Ein scharfer Beobachter und bilderreicher Sprachkünstler

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 Zu Gast im Lichtspielhaus: Sulaiman Masomi mit einem grandiosen Auftritt.
Zu Gast im Lichtspielhaus: Sulaiman Masomi mit einem grandiosen Auftritt. (Foto: Kniele)
Mechtild Kniele

Sich selbst bezeichnet Sulaiman Masomi, der in Afghanistan geboren, aber in Deutschland aufgewachsen ist, als Schriftsteller, Poet, Rapper und Poetry Slammer. Er hat ein Studium der Literaturwissenschaften vorzuweisen, kann auf eine langjährige Bühnenerfahrung zurückschauen und seit zwei Jahren tritt er mit Soloprogrammen auf. Im Riedlinger Lichtspielhaus spielte er sein neues Programm „Morgen-Land“, mit vielen kurzen Texten, die mal ganz leicht und heiter waren und manchmal auch sehr melancholisch, politisch und kritisch. Gemeinsam ist allen Texten, dass sie sprachlich scharf, präzise und bilderreich sind.

Sulaiman, wie er sich selbst nur nennt, ist ein scharfer Beobachter der Welt um sich herum und als „Kanake“ (so bezeichnet er sich) kann er es sich leisten, deren Welt zu persiflieren. So erzählt er über afghanische Sitten in der Großfamilie: alle sitzen auf dem Boden herum, die Kalaschnikows sind geladen und sie überlegen gemeinsam, welche Fahne sie heute verbrennen wollen. Dann ist es wie in jeder Familie: die Eltern loben ihre Kinder, übertreiben dabei stark: „Sulaiman ist der berühmteste Schriftsteller der Welt …“

Viel Autobiographisches zeigt sich in seinen kurzen Geschichten, eine nicht immer glückliche Kindheit im Text „Die Mauer“, wo nicht nur seine Klassenkameraden ihn ablehnen, da er als Moslem keine Weihnachtsgeschenke bekommen hat, mit denen man Krieg spielen kann, sondern auch seine Mutter. Als diese wütend ist, hat sie ihn angeschrien: „Wir haben dich sowieso in Indien in einer Mülltonne gefunden“, was den kleinen Jungen monatelang beschäftigt und verunsichert, denn seine älteren Brüder bestätigen diese Geschichte. Fazit: So sieht man, was Worte anrichten können.

Ganz heiter wieder ein Text über zwei Geografiestudenten, die sich in einer WG Wortfetzen zuwerfen wie „reichst du mir den Tee heran“ oder „er ist bei Ruth“. Auch eine Liste mit typischen Eigenschaften bestimmter Nationen – zum Beispiel, wie sie sich auf Partys verhalten – ist witzig und Sulaiman will dabei „Rassismus mit noch mehr Rassismus bekämpfen“. Auch das Publikum wird einbezogen, die Riedlinger folgen brav der Aufforderung und singen mit und aus „Über den Wolken“ wird „Unter der Burka“.

Er sei, so erzählt er an verschiedenen Beispielen, ein „legendärer Doppelverpeiler“, denn seine Fehler würden sich ausgleichen: Er verpasst den Zug nach Marburg zu einem wichtigen Auftritt, als er sich wortreich entschuldigen möchte, erfährt er, dass der Termin erst eine Woche später ist. Die einzigen Menschen, die sich für ihn interessieren, seien Polizisten, und er bringt sie zur Raserei, da er sie als „Ordnungswüter“ und „Schwerstversprecher“ bezeichnet. Im Spiel mit Sprache ist er richtig gut, auch im eher besinnlichen Text „groß wird kleingeschrieben“ benutzt er sehr schöne Vergleiche wie: „Ich weiß nur, ich bin irgendwo zwischen ozonschichthoch und erdkerntief, irgendwo zwischen lichtstrahlendschnell und schildkrötenlahm, zwischen urknalllaut und samtpfotenleise, zwischen herzschlagnah und milchstraßenfern…“

Unglaubliche Geständnisse

Sulaimans Zaubersatz ist „Ich weiß es“, den er arglos in sein Handy tippt. Die Reaktion ist erstaunlich, er bekommt unglaubliche Geständnisse und auch Bestechungsgelder, denn „die ganzen Leichen krochen aus den Kellern der Menschen in meinen Kopf“. Dass er Deutsch wesentlich besser beherrscht als die Deutschen wird endgültig klar in „Der Rat der Sprache“, wo es um den „todkranken Genitiv“ geht und sämtliche grammatischen Begriffe und rhetorischen Figuren zu Wort kommen.

Viel Beifall gab es für den jungen Künstler, der seine Texte in einem schnellen Tempo vorgetragen und zwischendurch auch kommentiert hat. Man merkt, dass er ein Slammer ist/war und er ist so gut, dass er in letzter Zeit viele namhafte Wettbewerbe gewonnen hat. Ein Glücksfall für Riedlingen, dass Jürgen Matzner immer wieder tolle Veranstaltungen bietet und auch ein Glücksfall für Sulaiman Masomi, der sich auf der Bühne des schönen Lichtspielhauses sichtlich wohl fühlte und diese Wertschätzung auch zeigte: „Schön habt ihr’s hier?“

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