Als der König das Pferderennen besuchte

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 Partikularfest in Riedlingen 1824 in Anwesenheit des Königs Wilhelm von Württemberg. Stahlstich
Partikularfest in Riedlingen 1824 in Anwesenheit des Königs Wilhelm von Württemberg. Stahlstich (Foto: Winfried Aßfalg – Vorlage: Museum „Schöne Stiege“ Riedlingen.)
Winfried Aßfalg

1817 legten der württembergische König Wilhelm I. und seine Frau Katharina mit der Gründung der „Centralstelle des landwirtschaftlichen Vereins“ den Grundstein für das, was man heute als Cannstatter Volksfest kennt. Im September 1821 wurde erstmals auch im Oberamt Riedlingen ein solches Fest gefeiert,

Als König Wilhelm von Württemberg (1781-1864) 1816 sein Amt in der Nachfolge seines Vaters, König Friedrich, antrat, stand der Beginn unter keinem guten Stern für die Bevölkerung. Ein Jahr zuvor war der Vulkan Tambora in Indonesien mit einer geschätzten Sprengkraft von 170 000 Hiroshima-Bomben ausgebrochen und verbreitete 140 Milliarden Tonnen Asche- und Staubpartikel über Europa. Nach schweren Ernteausfällen im Vorjahr mangelte es im Jahr 1817 im Südwesten Deutschlands an so gut wie allem. Aus Verzweiflung wird das Grundnahrungsmittel Brot mit dem gestreckt, was noch zu finden ist – Blättern, Wurzeln, Gras oder sogar Sägespäne. Dem Pfarrer von Heudorf/Mengen, Fortunat Fauler, gelang es, ein „annehmbares Brot herzustellen aus Kartoffeln und Rüben“. Die Ulrich’sche Druckerei Riedlingen verlegte das Rezept. Und die Einbringung des ersten Erntewagens 1817 wurde allerorten festlich gefeiert, so auch in Riedlingen.

Aus dieser Notsituation heraus gründete König Wilhelm 1818 gemeinsam mit seiner Frau Katharina, der Zarentochter Pawlowna aus Russland, die „Centralstelle des Landwirtschaftlichen Vereins“ in Hohenheim, aus der sich die Universität Hohenheim entwickelte. Der „König unter den Landwirten und Landwirt unter den Königen“, wie er auch genannt wurde, wollte neue Erkenntnisse im Bereich der Landwirtschaft finden, entwickeln lassen und so der Bevölkerung eine bessere Versorgung sichern. 1836 waren die 67 Oberamtmänner im Königreich aufgerufen, Landwirtschaftliche Vereine zu gründen. Zwei Jahre später gab es bereits 40, Riedlingen kam 1839, also vor 180 Jahren hinzu, berichtet die Statistik. Die Aufgaben der Bezirksvereine erstreckten sich auf alle Aufgaben der Landwirtschaft: Intensivieren der Agrikultur, Aufhebung der Weidewirtschaft, Übergang zur Stallfütterung, Umwandlung einmahdiger in zweimähdige Wiesen. ebenso ging es um die Intensivierung des Ackerbaus und Futteranbaus, der Tierhaltung, dem Maschinen- und Gerätewesen, der Be- und Entwässrung der Fluren sowie dem Feldwegebau, bei dem sich der in Riedlingen sesshafte Oberamtsgeometer Matthias Schimpf hervortat.

Im September 1821 wurde in Anlehnung des 1818 erstmals durch König Wilhelm in Cannstatt begangenen Landwirtschaftlichen Volksfestes auch im Oberamt Riedlingen ein solches Fest gefeiert, zu dem König Wilhelm persönlich erschienen war. Das Fest fand im sogenannten „Triangel“ statt, dem Gebiet zwischen der Gabelung der Neufraer Straße (heute Kastanienallee) und der Alten Unlinger Straße. Abgehalten wurde ein Viehmarkt, es fand eine Musterung aller ein- bis dreijährigen Pferde des Oberamtsbezirks statt und man konnte mit dem eigens auf Befehl seiner Majestät aus Belgien hierher gebrachten Pflug Versuche begutachten. Zudem fanden mehrere mit Preisen ausgestattete Volksbelustigungen statt.

Zur Tierprämierung stiftete „Seine Königliche Hoheit“ eigens Preis-Medaillen für die Besitzer von Hengsten (Wirt Dangel von Uigendorf), Stuten (Posthalter Mennet von Riedlingen), Zuchtstieren (Jakob Hekenberger von Neufra), Kühen (Wirt Baumeister von Großtissen), Widdern und Mutterschafen (Bräumeister Daiggeler von Heiligkreuztal), Ebern (Matthäus Buck aus Altheim) und Mutterschweinen (Stadtrat Ditsch von Riedlingen). Bemerkenswert erschien der Riedlinger Zeitung festzustellen, dass die Anteilnahme an Landwirten aus den „nahen und weiteren Umgebung, aus anderen Oberämtern und sogar aus dem Auslande“ besonders groß war.

Am Nachmittag fand sogar noch ein Pferderennen auf einer rund 300 Meter langen Rennstrecke statt, „wozu das Locale hier vorzüglich gut ist“. Fast selbstverständlich hielt die Schützengesellschaft Riedlingen mit „Hoher Bewilligung“ ein Freischießen ab.

Auch 1824 war der König zu Gast beim Paritkularfest. Er unterhielt sich „auf das Huldvollste“ mit den anwesenden Beamten und Stadtvorstehern über „wohltätige und landesväterliche Absichten“ und betonte seine Zufriedenheit über den guten Zustand der Pferdezucht im Oberamt. Nach 2½ stündigem Aufenthalt trat der König seine Rückreise nach Friedrichshafen an. Unauslöschbar sind die Eindrücke, welche die Äußerungen von väterlichem Wohlwollen auf die Menge der Anwesenden gemacht haben, und nie aufhören werden, die Segenswünsche, welche Seine Königliche Majestät begleiteten.“ Soweit der Bericht in der Riedlinger Zeitung. Im Anschluss an diesen Bericht inserierte das Königliche Oberamt, dass einem Bauern „ein brauner Wallach samt Sattel und Zaumzeug aus dem Stall gestohlen wurde“. Der Dieb war bei der Feierstunde in Riedlingen wohl nicht dabei gewesen.

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