Basar von Isfahan war ihre zweite Heimat

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Elisa Münch auf der Insel Qeshm im Persischen Golf.
Elisa Münch auf der Insel Qeshm im Persischen Golf. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung
Ursula Kliebhan

Fünf Monate hat sie im Rahmen eines Praxissemesters im Iran verbracht: Elisa Münch, Studentin der Ethnologie und Politikwissenschaften im sechsten Semester an der Universität Tübingen. Unterschiedliche Eindrücke, Erfahrungen und Erinnerungen an die Zeit von September 2017 bis Januar 2018 hat sie mitgebracht. „Noch daheim, stellte ich mir alles viel strenger vor, man findet dort viel was man nicht erwartet“, sagt sie.

Eine Herausforderung war sicherlich die Verständigung. In ihr Studium eingebunden ist Farsi, die persische Sprache. Am Anfang sei gar nichts gegangen. Nach Isfahan habe sie sogar den Dialekt angenommen. Aus Mangel an Supermärkten wird auf dem Basar eingekauft. Beim Handeln und Feilschen muss man sprechen. „Sonst wird man über den Tisch gezogen“, sagt die 23-Jährige. Einheimische zeigten sich erstaunt, sobald Elisa Münch Persisch sprach. Ausländische Touristinnen genießen in den Städten bezüglich der Kleidungsstils mehr Freiheit als die Iranerinnen. Ein lässig geschlungenes Tuch genügte. Für die iranischen Studentinnen war ein geschlossenes Kopftuch und schwarze Kleidung Vorschrift. Verhalte oder kleide sich ein Mädchen entgegen der Regeln, lande sie „Dank“ der Sittenpolizei auf dem Revier. Die Autorität des Regimes in der Öffentlichkeit falle nicht sofort auf. Sei man länger dort, spüre man die Spannungen der willkürlichen Staatsgewalt überall. Mädchen studierten umsonst, nach dem Studium werde geheiratet. Eine Deutsche, 23 Jahre alt und noch nicht verheiratet? Das stieß auf Unverständnis.

Fast alle großen Städte besuchte die junge Studentin. „Teheran würde ich niemandem empfehlen, schrecklich, überbevölkert und eine schlimme Luftqualität.“ Aber auch in Isfahan musste sie manchmal aus der Smogdecke raus. Die Atemmaske erwies sich als ein unverzichtbares Accessoire. Die Kluft zwischen privatem und öffentlichen Leben fiel ihr besonders auf. Das soziale, zwanglosere Leben spiele sich mehr hinter verschlossenen Türen ab. Frauen zeigten sich beispielsweise sehr europäisch mit Tattoos und Piercings im Sportclub, sobald der Tschador falle. Musik, Medien, Bücher, die sozialen Plattformen unterlägen der Zensur der Regierung. „Doch die Jugend hat aber trotzdem alles, was gerade gefragt ist.“ Von der Ausübung des islamischen Glaubens habe sie bei Besuchen in Familien nicht viel mitbekommen. Immer präsent waren jedoch politische Themen, es wurde viel diskutiert.

Über Weihnachten besuchte sie den persischen Golf, genoss dort die Wärme und das Meer. Das Klima, die extrem trockene Luft in Isfahan setzten ihr zu, auch die starken Temperaturschwankungen, nachts fiel die Temperatur um 20 Grad. Die Wasserknappheit erweckte bei der Studentin den Eindruck, sie werde von der Regierung einfach ignoriert. Nichts ungewöhnliches: Ein ausgetrocknetes Flussbett im Kontrast zur Dauerbewässerung von allem was Grün ist. Beim lässigen Umgang mit der Müllentsorgung und Umweltthemen fehle es an Aufklärung und Erziehung. Ihre deutsche Methode wurde etwas belächelt. „Ich bin mit vielem klar gekommen. Trotz aller Toleranz gegenüber Regeln, wie beispielsweise ein Kopftuch zu tragen, das mit dem Müll hat mich unglaublich aufgeregt.“

Rückblickend schätze sie sich glücklich, die Reise unternommen zu haben. Sie würde den Iran reiselustigen Leuten empfehlen, obwohl das Land ursprünglich nicht auf Touristen, wie etwa in Tunesien, ausgelegt ist. Die Menschen begegneten ihr höflich und gastfreundlich. „Ich wurde mit Süßem gestopft wie eine Weihnachtsgans“, lacht Elisa. „Das überdurchschnittlich Süße, viel Safran und Rosenwasser, waren mir oft zu viel, aber man kann nicht Nein sagen“. Die Stehtoilette, ohne Papier mit Wasserschlauch, war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Essen zu gehen, koste kaum etwas. Gegen Ende ihres Aufenthalts bekam sie Besuch von ihrer Mutter und Schwester.

Elisa Münch gerät ins Schwärmen, wenn sie von Basaren erzählt: „Der Basar von Isfahan war meine zweite Heimat, es riecht dort herrlich, die Werkstätten, Innenhöfe mit Springbrunnen und Orangenbäumen... die romantischen Ecken gibt es tatsächlich.“ Dennoch sollte sich der Tourist von einer klischeehaften Orientvorstellung verabschieden. „In den hochmodernen, pulsierenden Städten tritt die Erhaltung der Schönheit oft in den Hintergrund, Funktionalität kommt vor der schönen Mosaikdecke.“ Militärpropaganda bestimme den Alltag. Der Aufklärungswille der Iraner, nicht der Regierung, sei groß, die Dämonisierung des Irans im Westen aufzuheben. Die jungen, gebildeten Leute möchten nach Europa. Lange Schlangen bilden sich vor der deutschen Botschaft. Aber ein Visum dauert zwei Jahre. Ihr Wunsch: Die Jugend soll künftig nicht aufgrund einer durch Unterdrückung verursachten Unzufriedenheit und Arbeitslosigkeit zur Abwanderung gezwungen sein.

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