Dunkle Vergangenheit: Als Ochsenhausen eine NSDAP-Hochburg war

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Schwäbische Zeitung

2015 ist der erste Band des historisch-biografischen Romans „Einigkeit, Unrecht und Freiheit“ erschienen. Erzählt wird die Geschichte von Franz Fricker, geboren 1890, der aus Barabein stammt und durch die Heirat mit Kreszentia Vabank nach Ochsenhausen kam. Fricker erlebte das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die junge Bundesrepublik. Der zweite Band, der jetzt erschienen ist, beinhaltet Franz Frickers Lebensgeschichte der Jahre 1918 bis 1945. Verfasser ist Frank Heckelsmüller, ein Enkel Franz Frickers. Tobias Rehm hat sich mit ihm über die Lebensgeschichte seines Großvaters und die NSDAP-Hochburg Ochsenhausen unterhalten.

Herr Heckelsmüller, Franz Fricker wird auch im zweiten Band als Autor genannt, obwohl er seine Lebensgeschichte nie aufgeschrieben hat. Ihr Name taucht nicht auf. Im Vorwort des ersten Bands hatten Sie geschrieben: „Der Autor dieser Geschichte ist derjenige, der dieses Leben gelebt hat: Franz Fricker.“ Trotzdem wagen Sie sich nun – im Gegensatz zum ersten Band – in die Öffentlichkeit. Weshalb?

Ich wurde von vielen Seiten dazu ermuntert, viele Leser wussten zudem ohnehin Bescheid. Ich sehe mich aber nach wie vor nicht richtig als Autor, meinen Namen halte ich in diesem Zusammenhang für nicht so wichtig. Das Buch spricht für sich und erzählt von den aufwühlenden Zeiten, die mein Großvater erlebt hat.

Wie kam es dazu, dass Sie sich derart intensiv mit der Geschichte Ihres Großvaters auseinandergesetzt haben und nun der zweite Band über sein Leben erscheint?

Ich komme aus einem Haus, in dem man viel von früher erzählte und viele Familienbilder anschaute. Als ich geboren wurde, war mein Großvater Franz Fricker schon acht Jahre tot, aber mich hat es immer interessiert, was er für ein Mensch war. Ich habe „Im Westen nichts Neues“ von Remarque gelesen, was mich sehr berührt hat. Eine offene Frage war für mich immer, wie es mit den Protagonisten, ihren Familien und ihrem Land nach dem Ersten Weltkrieg – der von Historikern immer wieder als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wird – weiterging. Lässt sich diese Entwicklung exemplarisch an einer Person nachvollziehen und verdeutlichen? Da fiel mir mein Großvater ein, der die Schlüsselepochen im 20. Jahrhundert allesamt miterlebt hat. Meine Mutter wusste unglaublich viel zu erzählen und für mich war es ein Glücksfall, dass sehr viele Quellen noch erhalten sind, beispielsweise ein Kriegstagebuch und die Feldpostbriefe meines Großvaters und meines Onkels.

Sie begannen also, das Leben Ihres Großvaters aufzuschreiben. War es von Anfang an Ihr Ziel, ein Buch zu veröffentlichen?

Nein. Zuerst habe ich gedacht, es wird ein Buch für unsere Familie. Doch dann habe ich Kontakt mit der Biberacher Verlagsdruckerei aufgenommen, die Interesse an einer Veröffentlichung hatte. So sind nun zwei der drei Bände fertig, mittlerweile befasse ich mich seit fast zehn Jahren mit dem Thema.

In Ihrem Vorwort schreiben Sie auch, dass der Roman „ohne erzählerische Freiheit“ nicht auskommen kann. Wie viel von dieser Freiheit brauchen Sie? Franz Fricker schildert viele Alltagsszenen doch sehr detailliert und hält auch mit Gefühlen nicht hinter dem Berg.

