Hans-Jürgen Schäfer war mehr als 40 Jahre lang Psychotherapeut und Nervenarzt in Biberach. Heute verarbeitet er viele seiner Erl
Hans-Jürgen Schäfer war mehr als 40 Jahre lang Psychotherapeut und Nervenarzt in Biberach. Heute verarbeitet er viele seiner Erlebnisse in Kunst. (Foto: Andreas Spengler)

Die Ausstellung „Ticken wir noch richtig?“ mit Aquarellen, Acryl-, Wachs- und Bleistiftmalereien von Hans-Jürgen Schäfer in der Biberacher Stadtbücherei ist noch bis zum 18. September zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Hans-Jürgen Schäfer kennt das Seelenleben der Biberacher wohl wie kaum ein anderer. Mehr als 40 Jahre lang war der Mittelbiberacher Psychotherapeut und Nervenarzt – jetzt geht der 71-Jährige neue Wege: Mit Malerei will er den Menschen einen Spiegel vorhalten – und manches verarbeiten, was er selbst erfahren hat. Seine aktuelle Ausstellung in der Biberacher Stadtbibliothek zeigt das Abbild einer durchgeknallten Gesellschaft, die jedes Maß, jeden Anstand, jede Sitte verloren hat.

Der Titel der Ausstellung scheint nur eine hypothetische Frage zu sein: „Ticken wir noch richtig?“ Schäfer antwortet mit ernster Miene: „Ich glaube nicht – wir Menschen haben noch nie richtig getickt.“ Was er jahrelang in seiner Praxis erlebt hat, beschäftige ihn auch im Ruhestand. Jeder Mensch strebe nach Liebe, Macht und Besitz. Doch manche Menschen geraten aus dem Gleichgewicht – und das sei wohl symptomatisch für die Gesellschaft.

Schäfer deutet auf ein Bild einer Dame mit kantigem Gesicht, breitem Mund, dunkler Brille und grellem Sonnenhut. Darunter steht: „Der Tourist – All you can see.“ Beim Reisen sei ihm vieles bewusster geworden. Ein Problem sei die „Gefräßigkeit“ vieler Touristen. „Wenn sie schon für 30 Euro fast überall hinfliegen können, ist das zerstörerisch“, sagt Schäfer. Nächstes Bild: Eine Würstchenbude auf dem Volksfest. Wurst gibt es hier nicht nur zu kaufen, auch die Verkäufer und die Kunden haben Wurstarme, selbst am Riesenrad baumeln die Wurstbrocken. „Wir sind doch heute alle gierig, verwurstet und vermarktet“, meint Schäfer. Ohne nachzudenken werde konsumiert. „Find’ ich irgendwie eklig, das Bild“, habe eine Besucherin bei der Vernissage erklärt. Schäfer freute sich über die Kritik: „Da dachte ich, wunderbar, mein Bild wird verstanden.“

Seine Frau habe ihn einmal gefragt: „Warum malst du denn nur hässliche Bilder.“ Sie habe sich auch mal ein Bild fürs Wohnzimmer gewünscht. Aber Schäfer sagt, er wolle nichts beschönigen. Kunst dürfe nicht nur ästhetisch sein. Manchmal müsse man mit dem Schmerzhaften aufrütteln. „Krank“ hat Schäfer das Bild einer alten, übergewichtigen Dame genannt. In der Bildinformation hat Schäfer selbst dazugeschrieben: „Das ist kein Kunstwerk, der Künstler sollte sich zu mehr Ästhetik bekennen.“ Freilich ist die Aufforderung ein Teil der Inszenierung, der Vorwurf: „Bitte stell’ keine Probleme dar, wir wollen die Bilder doch genießen“, wie Schäfer es formuliert. Doch darauf gibt er nichts. Das Bild zeige eine „innere Tragödie“. Schon beim ersten Blick stimmt es den Besucher traurig und hoffnungslos.

Viele Ideen zu seinen Bildern hat Schäfer in seinem Berufsleben bekommen. Als Psychotherapeut hörte er täglich von den Problemen, Sorgen und Schicksalsschlägen seiner Patienten. „Wenn Menschen mit einer Seite ihres Lebens nicht mehr umgehen konnten, habe ich versucht, ihnenWerkzeuge dafür an die Hand zu geben, um ihr Leben besser zu steuern“, erzählt er.

„Ich war sicher kein leichter Arzt“, blickt er zurück. Doch als er aufgehört habe mit Arbeiten vor zwei Jahren, da hätten sich viele Patienten bei ihm bedankt. Sein größtes Geschenk sei gewesen, als ein Patient gesagt habe: „Bei Ihnen habe ich gelernt, anders zu denken.“ Doch immer wieder habe er Hilflosigkeit erlebt. Schäfer sagt: „Man sieht auch, wie Dinge kaputt gehen und kann nichts daran ändern.“

Bilder als Ventil

Heute wirken vieler seiner Bilder wie ein Ventil, das er öffnet, um die menschlichen Tragödien für die Gesellschaft sichtbar zu machen. Es gebe in der Ausstellung nichts, was Hoffnung begründe. Schäfer möchte wachrütteln, aber sagt auch: „Nur mit Bildern und physischem Geplänkel lässt sich wenig ändern. „Es ginge nur über den politischen Weg.“ Jeder Einzelne aber könne lernen, seine Triebe besser unter Kontrolle zu bekommen.

Nach dem Ende der Ausstellung will sich Schäfer einem anderen Thema widmen. Vielleicht Stillleben oder Aktmalerei, bei dem die Maltechnik im Vordergrund stehe. Zurück zu den Anfängen: Wie damals, als er unter der Schulbank im Unterricht seine technischen Skizzen fertigte. Zum Beispiel von Modellflugzeugen, die er später nachbaute. „Gemalt hab ich schon immer gern.“ Doch mit dem Start ins Berufsleben sei sein Hobby zu kurz gekommen. „Der Beruf war erfüllend, aber anfangs auch erschlagend.“ Erst am Ende sei ihm klar geworden: „Es muss Zeit entstehen, ein Stück Langweile, dann kann etwas Neues geschehen.“

Inzwischen hängt im Wohnzimmer doch ein Bild von Schäfer. Es zeigt keine maßlosen Touristen, keine Würstchenbuden, keine kranke Frau. Auf dem Bild erstrahlt die Südtiroler Landschaft von Meran. Das habe er für seine Frau gemalt. Ein schönes Bild, ein ästhetisches.

Die Ausstellung „Ticken wir noch richtig?“ mit Aquarellen, Acryl-, Wachs- und Bleistiftmalereien von Hans-Jürgen Schäfer in der Biberacher Stadtbücherei ist noch bis zum 18. September zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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