Das sind die größten Gefahren im Internet

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 Datenschutzexperte Thomas Zell warnt davor, zu viel Persönliches im Internet preiszugeben.
Datenschutzexperte Thomas Zell warnt davor, zu viel Persönliches im Internet preiszugeben. (Foto: Andreas Spengler)

Der Software- und IT-Experte Thomas Zell beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Datenschutz. Der 53-Jährige wohnt mit seiner Familie in Mittelbiberach und betreibt ein Unternehmen in Großbritannien. SZ-Redakteur Andreas Spengler hat sich mit ihm über digitale Selbstverteidigung, die häufigsten Fehler im Netz und die Gefahren von Whatsapp und Facebook unterhalten.

Was sind die die häufigsten Fehler, die jeder im Internet macht?

Aus Bequemlichkeit bündeln wir alle unsere Onlineaktivitäten bei einem Anbieter. Das macht es einfach, ein komplettes Profil unserer digitalen Persönlichkeit zu erstellen. Google zum Beispiel erfährt so von jeder Webseite, die wir ansteuern und was wir auf den Seiten machen, und speichert all das zusammen mit sämtlichen Suchbegriffen in unserem persönlichen Profil.

Wo genau liegt da die Gefahr?

Aus den gewonnenen Daten werden weitere Daten abgeleitet, die dann ein Profil unserer Persönlichkeit ergeben. Das Problematische ist, dass es keine Kontrolle gibt, anhand welchem Kriterium welcher Schluss gezogen wird. Wenn dann aus meinen Daten falsche Schlüsse gezogen werden, und deshalb Entscheidungen getroffen werden, geht das möglicherweise dramatisch nach hinten los.

Sie leiden nicht unter Verfolgungswahn? Man könnte doch auch provokant sagen: Dann bekomme ich eben personalisierte Werbung, was soll denn sonst noch passieren?

Die personalisierte Werbung ist ein Aspekt, aber noch dramatischer ist: Diese Profile werden von Firmen gekauft, die Risikomanagement betrieben müssen. Versicherungen und Banken zum Beispiel. So ähnlich wie es die Schufa heute schon tut. Wenn ich einen Vertrag abschließen möchte, wird mein möglicherweise fehlerhaftes Profil benutzt.

Und das geschieht in der Realität bereits?

Ja, in den USA kaufen bereits lokale Finanzbehörden solche Profile ein. Und es gibt Belege dafür, dass derartige Benutzerprofile von den Trump- und Brexit-Kampagnen benutzt wurden. Beides Kampagnen, bei denen man am Anfang gesagt hat, die haben keine Chance. Beide haben gewonnen. Die Profilierung der Wähler hat es zum Beispiel erlaubt die potenziellen Wähler der gegnerischen Seite zielgerichtet mit Fake News und konfusen Nachrichten zu versorgen. Und den Trump-Wählern wurde genau das präsentiert, was sie hören wollten. So etwas ist auch in Europa möglich. Daran hat auch die Datenschutz-Grundverordnung nichts geändert. Die fängt nur die Daten ein, die ich liefere und nicht die davon abgeleiteten Daten, die zusätzlich in mein Profil wandern. In unseren Onlineprofilen steht am Ende mehr drin, als wir jemals über uns sagen könnten.

Wo könnte diese Reise im schlimmsten Fall hingehen?

In China gibt es bereits heute die Anfänge eines Sozialpunkte-Systems, in dem das Verhalten der Bürger bewertet wird. So gibt es zum Beispiel öffentliche Kameras, die per Gesichtserkennung Punkte vergeben. Wer einer älteren Frau über die Straße hilft, bekommt Pluspunkte. Wer bei Rot über die Straße geht, Minuspunkte. Da kann man jetzt sagen: Gut, dann werden Kriminelle herausgefiltert. Aber es spielt nicht nur das eigene Verhalten mit rein, sondern auch das der Freunde. Und es filtert halt oft auch kreative Menschen raus, alle die anders ticken. Wir brauchen doch auch die schrägen Vögel und die bunten Hunde. Sonst entsteht am Ende eine vollkommen kontrollierte Gesellschaft die Weit über George Orwells 1984 hinausgeht. Wehret den Anfängen!

