Jazzcombo spielt in kammermusikalischer Besetzung

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Das Sirius Quartet bei seinem Auftritt in Ochsenhausen.
Das Sirius Quartet bei seinem Auftritt in Ochsenhausen. (Foto: Günter Vogel)
Günter Vogel

Das Sirius Quartet aus New York hat im Bibliothekssaal in Ochsenhausen einen ungewöhnlichen Konzertabend gestaltet. Der Begriff „Kammermusik“ in der Vorankündigung führte dabei in die Irre.

Der einzige Zusammenhang mit dieser klassischen Gruppierung ist die identische Besetzung mit zwei Violinen (Gregor Hübner, Fung Chern Hwei), mit Viola (Rom Lawrence) und Cello (Jeremy Herman). Und außer dem Cellisten stehen alle. Sie spielen den ganzen Abend nur eigene Kompositionen, darunter drei sehr selbstbewusste Bearbeitungen anderer Tonsetzer. Die Komponisten sind die beiden Geiger und der Cellist.

Und sie spielen mit den Dissonanzen. Gleich das erste Stück „More than we are“ des Cellisten Jeremy Herman schlägt als Einstieg dem geneigten Zuhörer gleich eine nachdrückliche Dissonanz um die Ohren. Pizzicati tragen aggressiv auftretende Melodiebögen. Daraus kommt von der ersten Violine plötzlich etwas polkaartiges, gefolgt von weiteren tänzerischen Elementen. Lange Tuttisequenzen vermeiden sorgfältig klangliche Harmonien. Die nächsten beiden Stücke „Ceili“ und „For a New Day“ stammen vom Primarius, eröffnen mit Pizzicati der Violinen und der Viola, melodiös gestützt vom Cello. Unorthodoxe Tonerzeugungen lassen staunen. Die Tonfolgen sind nur schwer fassbar, strahlen aber immer eine eigene Faszination aus, erzeugen jeweils spezifische Stimmungen.

Die vier Streicher sind allesamt Instrumentalisten der Spitzenklasse mit großartigen solistischen Einzelleistungen, häufig voneinander isoliert. Im nächsten Stück wieder dröhnende Einstiegsdissonanzen, dann viel Pizzicati, wie diese gezupfte Klangform ohnehin eine große interpretatorische Rolle spielt. Gregor Hübner hatte in New York einen Wettbewerb gewonnen, bei dem das Largo aus Dvoraks Neunter verarbeitet werden musste. Die Viola eröffnete mit den weichen Tonfolgen, die anderen folgten eine kurze Weile, die Zuhörer genießen kurz das erholsame Melos des romantischen Klassikers.

Billy Holiday sang 1939 „Strange fruit“. Hübner bearbeitete den Song, nannte ihn „Hashtag still.“ Man hätte sich in der Abfolge schon eine größere stilistische und mehr wohltuende Variabilität gewünscht. Alles ist sehr frei, sehr schnell, sehr virtuos, häufig lustvoll dissonant, wunderbar nachvollziehbar an der intensiv mitgehenden Gesichtsmimik. Dann plötzlich ein harmonischer Viervierteltakt, aber nur kurz, dann wird er rasch dem individuellen Prestostil der Gruppe geopfert. Wohin halt auch mit ihrer überbordenden Tonsatz-Phantasie. Dann mal wieder eine stilistische Übernahme in den Sirius-Grundsound, jetzt von der englischen Popgruppe „Radiohead.“

Und es folgen noch einige rasante, technisch exquisite, aber doch ähnliche Wirkungen auf Gehör und Seele erzielende Kompositionen der drei tonsetzenden Musiker bis zum Schluss des offiziellen Programms mit „Spidy Falls“, wieder mit reichhaltigem Dissonanzen-Angebot. Und zum Schluss werden aus vier dann sechs. Veit Hübner, Gregors Bruder, mit dem Kontrabass und der Trompeter Joo Kraus kommen hinzu und sie spielen als Zugabe eine Bearbeitung des Beatles-Song „Eleonore Rigby“ von Paul McCartney. Wunderbarer Sound und – bravo – weitgehend dissonanzenfrei.

Wie es bei Jazzcombos durchaus üblich ist, wurde auf ein gedrucktes Programm verzichtet; die einzelnen Stücke wurden angesagt. Das ist in diesem Fall zu bedauern, weil bei den Ansagen eine Reihe von interessanten Hintergrundinformationen vermittelt wurden, die man gerne noch einmal nachgelesen hätte. Und noch eine Empfehlung, um den Grundstil mal zu erweitern: Wie wäre es als Konzertabschluss mit einem Satz eines klassischen Quartetts, etwa das lyrische op 51,2 von Brahms mit gelöst hellem Gesamtklang im ersten Satz? Das können sie natürlich auch. Und dann wäre der Begriff „Kammermusik“ ausnahmsweise wieder angebracht.

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