigener Anschauung, aus Fotos und Erzählungen, sei ihr diese Zeit nahe: Auf einem Baby-Bild finde sie sich im orangefarbenen Strampler, passend zur Wohnzimmertapete zu Hause. Sie beschwört die 70er-Jahre herauf, mit vielen Trends und Entwicklungen, mit Fertiggerichten und ohne Fahrradhelm, mit wieder langsam beginnender Emanzipation der Frauen. Ihre Fotos dazu zeigen sie in Schlaghose, Blumenhemd, Stirnband, Plateau-Schuhen, „John-Lennon-Gedächtnis-Brille“.

Dazwischen präsentiert Julia Kröhn Teile ihres Romans, liest deutlich, akzentuiert, nicht aus dem Buch, sondern von den Seiten aus ihrer Mappe. Bei Fanny können die Zuhörer schmunzeln; bei der Lesung über Lisbeths Leben während des Zweiten Weltkriegs ist die Stimmung wie die Wortwahl ernst, nachdenklich. Und auf Riekes Geschichte – die erzählt den Roman in der Ich-Form –, macht sie ihr Publikum neugierig.

Zur Person

Julia Kröhn, 1975 in Linz geboren, studierte Theologie, Philosophie und Geschichte, ist inzwischen eine vielseitige Autorin. Sie veröffentlicht unter sieben Namen, je nach Genre. Als Kristin Adler schreibt sie Thriller und Krimis, als Kiera Brennan irische Epen, als Carla Federico exotische Familiensagas, als Leah Cohn romantische Fantasy, als Catherine Aurel opulent Historisches, als Sophia Cronberg über Familiengeheimnisse – und als Julia Kröhn historische Romane vom Mittelalter bis ins zwanzigste Jahrhundert. Dabei schlüpfe sie jeweils in ein anderes Alter Ego, sei sehr wandelbar und „experimentierfreudig“, sagt sie über sich.

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