Meisterhafte Orgelimprovisationen auf der Gablerorgel

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Wolfgang Seifen spielte in der Ochsenhauser Basilika auf der Gablerorgel.
Wolfgang Seifen spielte in der Ochsenhauser Basilika auf der Gablerorgel. (Foto: Helmut Schönecker)
Helmut Schönecker

In der Basilika St. Georg fand unter Einhaltung aller derzeit vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen vor einem handverlesenen Publikum mit großem physischem Abstand zueinander ein außergewöhnliches Konzert mit einem der größten Orgel-Improvisatoren unserer Zeit, dem Professor für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel an der Berliner Universität der Künste sowie Titularorganist an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, Wolfgang Seifen, statt. Vom ersten Ton an schlug der weitgereiste Orgelmeister die, nach der langen durch Covid-19 bedingten Auszeit besonders kultur- und Livemusik-hungrigen Zuhörer in seinen Bann.

Für Laien wohl kaum von elaborierten Kompositionen unterscheidbar, folgten die Improvisationen mit Präludium, Adagio und Fuge zunächst barocken Kompositionsmodellen in der Tradition polyphoner Mehrstimmigkeit, prädestiniert für eine Darbietung auf der barocken Orgel des in Ochsenhausen gebürtigen Orgelbaumeisters Joseph Gabler. Das mit vier Manualen und Pedal ausgestattete Wunderwerk mit 47 Klängen und über 3000 Pfeifen, das auch optisch von großem Reiz ist, wurde von Wolfgang Seifen einer gründlichen Prüfung unterzogen. Einen dabei hängengebliebenen Ton umschiffte der große Improvisator mit souveräner Coolness und nahezu unbemerkt. Ein Registerwechsel über einem mit Figurationen überlagerten Orgelpunkt ist schließlich im Barock nichts Ungewöhnliches. Eine vierstimmige Tripel- oder gar Qudrupelfuge, noch dazu mit durchchromatisierten Themen aus dem Stehgreif heraus zu erfinden, ist dagegen auch in der Organistenbranche durchaus ungewöhnlich. Nebenbei dann auch noch einzelne Teile klanglich und dynamisch voneinander abzusetzen setzt schon wahre Meisterschaft voraus.

Die drei folgenden Charakterstücke im deutsch-romantischen Stil, ein Andante cantabile, eine Arabeske und ein Scherzando ließen die vielfältigen Farbschattierungen der Gablerorgel erst so richtig zur Geltung kommen. Weiche, flötenartige Klänge, durchsetzungsfähige Oboen-, gefolgt von hornartigen oder der menschlichen Stimme nachempfundenen Klängen ließen die charakteristischen Themen plastisch aus dem umrankenden Figurenwerk, exemplarisch in der Arabeske, hervortreten. Im Scherzando gingen schließlich der humorvolle Spielwitz des Titularorganisten und die skurrilen, quakenden, quäkenden, meckernden, nasalen oder auch mal glöckchenartigen Registerfarben eine amüsante Liaison ein, die darstellerischen Elementen im Stile eines Richard Strauss, wie etwa in dessen symphonischer Dichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, epischen Raum gewährte.

Die dreisätzige „Tryptique Symphonique“ unterzog die Lunge des Instrumentes schließlich einem finalen Härtetest. Der dramatische Auftakt, gespielt mit vollem Werk, mit mächtigen Staccato-Akkorden im brillanten Tutti, gefolgt von aus der Tiefe bis in höchste Lagen emporschießenden Tonkaskaden in kraftvoller, symphonischer Dichte, rasant auf- und absteigenden Skalen auf allen Manualen mit teils recht gewagten, hochchromatischen Überleitungen und Zwischenteilen, mündete schließlich im Feuerwerk des Finalsatzes über einem langanhaltenden Orgelpunktriller in einen strettaartig verdichteten Schluss in dem Instrument und Organist gewissermaßen alle Register zogen.

Die besänftigende Zugabe im Stile von Brahms „Wiegenlied“ über „Guten Abend, Gut’ Nacht“ ließ einen erfrischenden Konzertabend nach etwas über einer Stunde, beschaulich verklingen. Gerne hätte man dem Konzert noch länger gelauscht. Glücklicherweise findet der Orgelsommer jedoch am kommenden Dienstag mit dem Dekanatskirchenmusiker Thomas Fischer auf dem Weg von Bach zum Jazz eine Fortsetzung.

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