Bildungshungriges Flüchtlingsmädchen

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Bildungshungriges Flüchtlingsmädchen
Bildungshungriges Flüchtlingsmädchen (Foto: Thomas Warnack)
Stv. Redaktionsleitung

Gemeinsam mit Patience Mollè Lobè aus Kamerun hat Dr. Reginamaria Eder vor über 20 Jahren begonnen, sich um Mädchen, die verstoßen oder zur Überlebensprostitution gezwungen waren, zu kümmern. Die beiden Frauen bauten die Sozialzentren HUPJEFI auf und vor einigen Jahren eröffneten sie die Schneiderschule „Doriana“. Spendengelder aus der SZ-Aktion „Helfen bringt Freude“ sind gut investiert, denn damit wird den Mädchen nicht nur eine Berufsausbildung, sondern auch eine Zukunft gegeben. Zumal in Kamerun seit drei Jahren ein schlimmer Bürgerkrieg in den englischsprachigen Regionen herrscht. Zahlreiche Menschen verlassen das Gebiet und flüchten. Dr. Reginamaria Eder berichtet davon, wie das HUPJEFI-Sozialzentrum in Bomono zur Anlaufstelle für Mädchen aus dem Kriegsgebiet wird.

Vom Krieg selbst sei in ihrem Gebiet nicht allzu viel zu spüren, so Dr. Reginamaria Eder. Mal fällt der Strom aus oder das Internet geht nicht. Allerdings wachse die Zahl der Flüchtlinge mit jedem Tag. So ist das HUPJEFI-Sozialzentrum in Bomono zur Anlaufstelle für flüchtende Mädchen aus dem Kriegsgebiet geworden.

In Kamerun werden 284 nationale Sprachen gesprochen. Englisch und Französisch sind die offiziellen Amtssprachen. So sprechen die Flüchtlingsmädchen, die im Sozialzentrum im Süden ankommen, nur englisch, während die Mädchen, die sonst im Sozialzentrum sind, sich auf Französisch unterhalten. Diese Situation nutzt das Sozialzentrum dazu, dass die Mädchen jeweils die andere Sprache lernen. So sollte das in einem Land mit zwei offiziellen Sprachen auch sein, sagt Eder. Die Zweisprachigkeit der Mädchen trage zum gegenseitigen Verstehen und zum Frieden bei.

Die 16-jährige Fomira ist eines dieser Flüchtlingsmädchen, die im HUPJEFI-Sozialzentrum gelandet ist. Drei Jahre lang hatte sie in ihrer Heimat keinen Unterricht mehr bekommen, denn im Kriegsgebiet wird nicht mehr unterrichtet. Von Anfang an fiel auf, wie enthusiastisch sie sich ins Lernen stürzte. In nur einem Jahr machte sie riesige Fortschritte: sie lernte Französisch, Handarbeiten, Schneidern, Hauswirtschaft und den Umgang mit dem Computer.

Dann kam der nationale Tag der Jugend: Alle Schulen nehmen an einem Umzug teil und präsentieren sich dort. Die Verantwortlichen im Distrikt legen großen Wert darauf, dass auch das Sozialzentrum HUPJEFI jedes Mal dabei ist. Die jeweils besten der Schule werden mit einem Preis ausgezeichnet. HUPJEFI ist jedoch keine Schule und vergibt keine Noten – wie also den „Schulbesten“ ermitteln? Die Betreuerinnen, die sich um die Mädchen kümmern, wählten ein Mädchen aus, deren Verhalten sich besonders positiv entwickelt hat. Unter vier „schulbesten“ Mädchen des Distrikts fiel die Entscheidung schließlich für Fomira, die auf ihren Preis – Nähgarn, Nadeln und eine Schneiderschere – ungeheuer stolz war.

Doch dieser Preis ist für sie viel mehr als Garn und Schere. Es bedeutet Anerkennung. Sie fühlt sich mehr integriert in der neuen Umgebung, wächst im Ansehen bei den anderen Mädchen und es ermutigt sie gleichzeitig, sich selbst auch anzustrengen. „Alles andere als selbstverständlich für ein Flüchtlingsmädchen“, sagt Reginamaria Eder.

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