Blüten regnen für Menschenrechte

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 Eine Gruppe Tänzerinnen fordert Freiheit und Unversehrtheit aller Frauen.
Eine Gruppe Tänzerinnen fordert Freiheit und Unversehrtheit aller Frauen. (Foto: Thomas Warnack)
Eva Winkhart

Nicht nur in Großstädten haben Frauen am Freitag, dem Weltfrauentag, auf den Straßen und Plätzen getanzt. Auch in Riedlingen trafen sich Frauen – und Männer – zu einer kleinen Veranstaltung auf dem Marktplatz. Die Menschenrechte und besonders die Rechte der Frauen sollten hier ins Gedächtnis gerufen, auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht werden. Der im Anschluss daran im Lichtspielhaus gezeigte Dokumentarfilm „#Female Pleasure“ behandelte die Situation von Frauen in den unterschiedlichen Weltreligionen.

Zwischen den Marktständen und den Wagen steht eine Riedlinger Gärtnerin mit einem Korb Äpfel. Nach und nach sammeln sich zahlreiche Menschen im weiteren Kreis um sie. Zuschauer – und Akteure, wie sich herausstellen wird. Frauen und Mädchen drängen sich durch und verteilen Flugblättchen. „Was Sie hier gleich sehen …“ steht als Überschrift deutlich lesbar drauf. Daneben werden den Umstehenden kleine, aus farbigem Papier gefaltete Behältnisse in die Hand gedrückt. Jeweils eine Blüte ist drin. Mit den Worten „Ein Menschenrecht für Sie!“ werden sie überreicht. Erstaunen. Trommelwirbel.

Ein Paar tritt an den Apfelkorb. Im inzwischen aufmerksam gewordenen Kreis beginnt die Frau, sich Äpfel auszusuchen. Als es ums Bezahlen geht, bittet sie ihren Mann ums Geld, da sie kein Haushaltsgeld mehr habe. Unter lautstarkem Schimpfen von „Karle“ stellt sich heraus, dass sie sich bei der VHS zu einem Theaterkurs angemeldet habe. Dafür sei der Rest des Geldes ausgegeben. „Karle“ tobt und schreit: „Dazu hast du überhaupt kein Recht!“ Sie wehrt sich dagegen mit Worten und streut währenddessen Blütenblätter über die Zuschauerrunde. Vielfarbige Rosenblätter regnen nun auch aus zwei geöffneten Fenstern der Häuser um den Marktplatz. Auch ein drittes Fenster geht auf. Zwischen dem Publikum stellen sich Frauen auf Obstkisten. Mit lauten Stimmen verlesen sie hier unten, Frauen und Männer an den hochliegenden Fenstern abwechselnd Menschenrechte, streuen Blumen und Blütenblätter. „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, erntet großen Applaus. Der gilt auch den Akteuren der Improvisationstheatergruppe Riedlingen, die diese kleine Szene ausgearbeitet haben.

Als die Trommlerin sich auf den Weg in die Lange Straße macht, folgen ihr die Zuschauer. Vor dem Kino werden sie von etwa 20 Frauen erwartet, aufrecht stehend, aufgestellt in einem großen Dreieck, Teenager und Ältere, alle schwarz gekleidet mit einem farbigen Beiwerk: einer Jacke, einem Rock, einem Tuch um Hals, Arm oder Taille.

In weiter Runde die Gasse füllend, stellen sich die Zuschauer auf, als die Musik einsetzt. „Break the Chain“, sprenge die Ketten, ist der von Tena Clark interpretierte Song zu diesem Anlass. Zur fetzigen Musik klappt die in einer Übungseinheit einstudierte Bewegungsabfolge. Besonders effektvoll ist das fröhliche Durcheinandergehen der Tänzerinnen, ehe sie sich wieder formieren. Riesiger Applaus. Zuschauer umarmen sich, lächeln und lachen. Ein Eimer voll Rosen wird gebracht, die Blumen verteilt. An den Rändern der Gasse und zwischen den Zuschauern stehen Papiertaschen, auf ihnen: „Für Freiheit und Unversehrtheit aller Frauen“ oder „Stoppt sexuelle Gewalt gegen Frauen“.

Vor einem Banner mit dem Logo der Bewegung „One Billion Rising“ verliest die Initiatorin der zum Weltfrauentag stattfindenden Aktion in Riedlingen Simone Mazurek das Motto für 2019: „Bewegen – erheben – leben“. Dabei sollen sich die Menschen auf der ganzen Welt erheben gegen Krieg, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, gegen Armut, Klimazerstörung, Ausbeutung der Arbeitskraft – und für Sicherheit, Freiheit und Gleichheit der Frauen, für die Menschen- und Bürgerrechte, für die Rechte Geflüchteter, für Bildung. Zufrieden mit der Resonanz auf diese erste Aktion in Riedlingen hofft Mazurek auf viele weitere solcher Unternehmungen in den kommenden Jahren. „Danke allen Männern, die uns Frauen durch ihre Unterstützung und Liebe erblühen lassen“, beendet sie ihre kleine Dankesrede.

Der Zuschauerraum des Kinos zum anschließend gezeigten Film „#Female Pleasure“ wird voll. In der Schlange vor der Kasse des Kinovereins wartet das „Ehepaar“ vom Markt. „Ausnahmsweise“, sagt der „Karle“ mit ernstem Theatergesicht, lade er seine Frau ins Kino ein. Es ist Weltfrauentag.

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