Natürlich ist sehr viel erzählerische Freiheit dabei. Aus Gesprächen mit Zeitzeugen kann man zwar sehr viel heraushören, aber letztlich habe ich versucht, die Geschichte so zu rekonstruieren, wie sie gewesen sein könnte. Bei den Auseinandersetzungen zwischen meinem Großvater und meiner Großmutter glaube ich schon sehr stark, dass sie sich so abgespielt haben. Das haben mir viele Zeitzeugen bestätigt.

Sie selbst sind Geschichtslehrer, kennen sich mit der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus oder den beiden Weltkriegen in der Vergangenheit bestens aus. Waren die Nachforschungen über das Leben Franz Frickers für Sie selbst nochmals ein anderes Auseinandersetzen mit der Geschichte?

Für mich war die Recherche hochinteressant und die Arbeit mit lokalen Quellen immens wichtig. Wie perfide und plump die Propaganda der NSDAP war und wie diese in der Praxis angewandt wurde, hat mich schon sehr verblüfft. Für mich waren diese Erkenntnisse unglaublich wertvoll, vieles konnte ich auch in meinen Unterricht einbinden. Und dem Leser versuche ich zu verdeutlichen, wie Franz Fricker die Entwicklungen im Nationalsozialismus im eigenen Umfeld erlebte.

Der zweite Band behandelt auch das Dritte Reich. Weshalb haben Sie sich dazu entschieden, die Namen der handelnden Personen weder zu ändern noch zu verfremden? In einer Stadt der Größe Ochsenhausens birgt das ja durchaus eine gewisse Brisanz.

Zunächst einmal nenne ich Namen nur, wenn die Quellenlage eindeutig ist. In Deutschland gab oder gibt es mit Blick auf das Dritte Reich immer noch eine „Deckmantel“-Mentalität, vieles wurde spät oder nie aufgearbeitet. Meiner Meinung nach brauchen wir schon den Mut, offen über Geschichte zu sprechen, gerade in unserem Land. Mein Anliegen ist es aber sicher nicht, jemanden anzuprangern.

Ochsenhausen ist in Ihrem Buch immer wieder Schauplatz nationalsozialistischer Großereignisse. Sie zitieren anlässlich einer öffentlichen NSDAP-Kundgebung im Juli 1933 aus dem „Rottum-Boten“: „Damit ist der Gemeinde und ihrer Einwohnerschaft für den jahrelangen Kampf für die Idee Adolf Hitlers eine große Ehrung und Anerkennung zuteilgeworden.“ War Ochsenhausen eine Hochburg der NSDAP?

Absolut. Ochsenhausen war so etwas wie eine kleine NSDAP-Hauptstadt in der Umgebung. Der Sitz einer Standarte, eines Sturmbanns und einer Motorstaffel wurden nach Ochsenhausen verlegt und auch die NSDAP-Kreistagung fand 1933 wie selbstverständlich nicht etwa in Biberach sondern in Ochsenhausen statt. Der Aufstieg Ochsenhauser „Parteigenossen“ in höhere Parteiämter und die unrühmliche Rolle von Ochsenhauser SA-Männern beim Buchauer Synagogenbrand im Zuge der „Reichskristallnacht“ unterstützen diese Sichtweise ebenfalls.

Welche Hoffnungen verknüpfen Sie mit Ihrem Buch?

Mein Hauptziel ist es, zum Nachdenken anzuregen. Der Leser soll sich mit der Frage auseinandersetzen, wie er in dieser Situation möglicherweise gehandelt hätte. Auch mein Großvater ist relativ früh in die NSDAP eingetreten, bevor Hitler an der Macht war. Aber nur weil mein Opa das getan hat, bedeutet das nicht, dass ich auch so gehandelt hätte. Wichtig ist mir daher auch, den Menschen vor Augen zu führen, wie gefährlich es sein kann, vermeintlichen „Alternativen“ hinterherzulaufen – gerade in der heutigen Zeit.

Wann erscheint Band drei von „Einigkeit, Unrecht und Freiheit“?

Voraussichtlich 2020, passend zum 130. Geburtstag von Franz Fricker.

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