Attraktion im Rohzustand

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 Besucher können sich seit kurzem von der besonderen Atmosphäre der vor 450 Jahre angelegten Gewölbe überzeugen.
Besucher können sich seit kurzem von der besonderen Atmosphäre der vor 450 Jahre angelegten Gewölbe überzeugen. (Foto: Eva Winkhart)
Eva Winkhart

Die Container – vier mit Bauschutt, vier mit Holz, Metallschrott, Müll – sind weg. Die Schubkarren, Eimer, Schaufeln, Pickel, die Schuttrutsche, die Absperrungen und Achtung-Schilder wurden abgeholt. Die zwölf Feldbetten lagern wieder beim DRK. Der letzte Arbeitsplan fürs Kochen, eine Welt-, eine Europa- und eine Deutschlandkarte hängen noch an den Wänden im ersten Stock des Turmraums, der als Speisezimmer für Regentage diente. Die „Küche“ im Erdgeschoss könnte sofort wieder aktiviert werden. Aber: Die zwölf Mitglieder des internationalen Workcamps, die die Gewölbe unter dem historischen Hängegarten in Neufra ausräumten, sind abgereist.

Eine harmonische Gruppe sei entstanden aus den zwölf Individuen, die sich in Neufra trafen. Dieses internationale Workcamp mit Mitgliedern aus Mexiko, der Türkei, aus Aserbaidschan, Spanien, Russland und Belgien (die SZ berichtete) wurde organisiert von der gemeinnützigen Organisation SCI – Service Civil International. Es bestand hier für zwei Wochen mit der Aufgabe, die Gelasse unter dem Garten leer zu räumen, Brauchbares von Unbrauchbarem zu trennen. Daneben wurde gemeinsam gekocht, geputzt, diskutiert, gespielt, gefeiert. Mit dem Erlös aus dem Flohmarkt nach der ersten Woche konnte die Gruppe gemeinsame Ausflüge finanzieren: zum Kletterpark nach Biberach, zu einer Musikveranstaltung nach Daugendorf, zum Bodensee nach Unteruhldingen mit Pfahlbaumuseum, Mittagessen und Eis. Auch das typisch deutsche Abendessen in einem Restaurant in Riedlingen gehörte mit zur Ausflugsabrundung. Abwechslungsreich und entspannend.

Jedes Mitglied der Gruppe aus sechs Frauen und sechs Männern zwischen 16 und 53 Jahren stellte sein Land vor, einige kochte ein landestypisches Mahl für alle. Abends gingen sie zum Sportplatz, zum Duschen ins Gemeindezentrum, zur Donau, waren zu Fuß unterwegs – manchmal bis nach Riedlingen. Es wurde gegrillt und am Lagerfeuer gesungen. Auch der Salsa-Abend fand viel Anklang. Ganz besonders stimmungsvoll, meint Christiane Johannsen – sie ist Vorsitzende der Stiftung Historischer Hängegarten und mit ihrer Familie Bewohnerin des ehemaligen Rentamtes am Zugang zum Garten –, seien die Abende oben im Hängegarten gewesen. Mit der besonderen Atmosphäre, der Geschichte und dem Ausblick – und dem speziellen Wissen, was darunter liegt. Und: Ein neues Paar sei entstanden, sagt sie mit blitzenden Augen. Sechs Stunden Arbeit pro Tag waren eingeplant und wurden meist eingehalten. Nur an einem der letzten Tage, so Christiane Johannsen, habe es einer kurzen Diskussion nach dem Essen bedurft: Ein Teil der Gruppe würde weniger arbeiten als der andere. Geschuldet wohl auch der körperlich anstrengenden Arbeit. Danach habe alles wieder funktioniert.

Die ersten Besucher sind begeistert! Zehn der Gewölbe, auf denen der Garten mit Buchshecken und Rosen und Lavendel unterhalb der Kirche in Neufra ruht, können seit Kurzem begangen werden, auf Anfrage. Vor 450 Jahren angelegt, verblüffen sie heute noch. Durch schmale Torbögen passieren die Besucher sie in einer Reihe – mit einer Biegung nach dem fünften Raum. In einige fällt Licht durch eine hochliegende Fensteröffnung. Recht- und dreieckig, riesig groß und andere schmal, aus Bruchsteinen und Ziegeln gemauert, bis zu neun Metern hoch, nur teilweise mit Plattenboden, an wenigen Stellen mit moderneren Materialien ausgebessert. Ein Fachmann unter den ersten Besuchern bestaunt die gemauerten Bogendecken, macht aufmerksam auf die „billigen“ Bruchsteine, Kalksteine aus der Umgebung, die für die geraden, die einfachen Mauern verbaut worden waren; teure Ziegel – sind sie aus den umliegenden, früher existierenden Ziegeleien in Mengen oder Riedlingen? – wurden für die gewölbten Decken benützt.

Viel Raum für frische Ideen

Leer sind die Räume nun – bis auf den letzten Raum, den zehnten, in dem noch viel Ausbauarbeit wartet: Mehrere Meter hoch ist der gewachsene Fels, sind Steine, Geröll, Schutt, verfestigtes und loses Material. Schwer wegzuschaffen. Komplett leer sind die sieben Gewölbe davor; im ersten existiert schon länger ein kleiner Gruppenraum, im zweiten sind Toiletten eingebaut.

Eine Attraktion ist nun im Rohzustand da; was in der Zukunft daraus entstehen wird, muss noch wachsen. Pläne für die Nutzung der Gewölbe bestehen, sind jedoch noch nicht konkret. Grobe Vorstellungen hat Christiane Johannsen bereits. Für das Kasperletheater – ein großer Erfolg im vergangenen Jahr – ist Platz in den Gewölben. Eine Halloween-Party und ein Weihnachtsmarkt sind angedacht. Raum und Atmosphäre dafür wären inzwischen vorhanden.

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