Bei Kreisler in Hochform

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 Ulrich Hirsch bei seinem Liederabend zum Thema Liebe im Riedlinger Lichtspielhaus.
Ulrich Hirsch bei seinem Liederabend zum Thema Liebe im Riedlinger Lichtspielhaus. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Strahlend betritt er die Bühne, steht im Scheinwerferlicht und freut sich über die Resonanz an seinem Liederabend, der Liebe gewidmet: Ulrich Hirsch, den seine Freunde Käfer nennen und der nicht nur an diesem Abend für das Sommertheater brennt. Schließlich ist das Eintrittsgeld der rund 60 Besucher im Lichtspielhaus für die Verköstigung der Schauspieler reserviert, die 2020 Riedlingen erneut zur Theaterstadt werden lassen.

Es ist eine Veranstaltung der guten Laune, auch wenn’s gelegentlich sarkastisch wird in den Texten. Schließlich hat auch die Liebe verschiedene Facetten, entwickelt sich nicht immer so, wie man sie sich im Honey-Moon vorstellt. Hirsch beleuchtet sie alle an diesem Abend und spart auch die Wollust von Kirchenmännern nicht aus. Dafür hat der Barde aus Heiligkreuztal Lieder zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ausgewählt. Den Trennungsschmerz beim Abschied für den Kriegsdienst lässt er ebenfalls nicht aus.

Mit Augenzwinkern singt er a-cappella das Lied von Annamirl, dem Mädchen, das in der Nase bohrt und das Geborgene im Mund verschwinden lässt, weshalb ihr ein Kuss verwehrt wird, mit Blick auf gescheiterte Beziehungen jenes von Annagret und ihrem Ehemann, der ihr nur noch den Tod wünscht. Wäre da noch Wolf Biermann und seine Erkenntnis: „Ein Weib ist zu viel für mich und zwei sind viel zu wenig.“ Käfers Augen blitzen.

Auch Lieder von Hannes Wader hat er im Repertoire, jenes vom Mädchen, das „eigentlich viel zu schade für mich“ und die „Arschkriecher-Ballade“, die wohl am ehesten Eigenliebe thematisiert, wenn man sich des Duckens verweigert und aufrechten Ganges durchs Leben geht, trotz der Hässlichkeit, die bleibt. Bitterböse dagegen jenes von der „guten Tat“, des Bewahrens einer alten Frau vor dem Ertrinken und der Enttäuschung, dass sie trotz ihres Alters nicht stirbt und das Testament zugunsten des Retters greift, der schließlich resümiert: „Dem mach’ ich ein Ende, ich weiß auch schon wo – ich kenn’ einen tiefen einsamen See, an dem ich manchmal bei schönem Wetter mir ihr zum Entenfüttern geh’.“

Zu Hochform jedoch läuft Ulrich Hirsch bei der Interpretation von Liedern des österreichischen Kabarettisten Georg Kreisler auf. Frühlingsluft lässt er an diesem regnerischen Novemberabend in den Kinosaal wehen, wenn der „Schatz“ zum „Tauben vergiften“ in den Park geladen wird. Ungetrübt ist die Liebe bei den „Mädchen mit den drei blauen Augen“, weniger erfolgreich bei der Tochter des „Fliegergenerals“. Wie Kreisler mit Wortspielen umzugehen wusste, auch das zeigt Hirsch an diesem Abend in einem eher wehmütigen Lied, in dem aus der Monika, die man an den Haaren zieht, die Ziehharmonika wird. Im „Mütterlein“ lässt er staunen, dass sie ihren Filius zum Verbrecher ausbildet und dafür geliebt wird. Absoluter Höhepunkt ist der schöne „Heinrich“, er, der von allen Mädchen hofiert wird und all’ diese Vorteile zu seinen Gunsten ausnutzt. Die Finger flitzen über die Gitarrensaiten, das Lied wird immer dramatischer. Der Saal tobt. Sein Konkurrent hieß Richard Gere, gesteht Hirsch in Erinnerung an einen Kino-Abend mit sechs Chormädels, „drei rechts, drei links“, die mit ihm „Pretty-Woman“ schauten und nur Augen für den Schauspieler hatten. Da hilft nur noch die Traumfrau, wie sie sich Kreisler mit seiner „Barbara“ ausgedacht hat. Auch Käfers Augen funkeln, um mit Kreislers „Was sagst du?“ die Nächstenliebe anzusprechen und die Aufforderung, authentisch zu sein und zu bleiben.

Was „ganz Liebes“ wünscht sich eine Zuhörerin als Zugabe. Als ob er dies geahnt hätte, wird’s wirklich liebevoll zum Schluss, mit der Hommage Heinrich Heines an Kindertage und seine Schwester, einem emanzipatorischen Lied von einem „klein wild Vögelein“ um 1700 und schließlich der südafrikanischen Nationalhymne Nkosi Sikelel’ iAfrika, „Gott segne Afrika“. Einige der Besucher stimmen ein und entlassen danach einen glücklichen Ulrich Hirsch zum angestrebten Bier.

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