Ballett für zehn Finger

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 Valerij Petasch gestaltet im Refektorium ein brillantes Klavierkonzert.
Valerij Petasch gestaltet im Refektorium ein brillantes Klavierkonzert. (Foto: Kurt Zieger)
Kurt Zieger

Wer den Pianisten Valerij Petasch erlebt, wenn er Kompositionen von Frederic Chopin „lebt“, empfindet unwillkürlich Bewunderung für einen begnadeten Künstler. Gleichzeitig kommt der Zuhörer in den Genuss eines konzertanten Erlebnisses. Hochwertige Kompositionen vergangener Jahrhunderte mit eigener „menschlicher Musik“ zu vereinen, könnte als Geheimnis dessen gelten, wie Petasch die Zuhörer in seinen Bann zieht.

Als Vorsitzende des Fördervereins der Conrad Graf-Musikschule, dem alle Spenden dieses Benefizkonzerts zufließen, führte Waltraud Wolf in die verbindenden Bande ein, die zu diesem hochkarätigen Konzert im Riedlinger Refektorium geführt haben. Petasch erweiterte diese Rückblenden auf sein erstes Konzert in Munderkingen, bei dem er eine eigene Komposition zwischen Ravel und Debussy platzierte. Die positive Resonanz galt für ihn als Impuls „menschliche Musik“ zu schreiben. Zwischen dem Höhenflug der Filmmusik jener Epoche und der Avantgarde müsste es doch auch Musik geben, die menschliche Züge trägt und den Zuhörer anspricht. „Wenn man fast nur Chopin spielt, möchte man irgendwann etwas Anderes hören und nach Möglichkeit selbst machen”, betonte Petasch. Von der Verbindung dieser beiden Pole konnten sich die Zuhörer im gut gefüllten Refektorium im Laufe des Konzerts überzeugen.

Der erste Teil seines Konzerts war ausschließlich Frederic Chopin gewidmet. Bereits bei den ersten beiden Walzern, obwohl kompositorisch mit jeweils eigenem Charakter versehen, spürte man sofort, dass Petasch nicht nur den vorgegebenen Noten zu ihrem Klang verhilft, sondern jede Phase des Werks, auch die noch so kleinen Pausen, in seinem Geist modelliert. So erhalten perlende Passagen ganz eigenen Glanz, lösen in gezielten Pianissimo-Momenten emotionale Stimmungen und verhelfen dadurch jedem Werk zu seinem ganz individuellen Gesicht.

Federleicht gleiten die Hände des Pianisten in weiteren Werken Chopins über die Tasten. Damit kann er bei aller Rasanz im Spiel die melodischen Aspekte verdeutlichen. So bekommt vor allem eine feinsinnige Melodie stets ihr eigenständiges Profil. Teils dezent, teils forsch voranschreitend, teils zum Nachdenken animierend, so schöpft Petasch den gesamten Klangraum des Instruments aus und verbindet auf- und absteigende Sequenzen ohne Ecken und Kanten zu einer für den Zuhörer beglückenden Einheit.

In einem Nocturne beispielsweise wechselten kräftige und doch keineswegs aggressive Akkorde mit Einzeltönen im oberen Bereich der Klaviatur quasi als Prolog zu einer wiederum faszinierenden Musizierweise der höchst anspruchsvollen Komposition. Auch hier gingen Melodie und variabel gestaltende Begleitung eine beglückende Symbiose ein. Geradezu schwärmerisch gestaltete und genoss Petasch die eleganten Dolce-Passagen, um umso temporeicher die nachfolgenden temporeichen Teile mit bewundernswertiger Fingerfertigkeit in ein furios bravouröses Finale voll musikalischer Leidenschaft zu führen.

Im zweiten Teil des Konzerts ließ Valerij Petasch die Zuhörer teilhaben an einem weitgehgend eigengeprägten Teil seines Könnens. Bewegt die musikalische Deutung zweier Ausflüge in die Kindheit, besinnlich sein Werk „Atlantis“, rückblickend seine Verehrung für Barbara Streisand, die er bereits vor 30 Jahren in Daugendorf als Eigenkomposition zu Papier gebracht hat. Nach den „ziehenden Kranichen“ beendete der begnadete Pianist mit seinem „Ballett für zehn Finger“ sein Konzert, das bei einer möglichen Wiederholung mit Sicherheit wieder begeisterte Zuhörer finden würde.

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