Diese Frauen pflegen seit 40 Jahren die Tradition des Kräuterbindens

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 Gabriele Musterle, Hildegard Maier und Aloisia Aßfalg bringen die fertigen Kräutersträuße in die Kirche.
Gabriele Musterle, Hildegard Maier und Aloisia Aßfalg bringen die fertigen Kräutersträuße in die Kirche. (Foto: Angela Körner-Armbruster)
Angela Körner-Armbruster

In Mittelbiberach bleibt eine alte Tradition lebendig. Denn die Frauen des Katholischen Frauenbundes treffen sich jedes Jahr für zum Binden für die Kräuterweihe.

Eine kleine Hummel umschwirrt 60 prachtvolle Natursträuße vor dem Altar in St. Cornelius und Cyprian. Jeder schätzt die Pracht, die Fülle. Die damit verbundene Arbeit bleibt unsichtbar. Das Suchen und Sammeln, Sortieren und Schneiden, Transportieren und Ausbreiten. Bis unter dem schützenden Dach der urigen Blockhütte im schattigen Pfarrgarten das erste Band verknotet wird, müssen viele Vorbereitungen getroffen werden. Für die Frauen, die seit 40 Jahren die ehrenvolle Aufgabe des Bindens wahrnehmen, ist dies keine Last. Alles ist aufs Beste organisiert.

Hildegard Maier erlebt das Binden heuer das erste Mal als Leiterin und hat nur gute Worte für die Katholischen Frauenbund in ihrer Gemeinde. Sie freut sich über die schöne Resonanz, lobt die gute Zusammenarbeit, dass alle eifrig mit machen und alle Veranstaltungen gut besucht seien. „Es ist eine neue, eine große – aber eine sehr befriedigende Herausforderung für mich“, fasst sie die neue Ära zusammen.

Vier Jahrzehnte Gemeinschaft, Zusammenhalt und Frohsinn sind deutlich zu spüren und beim Binden und Zupfen wird geplänkelt und gelacht und geschwelgt. Geschwelgt im betörenden Duft des Gesammelten und der Erinnerungen. Der Duft heißt Gäste bereits am Zaun willkommen, er verströmt gleichermaßen Süße und Kraft. Für das Süße sind Rosen, Minze und Melisse zuständig. Von Heilkraft erzählt der leicht herbe Duft der Schafgarbe und Rosmarin und Salbei bringen einen Hauch Krankenbett.

Die von kundiger und liebevoller Hand gefassten Sträuße sind wunderhübsch anzusehen, aber sie haben auch eine Botschaft. Agnes Hameister fast dies großartig zusammen: „Wir wollen ganz bewusst die alte Tradition bewahren, weil wir Gott danken für die Großzügigkeit der Natur und weil wir sie auch anwenden.“

Rose, Symbol der Mutter Gottes

Die Rose, um die alles rankt, ist ein Symbol für die Mutter Gottes. Mancherorts wird dafür auch die Spitze einer Königskerze gewählt. Geweiht werden die Gebinde stets an Mariä Himmelfahrt. Ein Feiertag ist dieser Tag nicht mehr, aber die Wurzeln der Kräuterweihe reichen weit zurück. Sie waren einst heidnische Lebensruten, welche die Fruchtbarkeit und Heilung auf die Menschen übertragen sollte.

Mindestens sieben Kräuter müssen es sein und jede der Mittelbiberacher Frauen ist mit ihnen aufgewachsen. Früher wurde das Büschelchen noch mehr in den Alltag geholt, als es um die Gesundheit des Viehs, den Schutz vor Gewittern oder eine gute Ernte ging. Man hat damit geräuchert und sie im Krankenzimmer aufgestellt.

Aloisia Aßfalg zündet heute noch bei schweren Gewittern eine Kerze an und der Geruch der Minze erinnert sie an ihre Großmutter. „Meine Eltern haben immer großen Wert auf das Sträußle gelegt und mein Papa, der im Heim lebt, hat sich auch dieses Jahr wieder eins bestellt!“

Gelebter Glaube

Bei Renate Steyer-Hutzel entführt der Geruch des Salbeis in die häufigen Halsschmerzen der Kindheit. Sie ist heute das erste Mal dabei und sieht diesen Dienst nicht nur als arbeitsintensiv. „Es ist bereichernd, es ist aktives Gemeindeleben und gelebter Glaube. Es ist einfach schön.“

Klara Brehm und Marlies Ries stecken eben noch eine Goldrute in ihr Büschel und daneben einen prächtigen Sonnenhut, die Echinacea, die große Hilfe bei Erkältungen. Ist Marlies Ries auch bewandert mit Heilwirkungen? „Nein, ich bin eigentlich keine ,Kräuterfee.Ich genieße mehr die Zugehörigkeit zum Frauenbund, die schöne Gemeinschaft und finde es toll, dass diese Tradition weiter getragen wird.“

Die Eltern von Gabriele Musterle stellten das Kräutersträußle stets zur Marienfigur und auch sie selbst hat eine spezielle Ecke und eine spezielle Vorliebe. „Mir hat die Schafgarbe bei Bauchschmerzen viel geholfen!“

Von Lübeck nach Oberschwaben

Wer dies nickend bestätigt, ist Elisabeth Müller. Die Apothekerin zog vor sieben Jahren aus Lübeck nach Oberschwaben und wusste sofort: „Das ist meins, da mach‘ ich mit! Ich habe auch viele Heilpflanzen im Garten und fertige für mich selbst Tinkturen an. Auch Hildegard von Bingen fasziniert mich.“ Sie weiß zu berichten, dass gebundene Kräuter früher Grabbeigaben waren und dies ist die perfekte Überleitung zur Legende und „Grundsteinlegung“ der Tradition.

Als am dritten Tage nach dem Tod Marias die Apostel an ihr Grab kamen, war Maria verschwunden, aber das Grab war gefüllt mit Rosen und Lilien und rings um die Grabstätte sprossen und blühten alle Heilkräuter, welche die Gottesmutter in ihrem Leben geliebt hatte. Deshalb werden in Mittelbiberach am 15. August, am Tag des Heimgangs der Gottesmutter, von Pfarrer Wunnibald Reutlinger feierlich die Kräuter geweiht. Anschließend werden die 60 Kräuterbuschen verkauft. So wird der Blumenschmuck in der Kirche mitfinanziert und Freude und Duft in die Häuser gebracht.

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