Landesjugendchor mit außergewöhnlichem Konzert

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Der Landesjugendchor brillierte in Ochsenhausen (von links): Sopranistin Natalie Karl, Altistin Silke Marchfeldund Chordirektor
Der Landesjugendchor brillierte in Ochsenhausen (von links): Sopranistin Natalie Karl, Altistin Silke Marchfeldund Chordirektor Denis Rouger. (Foto: Günter Vogel)
Günter Vogel

Der Landesjugendchor feiert 40-jähriges Bestehen. Mit Verdis Requiem hat er in Ochsenhausen gastiert. Das Konzert firmierte als „Konzertante Generalprobe“. Um es vorwegzunehmen, es war eine außerordentlich gelungene künstlerische Gesamtleistung der insgesamt mehr als 100 Musiker, Choristen und Solisten.

Verdi schrieb die „Messa da Requiem“ in Erinnerung an seinen Freund und Schriftsteller Alessandro Manzoni, der wie Verdi ein Anhänger des Risorgimento, der italienischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert war. Und freiheitliche Töne durchziehen in souveräner Wucht dieses große Werk. Am 22. Mai 1874 fand in „San Marco“ in Milano die Weltpremiere statt. Das war kurz nach dem Entstehen von „Aida“ und „Don Carlos“. Und mit der Uraufführung begann der internationale Siegeszug des Werks. Es wurde wegen der musikalischen und emotionalen Kraft, wegen seiner Opernhaftigkeit in ganz Europa bejubelt. Verdis „Messa da Requiem“ ist, wie bei Berlioz und Brahms ein Requiem, das nicht mehr für den liturgischen Gebrauch, sondern allein für konzertante Aufführungen geschrieben wurde. Es wird oft als „Verdis beste Oper“ bezeichnet. Wie kein anderer seiner großen Vorgänger von Vertonungen des liturgischen Requiemtexts erfasste Verdi das „Drama“ dieses Textes und setzte es in packende Klangbilder um. Vor allem in der überwältigenden Darstellung des „Dies irae“, des jüngsten Gerichts. Zusammen mit Beethovens „Missa solemnis“ ist Verdis „Requiem“ der absolute Höhepunkt religiöser Musik des 19. Jahrhunderts. Und bei der Uraufführung vor 145 Jahren stand Giuseppe Verdi selbst am Pult. Es war ein europäisches Kulturereignis.

Der durchkomponierte Messetext verströmt Verdis Genie in seiner reinsten Form, seine Chöre, die Soli und Ensembles. In ihrer soeben erschienenen Biografie schreibt die große Sängerin Brigitte Faßbaender über das von ihr oft gesungene Requiem: „Das im Namen Gottes Geschaffene, von unfassbarer Schönheit und Gewalt, führt uns auf eine Stufe der Wahrnehmung, auf der sich der Begriff ,Gott’ erahnen lässt.“

Die Gesangspartien sind die klassische Vierer-Besetzung mit Sopran (Natalie Karl), Alt (Silke Marchfeld), Tenor (Milen Bozhkov) und Bass (Magnus Piontek). Den Landesjugendchor Baden-Württemberg hat Denis Rouger mit gestalterischer Präzision einstudiert. Es spielte die Württembergische Philharmonie Reutlingen, die musikalische Leitung hatte Richard Wien.

Der Text und der Ablaufplan des Werks entsprechen fast durchgehend der römisch-katholischen Liturgie des Totengottesdiensts. Die instrumentale Besetzung entspricht einem Opernorchester (mit großer Übereinstimmung zum kurz zuvor entstandenen „Don Carlos“), mit den vier Solisten und dem vierstimmigem Chor.

Requiem sehr sängerbetont

Zu Beginn ein machtvolles „Kyrie“, ein „Herr erbarme Dich“. Dann die gewaltige Tonarchitektur des „Dies irae“ mit Fortissimo-Tutti von Chor, Orchester und Soli. Dieses „Dies irae“, dieser „Tag des Zorns“, ist der Textanfang eines mittelalterlichen Hymnus über das jüngste Gericht. Verdi hat schier brutale hochdramatische Ausbrüche in seinem Werk, abgelöst von ruhigeren Phrasen und italienischem lyrisch-cantablem Melos. Immer wieder erwachsen stilistisch-harmonische Assoziationen zum „Carlos“, zum Autodafé im dritten Akt. Phrasen der Chorbässe erinnern an die „Aida-Priester“.

Das Requiem ist ein Meisterwerk von unendlicher Größe, das sich letztlich einer differenzierten Betrachtung entzieht. Es ist – natürlich – sehr sängerbetont. Die vier Solisten, erfahrene und schön klingende Opern- und Oratoriensänger, wurden den hohen künstlerischen Anforderungen Verdis in souveräner Weise gerecht.

Richard Wien dirigierte auswendig, hatte die Partitur im Kopf. Er arbeitete die musikalischen Differenzierungen bei Orchester, Chor und Solisten nuancenreich heraus, gestaltete die großen Linien zu machtvoll tönenden Klangarchitekturen. Das war ein großer und außergewöhnlicher Konzertabend im vollständig besetzten Bräuhaussaal.

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