Ochsenhauser Orgelsommer: „Von Bach bis Jazz“ im Sauseschritt

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 Dekanatskirchenmusiker Thomas Fischer an der Gablerorgel in der Basilika St. Georg.
Dekanatskirchenmusiker Thomas Fischer an der Gablerorgel in der Basilika St. Georg. (Foto: Helmut Schönecker)
Helmut Schönecker

Beim zweiten Konzert des Ochsenhauser Orgelsommers hat Dekanatskirchenmusiker Thomas Fischer auf der barocken Gablerorgel in der Basilika St. Georg eine stilistische Breitseite aus mehr als 300 Jahren Musikgeschichte auf ein begeistertes Publikum abgefeuert. Nachdem er in seinen einführenden Worten noch darauf hingewiesen hatte, dass die „museale Orgel“, obwohl schon damals ihrer Zeit in klanglicher Hinsicht weit voraus, erst nach einer Restaurierung und einigen kleineren Erweiterungen in jüngerer Zeit für das gesamte Orgelrepertoire von Bach bis zur Moderne verwendet werden kann, ließ er seinen Worten sogleich auch Taten folgen und durchmaß im Sauseschritt nahezu die gesamte Musikhistorie.

Mit einem frühen Meisterwerk von Johann Sebastian Bach, „Präludium und Fuge in a-Moll“, eröffnete Fischer seinen Parforceritt. Ein elegisches, chromatisch eingefärbtes Thema mündet im rezitativischen Präludium nach einem mächtigen Orgelpunkt in einen kraftvollen Schlussteil, bevor ein verspieltes Fugenthema nach einer Reihe harmonischer und melodischer Sequenzen seinerseits in einem kraftvollen, toccatenartigen Finale kulminiert.

Eine Bearbeitung des Chorals „Schmücke dich, o liebe Seele“ ebenfalls vom Altmeister Bach, mit einem von filigraner Ornamentik umrankten kantablen Cantus firmus, offenbarte einen starken klanglichen Dualismus, der jedoch in Fischers Registrierung beinahe schon überzogen wirkte. Das Choralthema und vor allem die feinen Ziselierungen desselben schienen bisweilen im wabernden Vibrato des stark näselnden Orgelregisters zu versinken.

Dafür entfaltete das einzige, bereits im Original für die Gablerorgel geeignete Stück des kurzweiligen Konzertabends, Johann Pachelbels „Aria quarta“ mit ihren sechs Variationen in beispielhafter Weise die klanglichen Kontraste zwischen den verschiedenen Registergruppen sowie die feinen Nuancen innerhalb einzelner Registergruppen des königlichen Instruments. Einmal mehr wurde hier deutlich, dass Pachelbel, neben seinem berühmten Kanon in D, durchaus auch weitere herausragende Werke in seinem Repertoire hatte.

Mit einem gewaltigen Sprung ins 20. Jahrhundert erklangen in drei ausgewählten Kompositionen von Jehan Alain (1911-1940), einem hochbegabten Orgelschüler von Marcel Dupre in der impressionistischen Tradition von Debussy und Messiaen, plötzlich in modernem Duktus eine stark erweiterte Harmonik, Quart- und Sekundparallelen, farbige Akkordschichtungen, stark differenzierte klangliche und dynamische Abstufungen, regelrechte Klangfarbenmalereien, schwebend ganztönige Passagen und die modalen Tonarten des heraufziehenden Neoklassizismus.

Ganz frischen Wind brachte aber schließlich die „Petite Suite in Blue“ des zeitgenössischen Mannheimer Komponisten Johannes M. Michel in den sakralen Raum. Die fünf Genrestücke der Suite verwendeten im rhapsodischen Stil eines George Gershwin typische Patterns aus den Bereichen Ragtime, Blues und Swing. Jazztypische Artikulation und Phrasierung, ein unterlegter Walking Bass, der beinahe wie ein gezupfter Kontrabass klang, Quintwechselbässe in Tubistenmanier, „heiß“ intonierte, saxophonähnliche Kantilenen im Gewand einer Jazzballade und knackige Bläser-Riffs im Bigbandstil verlangten dem historischen Instrument alles ab und konnten ob ihrer stilistischen Treffsicherheit gleichwohl überzeugen.

Feinsinnige Variationen über eine der bekanntesten deutschen Volksweisen, „Der Mond ist aufgegangen“, ließen als Zugabe den fulminanten Abend besinnlich ausklingen und friedlich entspannte Zuhörer nach Hause oder zur Einkehr gehen.

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