Ähnliche Probleme wie in Blumenau

Lesedauer: 7 Min
 Bürgermeister Marcus Schafft und die Gäste Armin Maier, Marga Fischer, Walter Göppel, Sylvio Zimmermann, Marcelo Schrubbe und V
Bürgermeister Marcus Schafft und die Gäste Armin Maier, Marga Fischer, Walter Göppel, Sylvio Zimmermann, Marcelo Schrubbe und Veerle Buytaert (von links) an der Wehranlage der Donau. (Foto: Waltraud Wolf)
Waltraud Wolf

Das Interesse an Klimaschutz im Allgemeinen und Energieschaffung und –einsparung im Besonderen führte am Freitag zwei Männer aus Brasilien über Weingarten und Ravensburg nach Riedlingen: Gemeinderat Sylvio Zimmermann und den Leiter des Zivilschutzes Marcelo Schrubbe aus der brasilianischen Großstadt Blumenau.

Begleitet wurden sie von Walter Göppel, dem Geschäftsführer der Energieagentur Ravensburg, und deren Projektingenieur Armin Maier, Veerle Buytaert, Klimaschutzmanagerin des Gemeindeverbandes Mittleres Schussental, die zudem als Übersetzerin fungierte, sowie Marga Fischer, bei der Stadt Weingarten für Energie und Klima zuständig. Mit Weingarten verbindet die 300 000 Einwohner Stadt im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina eine kommunale Klimapartnerschaft. Die Stadt wurde 1850 von deutschen Einwanderern gegründet unter der Leitung des Apothekers Hermann Blumenau, dessen Namen sie noch heute trägt. Dorthin verschlug es in den 1960er-/1970er-Jahre einen deutschen Lehrer. Nach seiner Rückkehr wurden Bande zwischen Weingarten und Blumenau geknüpft und 1975 mit einer Fahnenpartnerschaft gekrönt. Intensiviert wurden die Kontakte wieder 2013. Aus verschiedenen Themenfeldern der Zusammenarbeit kristallisierte sich eine kommunale Klimapartnerschaft heraus. Ihr Grundgedanke ist eine Stärkung der fachlichen Zusammenarbeit deutscher Städte mit Kommunen im globalen Süden in den Bereichen Klimaschutz und Klimaanpassung. Weingarten und Blumenau haben sich hier gefunden.

Zimmermann berichtete auf Deutsch in Riedlingen von einem Anruf in Weingarten und wie der Prozess in Gang kam, unterstützt durch das Förderprogramm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Interesse an unabhängiger Energie

Riedlingen als Exkursions-Ziel hatte Walter Göppel als „nachhaltige Stadt“ ausgewählt, aber auch, weil die Stadt mit Hochwasser ähnliche Probleme wie Blumenau hat. Allerdings ist die Situation in der brasilianischen Stadt weit extremer als an der Donau.

Blumenau hat großes Interesse an einer unabhängigen Energie, vermerkt Göppel, das führte die Brasilianer zur Energieagentur Ravensburg/Biberach. Ergebnis eines Workshops am Donnerstag war der Beschluss, eine solche Energieagentur in Blumenau zu gründen, es wäre die erste in Brasilien. Ein Antrag auf Förderung aus dem Projekt-Programm läuft. Sie sieht eine Anschub-Finanzierung während der ersten zwei Jahre vor. Auch die personelle Ausstattung wurde besprochen und die Frage gestellt, wie eine solche Gründung aussehen könnte, wer ihre Gesellschafter sein könnten, wie die Finanzierung. Wunsch der Partner wäre, eine geeignete Person aus Brasilien bei der Energieagentur Ravensburg zum Geschäftsführer ausbilden zu lassen. Nächste Woche findet in Nürnberg eine Konferenz statt, zu der Vertreter aller kommunalen Klimapartnerschaften eingeladen sind.

Bürgermeister Marcus Schafft führte in die Historie ein, vom Leben auf der Heuneburg vor 3000 Jahren über die Holznutzung, Verschiffung auf der Donau und den Fluss als Energieträger, so habe das Wasserkraftwerk früh für die Stromversorgung in Riedlingen gesorgt und eine Straßenbeleuchtung ermöglicht. Mehrere kleine Wasserkraftwerke arbeiteten noch heute in der Gesamtstadt. Heute werde die Geothermie genutzt. Wichtig aber sei auch die Energie-Einsparung, dass dies auch an alten Gebäuden möglich ist, zeigte er vor Ort am einstigen „Schwanen“ auf, der unter Einbeziehung der Stadt von privaten Investoren umgebaut wird. Hier werde innen isoliert, erklärte er. Beheizt werde das sanierte Gebäude dann zusammen mit einem Neubau daneben durch ein Blockheizkraftwerk.

Am Kraftwerk vorbei ging es bei einem Stadtrundgang zur Wehranlage mit Hinweis auf mobilen Hochwasserschutz durch Schlauchsysteme oder Metallplatten, so zum Schutz des Stadthallen-Areals. Der Gang über die neue Kanalbrücke mit der LED-Beleuchtung in ihren Geländer-Bögen führte zum Tourist-Energy-Point. Was dort für die Touristen vorgehalten wird, imponierte den brasilianischen wie deutschen Gästen: Ladestationen für Elektro- Autos und Elektro-Fahrräder, Schließfächer, Informations-Stele. Nur den interaktiven Bildschirm konnte Schafft nicht vorführen, weil Opfer von Vandalismus.

Die regenerative Beheizung von Kreisgymnasium und Realschule und des neuen Hallenbades stellte Schafft den Gäste vor und sie wurden auf die Photovoltaik-Anlagen auf dem Realschul-Dach hingewiesen, die für eine Stromeinspeisung sorgen. Solche Anlagen wären gerade auch für die notwendige Energie für Klimaanlagen in Blumenau sinnvoll. Den Solarpark in Zwiefaltendorf mit seiner jährlichen Ausbeute von 5,27 Megawatt Strom hatte ihnen Walter Göppel bereits am Donnerstag in einer Präsentation vorgestellt.

Persönlich kennen lernen durften die Gäste in der Biogasanlage in Daugendorf dann die Einspeisung des Gases in das öffentliche Erdgasnetz. Fremd sind ihnen Biogasanlagen nicht, gibt es in Blumenau doch mehrere Schweinemastbetriebe, deren Anlagen Strom produzieren. Und so gelangte die Führung durch Dr. Johannes Dahlin von Erdgas-Südwest für die Brasilianer eher zu einem technischen Austausch.

„Der Klimaschutz hat keine Grenzen“, so die Feststellung von Walter Göppel, den fasziniert, dass bei dem Projekt nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben gehandelt wird.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen