69 Meter langes Rotorblatt durchquert Riedlingen in Richtung Veringenstadt

Die Kreuzung Zwiefalterstraße/Ziegelhüttenstraße war ein Nadelöhr auf dem Weg zum künftige Standort bei Veringenstadt.
Die Kreuzung Zwiefalterstraße/Ziegelhüttenstraße war ein Nadelöhr auf dem Weg zum künftige Standort bei Veringenstadt. (Foto: Thomas Warnack)
Redakteur
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Für Aufsehen sorgte am späten Dienstagabend in Riedlingen ein Schwertransport. Das erste von drei Rotorblättern für eine Windkraftanlage, die beim Umspannwerk in der Eichenau zwischengelagert sind, wurde auf den Weg zu ihrem Standort bei Veringenstadt gebracht. Dort entsteht derzeit ein Windrad mit einer Nabenhöhe von 160 Metern.

Vom Hafen auf die Autobahn

Bis Riedlingen hatte das 69 Meter lange Teil bereits eine weite Reise hinter sich gebracht. Vom Hersteller in Portugal war es nach Bremerhaven verschifft worden. Von dort ging es dann auf dem Landweg weiter. Relativ unproblematisch gestaltete sich der Transport über die Autobahn. Ab Ulm war dann Maßarbeit gefragt. Das begann bereits in der Münsterstadt, wo an manchen Stellen der Untergrund der Fahrbahnen verstärkt werden musste.

Maßarbeit war dann auf der restlichen Strecke gefragt. Nicht allein das Gewicht von 20 Tonnen ist dabei eine Herausforderung, sondern vor allem die stattliche Länge, die jedes übliche Maß sprengt. Bis Riedlingen ging es über die B 311. Eng wurde es dann vor allem in Erbach, wo eine Reihe von Kreisverkehren zu passieren war. Die schmückenden Installationen wurden zuvor entfernt. Zum Teil mussten auf der Strecke auch Bäume und Hecken weichen und wieder ersetzt werden.

Hindernisse werden beseitigt

Ein gutes Jahr zuvor waren bereits die Weichen für den Transport gestellt worden. Eine Vielzahl an Behörden, von der Straßenverwaltung bis zum Forstamt, waren in der Folge beteiligt. Die logistisch günstigste Strecke mit den geringsten Hindernissen musste eruiert werden. Dabei wurde schlussendlich die Route über Pflummern gewählt.

Von der gesamten Strecke lag am Ende eine dreidimensionale Darstellung vor, um mögliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Entscheidend sind die Kurvenradien, Steigungen und Hindernisse wie Verkehrszeichen, Hinweisschilder und Ampelanlagen und Stromleitungen. An manchen Stellen wurde der Baumbewuchs zurückgeschnitten, wenn die Äste den Transport zu behindern drohten.

Unterwegs auf zehn lenkbaren Achsen

Beträchtlich war schon der Aufwand für die Herstellung der Logistikfläche beim Umspannwerk in der Eichenau. Dazu hat die EnBW einen Gestattungsvertrag mit der Gemeinde Unlingen abgeschlossen. 6100 Tonnen Schotter wurden aufgeschüttet, um den Untergrund tragfähig für die Zwischenlagerung der Großkomponenten zu machen. Neben Turmteile, Maschinenhaus, Nabe und Generator zählen dazu die drei sperrigen Rotorblätter. Für deren Transport gibt es eine Spezialanfertigung: den sogenannten Bladelifter, auch „Selbstfahrer“ genannt. Die insgesamt zehn Achsen sind alle lenkbar, wodurch auch engere Kurven zu bewältigen sind.

Rotorblatt kann gesteuert werden

Der Clou ist aber, dass das Rotorblatt während der Fahrt bis zu 50 Grad hochgestellt und außerdem gedreht werden kann. Alles wird von zwei Mann per Fernbedienung gesteuert. Einer ist für das Fahrzeug selbst zuständig, der andere ausschließlich für die Ladung, also die Stellung des Rotorblatts. Das erfordert eine eingespielte Abstimmung zwischen beiden, ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen – und vor allem Konzentrationsfähigkeit, verrät der Fahrer, der seit fast vier Jahren mit dem „Bladelifter“ unterwegs ist. Der Lastwagenfahrer hat für das Spezialfahrzeug zusätzlich eine Schulung beim Hersteller absolviert.

Kurz nach 22 Uhr machte sich am Dienstag der Konvoi auf den exakt 15,8 Kilometer langen Weg nach Ittenhausen – im Schritttempo und eskortiert von der Polizei mit drei Fahrzeugen, die die Kreuzungsbereiche absicherten. Sechs Kilometer pro Stunde wären schon „Highspeed“, sagt der Pilot, der mit der Fernbedienung zu Fuß dem „Bladelifter“ folgt. Dabei hat er auch die elektronische Wasserwaage im Blick: „Das ist unser bester Freund.“ Der sensible Transport mit einem Gesamtgewicht von 128 Tonnen auf den Achsen verträgt nur geringe Seitenneigung. Sein Kollege geht mit der anderen Fernbedienung voraus, hebt, senkt und dreht die Fracht, wie es die örtlichen Gegebenheiten erfordern. Voraus fährt ein Fahrzeug mit einem Lichtmast, um die Strecke und mögliche Hindernisse auszuleuchten. Nötig ist ein Lichtraumprofil von sechs Metern und eine Straßenbreite von mindestens vier Metern. Aus diesem Grund wurden für die gesamte Dauer des Projekts sieben Stromleitungen und für diesen einen Transport eine Leitung bei Ittenhausen.

Ampeln wurden kurzfristig zur Seite geschwenkt

Bei einer Länge von 68,5 Metern allein für die Fracht müssten die Ampeln komplett abgebaut werden, damit etwa ein Tieflader die Kreuzung an der Zwiefalter Straße Richtung Ziegelhüttenstraße die Kurve kriegt. Für den „Bladelifter“ genügt es, die Ampeln kurzfristig zur Seite zu schwenken. Auch das Banner zum Schulanfang an der Schwimmhalle musste angehängt werden. Nächstes Nadelöhr war der Kreisverkehr beim Rewe-Markt. Hier hatte die Begleitmannschaft bereits alle hinderlichen Straßenschilder beseitigt, die anschließend wieder montiert wurden, sobald der Konvoi passiert hatte. Der verließ nach rund drei Stunden die Riedlinger Gemarkung, um innerhalb des Zeitfensters bis 7 Uhr den Rastplatz in Ittenhausen zu erreichen. Von dort geht es in der folgenden Nacht weiter bis zum Standort der Windkraftanlage in Veringenstadt. Noch zwei Mal kommt der „Bladelifter“ für den Transport der übrigen Rotorblätter zum Einsatz. Ende des Monats ist das Projekt logistisch dann abgeschlossen.

Die Inbetriebnahme der Windkraftanlage ist bis zum Jahresende vorgesehen. Sie soll eine Leistung von bis zu vier Megawatt erbringen, das entspricht dem Bedarf von mehr als 2500 Haushalten. Eine mögliche Erweiterung um zwei Windkraftanlagen werde geprüft, heißt es seitens der EnBW.

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