Im Dialekt lässt sich vieles präziser ausdrücken

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Hugo Brotzer hat mit „Schwäbische Schöpfonga“ sein erstes Buch für Erwachsene vorgelegt.
Hugo Brotzer hat mit „Schwäbische Schöpfonga“ sein erstes Buch für Erwachsene vorgelegt. (Foto: Birgit van Laak)
Schwäbische Zeitung

Das Buch: Hugo Brotzers „Schwäbische Schöpfonga Vom Hennastall zur Nochbre nom“ ist in der Biberacher Verlagsdruckerei erschienen. Es kostet 13,80 Euro.

Autorenlesung: Hugo Brotzer liest am Freitag, 11. Mai, um 15 Uhr im Ochsenhauser Hof in Biberach aus seinem Buch.

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Der Mittelbiberacher Mundartautor Hugo Brotzer hat Sebastian Sailers „Schwäbische Schöpfung“ ins Oberschwäbische übertragen. Sein neues Buch umfasst neben der Adaption des 270 Jahre alten Stücks auch Balladenklassiker auf Schwäbisch sowie eigene Gedichte. Birgit van Laak sprach mit ihm über die Rolle des Dialekts und über seine literarische Arbeit.

In meiner ersten Lehrprobe als Junglehrer kam die Kritik, ich würde zu sehr „schwäbeln“. Dialekt war damals verpönt, seit ungefähr zehn Jahren erlebt das Schwäbische aber eine Renaissance. Aus meiner Erfahrung als Lehrer sage ich: Zu breites Schwäbisch sollte man in der Schule tunlichst vermeiden, weil es möglicherweise nicht alle Kinder ohne weiteres verstehen. Ideal wäre sicher, wenn man beides beherrscht, Dialekt und Hochsprache. Mittlerweile gehe ich wieder in Schulen, um Kindern unsere Mundart näher zu bringen.

In den 1960er-Jahren kam das Vorurteil auf, dass es sich negativ auf den Bildungserfolg von Kindern auswirke, wenn sie Dialekt sprächen. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Wissenschaftliche Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass Kinder, die mit ihrer Mundart aufwachsen, nicht schlechter in der Schule sind, im Gegenteil: Sie schalten zwischen Dialekt und Hochsprache hin und her, eine komplexe, intellektuelle Leistung, so eine Art von Zweisprachigkeit.

Was schätzen Sie am Dialekt?

Das Schwäbische besitzt eine große Ausdrucksvielfalt. Vieles kann man besser, präziser, nuancierter und dabei knapper ausdrücken. Ein „Aale“ zum Beispiel ist eine ganz spezielle Art der Liebkosung, meist zwischen Kind und Erwachsenem. Gemeint ist damit aber eben nur die „Streicheleinheit“ von Wange an Wange. Mit der Hand über die Wange streichen ist kein „Aale“.

Sie haben eine Adaption von Sebastians Sailers „Schwäbischer Schöpfung“ verfasst. Was reizte Sie an dem Stoff?

Es war vor 270 Jahren sensationell, die Schöpfungsgeschichte so banal und in Mundart zu erzählen. Aufführungen von Sailers Schöpfungsgeschichte gibt es auch heute noch. Als ich die des Schauspielers Walter Frei sah, war ich fasziniert und hatte spontan die Idee, Sailer Schöpfungsgeschichte in unser aktuelles Oberschwäbisch zu übertragen, um es einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen. Mir ist es ein Anliegen, unsere Mundart zu fördern und zu erhalten.

Inwiefern haben Sie das Werk modernisiert?

Sailers Stück war damals auch modern, mehr noch: gewagt! Ich habe es nun wieder modernisiert. Ich habe sprachlich eingegriffen, die „Schöpfung“ ist im heutigen Schwäbisch gehalten. So wie Sailer für seine Zeit geläufige Wendungen verwendet, habe ich heutige Alltagsausdrücke in das Stück eingebaut. Gott sagt zum Beispiel einmal okay. Auf der anderen Seite war es mir wichtig, Wörter, die vom Aussterben bedroht sind, einfließen zu lassen: Bletza für ein Stück Stoff, „zom Bossa“ für „grad mit Fleiß“ oder Reisdoil, für einen Brennholzanteil im Wald. Ich glaube, den Begriff werden die jungen Leute beispielsweise in zehn Jahren nicht mehr kennen, weil Brennholz aus dem Wald zu holen dann nicht mehr zu ihrer Lebenserfahrung gehören wird.

Haben Sie inhaltliche Anpassungen vorgenommen?

Ich habe den Aufbau leicht verändert, meine Version gliedert sich nach den Schöpfungstagen. Außerdem habe ich neue Handlungsstränge hinzugefügt und den Erzengel Gabriel als Gesprächspartner für Gott Vater eingeführt. Sprachlich habe ich versucht, mich den unterschiedlichen Reimen und metrischen Grundformen so weit wie möglich anzunähern.

Bei Sebastian Sailer steht am Ende ein strenger, strafender Gott. Er stellt den Engel mit dem Schwert vor den Eingang des Paradieses. Dieses Gottesbild haben Sie so nicht übernommen...

Der Schluss ist bei mir bewusst nicht so drastisch wie bei Sailer. Gott fordert Gabriel auf, Adam und Eva von ihm zu grüßen, wenn er die beiden einmal bei einem Glas Wein trifft. Es tue ihm fast leid, so hart gewesen zu sein, sagt er zu seinem Erzengel. „I be ane, wia solle sa, it richdig bees. So enna denna, do hett se sogar mega kenna ..“

Wie lange haben Sie an der „Schwäbischen Schöpfung“ gearbeitet?

Etwa ein dreiviertel Jahr. Der Band „Schwäbische Schöpfonga“ umfasst auch noch Gedichte. Die von mir verfassten Gedichte über das Leben der Schwaben sind oft ganz schnell zu Papier gekommen. Die klassischen Balladen, die ich ins Schwäbische übertragen habe, waren allerdings deutlich zeitaufwendiger, da ich mich dabei genau an die vorgegebenen Strophen, Reime und das entsprechende Versmaß hielt.

Wird Ihre Schöpfungsadaption aufgeführt werden?

Ich hoffe es. Ich habe bereits eine Anfrage der Organisatoren von „Sigmaringen liest“ erhalten. Das Stück soll dann etwa in der zweiten Jahreshälfte aufgeführt werden.

Das Buch: Hugo Brotzers „Schwäbische Schöpfonga Vom Hennastall zur Nochbre nom“ ist in der Biberacher Verlagsdruckerei erschienen. Es kostet 13,80 Euro.

Autorenlesung: Hugo Brotzer liest am Freitag, 11. Mai, um 15 Uhr im Ochsenhauser Hof in Biberach aus seinem Buch.

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