Aber gehört es nicht zum Lebensstil vor allem junger Menschen im Internet präsent zu sein?

Wir brauchen einen gesunden Umgang mit diesen Plattformen und bewusster mit der Freigabe der Daten umgehen. Aber was noch viel wichtiger ist: Wir müssen die Firmen zwingen, verantwortlicher mit unseren Daten umzugehen.

Was halten Sie von den Entwicklungen, die in Zukunft unseren Alltag erleichtern sollen wie die digitale Sprechstunde oder das automatisierte Fahren? Für all diese Dinge brauchen wir ja Daten.

Gesundheitsdaten sind ein ganz wichtiger Aspekt. Zugang zu digitaler Medizin kann ein Fortschritt sein aber wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, welche Risiken mit diesen Daten verbundenen sind. Daten sollten ausschließlich zu diesem Zweck verwendet und nicht weiterverkauft werden dürfen. Ein anderes Beispiel: Es gibt heute fast nur noch Smart-Fernseher und die sind oft günstiger als das nicht-smarte Gerät. Mit diesen neuen Geräten kann man sich über das Internet verbinden und direkt Dienste wie Youtube nutzen. Das ist bequem und elegant. Aber warum sind die billiger als normale Fernseher? Weil die Hersteller den Verkauf ihrer Nutzerdaten bereits einpreisen.

Was soll man denn konkret tun und lassen, um sich und seine Daten zu schützen? Was ist zum Beispiel mit Payback-Karten?

Wenn ich Payback-Karten nutze, muss ich wissen, dass ich mit meinen Daten bezahle. Man kann versuchen, die Karte mit anderen zu teilen, um das eigene Profil zu verwässern. Letztendlich geht es den Betreibern aber darum ein möglichst hochwertiges, sprich wertvolles Profil zu erstellen.

Und was empfehlen Sie noch?

Man sollte auch mal den Anbieter wechseln: Eine Alternative zu Whatsapp wäre Signal. Man kann ja mal anfangen, auch wenn dort noch nicht viele Menschen sind. Oder muss mein Browser immer Google Chrome oder der Internet Explorer sein? Besser finde ich zum Beispiel Firefox. Dahinter steckt eine Stiftung.

Kann man sich dem ganzen entziehen, in dem man zum Beispiel Plattformen wie Facebook meidet?

Immer wieder höre ich: „Ich bin ja nicht bei Facebook, dann kann mir ja auch nichts passieren.“ Das stimmt so nicht. Facebook erstellt Schattenprofile über sie, wenn Sie nicht bei Facebook sind. Und wenn Sie zufällig auf einer Seite angemeldet sind, die von Facebook nachverfolgt wird, dann werden die Profile verknüpft.

Wie gehen Sie persönlich mit Ihren Daten um?

Auch ich erliege dem Zwang von Whatsapp, weil es fast noch alle nutzen. Wobei meine Familie habe ich schon fast komplett von den Alternativen überzeugt. Es ist wichtig, dass wir diese Diskussion anfangen, damit sich mehr Leute mit dem Thema beschäftigen. Es gibt zudem Länder, die ein Interesse daran haben, bei uns immer schön Feuer unterm Dach zu halten. Da ist viel Geld und Politik im Spiel und die bekannten Internet-Dienste bieten die ideale Plattformen für derartige Manipulationen.

Thomas Zell hält am Samstag, 23. Februar, einen Mitmach-Vortrag zur digitalen Selbstverteidigung. Die Veranstaltung findet von 15 bis 17 Uhr im Foyer der Mittelbiberacher Gemeindehalle statt und richtet sich an Nutzer ohne technische Expertise. Der Eintritt ist frei. Zell ist zugleich Datenschutzbeauftrager des FC Mittelbiberach und des Karate Dojo.

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