Anwohner kämpfen für dauerhaftes Tempo 30

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Derzeit gilt Tempo 30 in der Ziegelhüttenstraße. Anlieger kämpfen darum, dass dies so bleibt.
Derzeit gilt Tempo 30 in der Ziegelhüttenstraße. Anlieger kämpfen darum, dass dies so bleibt. (Foto: Jungwirth)
Redaktionsleitung

Ergebnisse der Studie

In einer Broschüre des Umweltbundesamts werden anhand von „Vorher-Nachher-Vergleichen“ die Auswirkungen von Tempo 30 zu Tempo 50 in Hauptverkehrsstraßen verglichen. Die Ergebnisse:

Die Temporeduzierung hat in den meisten Fällen keinen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit einer Straße: Der Durchfluss bleibt gleich.

Tempo 30 hat eine Geschwindigkeitsreduzierung zur Folge (auch ohne Blitzer).

Durch Tempo 30 braucht ein Autofahrer in der Praxis pro 100 Meter vier Sekunden länger.

Tempo 30 führt meistens zu einer wahrnehmbaren Lärmverringerung (trotz niedrigerem Gang)

Tempo 30 reduziert die Luftschadstoffbelastung

Aufgrund der Baustelle auf der B 311 und dem zusätzlichen Umleitungsverkehr gilt seit 21. Juni auch in der Ziegelhüttenstraße in Riedlingen tagsüber und nachts Tempo 30. Ein Zustand, für den die Anwohner seit Jahren kämpfen. In der Bürgerfragestunde im Riedlinger Gemeinderat haben sie ihre Forderung nach dauerhaftem Tempo 30 nochmals unterstrichen – aus Lärm und aus Sicherheitsgründen. Doch das Landratsamt als Untere Verkehrsbehörde sieht diese Forderung derzeit skeptisch.

Knapp 12 000 Fahrzeuge rollen in Normalzeiten täglich über die Ziegelhüttenstraße, darunter sind rund 750 Lastwagen. Während der Baustellenphase sind es gar über 14 000 Fahrzeuge täglich. Und dennoch ist Wolfram Teschner derzeit zufriedener mit der Situation als vor der Baustelle. Der Grund: Tempo 30. Seither laufe der Verkehr viel ruhiger und langsamer, mit geringerer Lärmbelastung für die Anlieger: „Für mich ist es paradiesisch“, beschreibt er den Unterschied.

Zusammen mit drei weiteren Anliegern der Ziegelhüttenstraße hat er sich in der jüngsten Sitzung des Rats in der Bürgerfragestunde für dauerhaftes Tempo 30 in dieser Hauptverkehrsstraße stark gemacht. Dabei sehen die Anlieger die Argumente auf ihrer Seite. Sie verweisen auf eine Studie des Umweltbundesamts, in der in großen Städten wie Berlin, Frankfurt, Hamburg oder Schwerin, die Auswirkungen von Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen untersucht wurden (siehe Kasten). Ihr Fazit: „Alle Argumente, die gegen Tempo 30 sprechen, wurden widerlegt. Es gibt nichts was für Tempo 50 spricht“, sagt Oliver Jung. Sowohl was Verkehrsfluss, die Verkehrsmenge, die Lärmbelastung oder die Luftsauberkeit angehe, sieht die Studie keine Nachteile durch Tempo 30. Von der Verkehrssicherheit gar nicht zu sprechen.

Michael Schmid erinnert zudem daran, dass an der Ziegelhüttenstraße eine Schule mit über 800 Schülern liegt; dass die Straße von vielen Schülern zum Sport oder zum Schwimmen gequert wird. Auch mit Folgen: erst kürzlich kam es zu einem Unfall mit einer Radfahrerin, und ein paar Tage später wurde ein Unfall mit einem Kind nur ganz knapp vermieden.

Bürgermeister Marcus Schafft verweist in seiner Replik daran, dass der Gemeinderat am 8. Mai 2017 im Rahmen des Lärmaktionsplans mehrheitlich Tempo 30 auf der Ziegelhüttenstraße beschlossen hat, bei Tag und bei Nacht. Der Antrag auf Tempo 30 sei gestellt, doch die Stadt sei nicht Verkehrsbehörde.

In einem nächsten Schritt muss die Untere Verkehrsbehörde im Landratsamt den Antrag bewerten. Doch angesichts der Zahlen aus dem Lärmaktionsplan ist der Leiter des Verkehrsamts, Peter Hirsch, eher skeptisch. Auch das Regierungspräsidium hat sich in einer ersten Stellungnahme skeptisch gezeigt.

Denn um Tempo 30 im Rahmen des Lärmaktionsplans anordnen zu können, müssen bestimmte „Betroffenheitswerte“ erreicht werden, die eine Lärmminderung durch eine Reduzierung der Geschwindigkeit notwendig machen. Das standartisierte Berechnungsverfahren, das zur Ermittlung der Lärmwerte herangezogen wird, hat für die Ziegelhüttenstraße folgendes Ergebnis gebracht: tagsüber müssen rein rechnerisch 40 Anlieger mehr als 65 Dezibel (Auslöserwert) ertragen und zwei mehr als 70 Dezibel (Handlungswert). Nachts liegen die Grenzwerte etwas niedriger, bei 55 Dezibel mit 36 Betroffenen und 65 Dezibel mit rechnerisch einem Betroffenen.

Bei diesen Werten ist eine Temporeduzierung keine Pflicht, sondern es könnte ein Ermessen stattfinden. Dabei gilt es die verkehrliche Einschränkung auf dieser Landesstraße mit knapp 12 000 Fahrzeugen täglich mit den Schutzbedürfnissen der Anlieger abzuwägen.

Derzeit kann das Verkehrsamt allerdings noch keine Abwägung vornehmen. Denn ihm fehlen noch Zahlen, die die Stadt liefern muss. Und sollte die Verkehrsbehörde am Ende des Abwägungsprozesses zum Schluss kommen, dass Tempo 30 angeordnet werden sollte, müsste dies noch durch das Regierungspräsidium bestätigt werden.

Beim Thema Sicherheit sieht die Verkehrsschau keine erhöhte Gefährdungslage in der Ziegelhüttenstraße. Die Straße ist auch kein Unfallschwerpunkt. Durch die Ampeln können Schüler die Straße sicher überqueren, heißt es. Wobei die Anlieger betonen, dass häufig auch rote Ampeln überfahren werden. Und Hirsch erinnert daran, dass durch die Abbiegespuren und Ampeln der Verkehr immer wieder abgebremst wird. Für Tempo 30 sei aber eine „besondere Gefährdung“ Voraussetzung.

Ergebnisse der Studie

In einer Broschüre des Umweltbundesamts werden anhand von „Vorher-Nachher-Vergleichen“ die Auswirkungen von Tempo 30 zu Tempo 50 in Hauptverkehrsstraßen verglichen. Die Ergebnisse:

Die Temporeduzierung hat in den meisten Fällen keinen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit einer Straße: Der Durchfluss bleibt gleich.

Tempo 30 hat eine Geschwindigkeitsreduzierung zur Folge (auch ohne Blitzer).

Durch Tempo 30 braucht ein Autofahrer in der Praxis pro 100 Meter vier Sekunden länger.

Tempo 30 führt meistens zu einer wahrnehmbaren Lärmverringerung (trotz niedrigerem Gang)

Tempo 30 reduziert die Luftschadstoffbelastung

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