Der Orgelbauer zieht alle Register

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Orgelbaumeister Stefan Heiß (links) überprüft die Tiefe des Tons mit dem Stimmgerät, sein Auszubildender Michael Sommer sitzt am
Orgelbaumeister Stefan Heiß (links) überprüft die Tiefe des Tons mit dem Stimmgerät, sein Auszubildender Michael Sommer sitzt am Spieltisch. (Foto: Eva Winkhart)
Schwäbische Zeitung
Eva Winkhart

Zufriedene Gesichter beim Fachpublikum und mehreren Besuchern hat es am vergangenen Donnerstag bei der Besichtigung, dem ersten Bespielen der fast fertiggestellten neuen Orgel gegeben. „Phantastisch“, war das Urteil. In der Spitalkirche, der Kirche des ehemaligen Kapuzinerklosters, ist nun eine richtige Orgel zu hören; das Harmonium hat ausgedient. Am 2. Juni ist die offizielle Einweihung mit einem besonderen musikalischen Programm.

„Der Punkt“, so Stadtbaumeister Johann Suck, sei nun gesetzt, der letzte Baustein in der Renovierung des Kapuzinerklosters eingefügt: „So, jetzt ist es fertig.“ An der Rückseite, der Südwand, der Fideliskapelle steht die Orgel. „Ein zierliches Instrument mit aufwendigem Prospekt“, beschreibt sie der ausführende Orgelbauer Stefan Heiß. Der Riedlinger Organist Hans-Peter Lang ergänzt: „Ein ein-manualiges Positiv mit Vollpedal.“

Eine kleine Werkstatt ist über den Kirchenbänken der Seitenkapelle aufgebaut. „Abwärts“, Hammerschlag, „Abwärts“, Hammerschlag: Orgelbauer-Azubi Michael Sommer sitzt am Spieltisch, betätigt ein Pedal. Ein äußerst tiefer Ton ist mehr zu spüren als zu hören. Der Meister Stefan Heiß steht auf der Leiter im Zwischenraum von Orgelkorpus und dahinterliegendem Subbass und justiert die großen Holzpfeifen. Mit dem Stimmgerät testet er anschließend die Tontiefe und erklärt, dass er auf der Leiter mit dem Kopf im Ton-Bauch stehe. Der Ton sei so tief, dass er ihn dort nicht korrekt höre. Nur im „Knoten“ der Schwingung sei der Ton richtig hörbar, exakt messbar mit dem Gerät.

Mit blitzenden Augen...

Und Stefan Heiß, bayerisch-schwäbisch mit deutlichem Iller-Anklang sprechender Chef der Firma Heiß Orgelbau in Vöhringen im Illertal, beschreibt den interessierten Besuchern seine Orgel. Ausführlich, ernsthaft, umfassend, mit blitzenden Augen und deutlicher Begeisterung – für seinen Beruf und sein Produkt. 510 Pfeifen sind in dem drei Meter hohen und knapp zwei Meter breiten Instrument verbaut. Pfeifen aus Metall und aus Holz, die größte drei Meter hoch, die kleinste zwölf Millimeter. Die Metallpfeifen sind im Korpus eingebaut, die zwei Reihen der tief klingenden Holzpfeifen stehen dahinter. Ein Gang zur Wartung trennt beide. Auf einem Holzpodest zur Luftzirkulation und „ohne Berührung mit dem historischen Baudenkmal“ lagere das ganze Instrument, aus Bergfichte, Eiche und Kiefer gefertigt. Der Spieltisch ist aus Nussbaum, die Tasten aus Grenadill. Dieses schwarze Tropenholz sei besonders hart und würde den Schweiß der Spielerhände gut aufnehmen. Die weißen Halbtontasten haben eine Auflage.

Die Besonderheit hier sei auch der Standort: Nicht auf einer Empore, sondern „mitten im Volk“ stehe diese Orgel. Dem Betrachter bleibe so die Kirche als das Wesentliche erhalten. Das neue Instrument störe nicht den „schönen harmonischen Raum“. Die Formensprache des Kirchenraumes kehre wieder; die Rundfenster wiederholten sich in den Ausschnitten, in denen die Metallpfeifen zu sehen sind. „Schlicht und schön“, sagt Heiß. Bei der Farbgebung herrscht das gebrochene Weiß vor. Sparsame Goldverzierungen untergliedern die Front. Aus Goldstaub, vermischt mit einem Bindemittel, seien die, erklärt Heiß, nicht aus Blattgold. Das wäre zu dick, zu auffallend, zu glänzend, unpassend: „Wie wenn man einen falschen Lippenstift benutzt.“

Vom Aufriss bis zur Fertigstellung – nur die Metallpfeifen werden von einer darauf spezialisierten Firma bezogen – geschehe alles im eigenen Betrieb, sagt Orgelbauermeister Stefan Heiß. Rund zehn Monate haben er und seine drei Mitarbeiter daran gebaut – bis das Instrument in der Spitalkirche aufgebaut werden konnte. Komplett vorgefertigt kam es hier an, auch um Staub und Dreck in der Kirche zu vermeiden, um die Zeit vor Ort kurz zu halten, um ohne große Maschinen anreisen zu können. Anfang Mai wurde das Gehäuse aufgebaut, damit das Holz sich in etwa zwei Wochen akklimatisieren könne. Und dann komme das Eigentliche, die Intonation: „Die ist die Krone.“ Und Heiß ergänzt mit Schmunzeln: „Der Klang wird in der Kirche geboren!“

Klangbild anpassen

Das späte Frühjahr, sagt Hans-Peter Lang, sei ein guter Zeitpunkt, um hier den Klang zu gebären, um das Klangbild dem Raum anzupassen. „Eine Orgelpfeife kann wie eine Oboe klingen oder eine Flöte.“ Die Kunst des Orgelbauers sei es, dafür die passende Pfeife zu bauen und vor allem zu intonieren, die Klangfarbe anzupassen. Und da sei Heiß ein Orgelbauer, der auch das Orgel Spielen beherrsche. Der zieht alle Register und benützt alle Pedale beim Einspielen – und ist zufrieden.

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