Nicole Rolser gewinnt durch ihren Wechsel zu den Liverpool Ladies

Lesedauer: 9 Min
Wagte den Schritt auf die Insel - und hat dadurch viel gewonnen: Fußballerin Nicole Rolser aus Mietingen. (Foto: Rehm)
Schwäbische Zeitung

In ihrer ersten Saison beim FC Liverpool hat die Fußballerin Nicole Rolser aus Mietingen die englische Meisterschaft gewonnen. Zum Erfolg der Liverpool Ladies steuerte die 21-Jährige zehn Treffer in den 14 Spielen der Women’s Super League bei. Rolser, die als erste deutsche Spielerin aus der Bundesliga nach England gewechselt, hat sich rasch bei den „Reds“ und im Fußball auf der Insel eingelebt.

Wer sich in den 1970er- und in der ersten Hälfte der 80er-Jahre für den internationalen Vereinsfußball interessiert hat, kam am FC Liverpool nicht vorbei. Der Verein aus Englands Norden gewann viel, auf der Insel und in Europa. Inzwischen ist es ruhig geworden um die „Reds“. Seit die höchste Spielklasse in der englischen Premiere League heißt, seit 1992, stand Liverpool am Saisonende nicht mehr ganz oben. 2013 wurde der legendäre Klub wieder englischer Meister – und das hat viel mit Nicole Rolser aus Mietingen zu tun.

Was den Männern nicht gelang, dafür sorgten die Liverpool Ladies mit ihrem Triumph in der Women’s Super League (WSL), der höchsten englischen Spielklasse der Frauen. In den vergangenen Jahren war der FC Liverpool weit davon entfernt, das beste Frauenteam auf der Insel zu sein. Deshalb wunderten sich manche, als sich Nicole Rolser, in allen Nachwuchsteams des Deutschen Fußballbunds erprobt und eine Stütze des Frauen-Bundesligisten SC Bad Neuenahr, im vergangenen Winter zum Sprung auf die Insel entschloss. Es war ein Sprung ins Ungewisse, vor ihr war noch keine deutsche Spielerin aus der Bundesliga nach England gewechselt. Rolser schlug den Weg ein – und hat ihn nicht bereut. „Ich fühle mich in Liverpool pudelwohl.“

Die 21-jährige Mietingerin, die an der Fernhochschule Riedlingen BWL und Projektmanagement studiert, mag sich bei ihrem Einstieg beim FC Liverpool ein wenig vorgekommen sein wie in einem ersten Semester an einer internationalen Hochschule. Der Klub hatte sich entschlossen, ein neues Team aufzubauen und holte Spielerinnen aus verschiedenen Ländern und Ligen – im Kader sind Köpfe aus den USA, Schweden, Island oder Neuseeland. Nach Rolser schloss sich auch eine zweite deutsche Spielerin den „Reds“ an, Corinna Schröder, ebenfalls zuvor in Bad Neuenahr aktiv.

Das Team ist international, doch Grüppchen gebe es deswegen nicht, sagt Nicole Rolser, die staunt, wie rasch man sich zu einer Einheit fand. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht. Man hat ja fast die komplette Mannschaft ausgetauscht.“ Einige Mitspielerinnen sieht Rolser auch abseits des Fußballplatzes regelmäßig, zusammen mit Corinna Schröder und den Amerikanerinnen Whitney Engen und Amanda da Costa teilt sie sich eine Wohnung im Herzen Liverpools, „direkt an der Penny Lane“, der wahrscheinlich bekanntesten Straße, seit die Beatles vor Jahrzehnten einen Song danach benannten.

Rolser hat sich schnell eingelebt in der nordenglischen Stadt, der noch immer das Etikett einer alten Industriestadt anhängt. „Jeder sagt das und Liverpool hat auch ein paar alte Ecken, aber an sich ist es eine schöne Stadt, mit Hafen, kleinem Strand und einem netten Zentrum“, sagt die 21-Jährige, die neben Fußball und Studium immer wieder Zeit fand, ihre Wahlheimat zu erkunden. Bei ihren Streifzügen hat sie Stellen entdeckt, die ihr besonders gefallen, wie das Hafenviertel am Mersey-Fluss. „Die Upper Docks rings ums Wasser mit Restaurants und Bars sind sehr schön.“

Noch lieber steht sie auf dem Fußballplatz, zumal in einem so erfolgreichen Team. Die Liverpool Ladies gewannen die 14 Spieltage umfassende WSL-Meisterschaft mit fünf Punkten Vorsprung und dank der mit 46 Treffern stärksten Offensive. Rolser ist ein wichtiger Teil der Mannschaft, auch wenn sie sich zunächst umstellen musste. „Meine Position ist im linken Mittelfeld, was ich so noch nicht gespielt hatte“, sagt die Mietingerin. „Vorher war ich im Angriff oder im rechten Mittelfeld.“ Doch es sei mit der Zeit immer besser geworden und „es waren schon ein paar gute Spiele dabei“. Brillantes Understatement, würde der Engländer sagen. Rolser schoss für Liverpool zehn Tore in der Liga, nur ihre Teamkollegin, Englands Nationalspielerin Natasha Dowie, traf häufiger (12). Und in Berichten zu den Spielen der „Reds“ wird sie regelmäßig hervorgehoben, im meisterschaftsentscheidenden Spiel gegen Verfolger Bristol (2:0) war sie, die schnelle und trickreiche Flügelspielerin, die „größte Bedrohung“ für das gegnerische Tor.

Auch wenn die Ladies nur einmal an der berühmten Anfield Road aufliefen und sonst ihre Heimspiele in einem Stadion im benachbarten Widnes austragen, so ist das Team ein fester Teil des FC Liverpool. Sie tragen wie die Männer die roten Trikots, sie nutzen für Auswärtsfahrten den Bus des Premier-League-Teams mit allen eingebauten Annehmlichkeiten von Kaffeebar bis Fernseher und bei ihren Spielen ertönt die Vereinshymne „You’ll never walk alone“. Auch wenn bei Spielen der Frauen weit weniger Fans (Saisonrekord waren 2165 gegen Bristol) das melancholische Lied singen als die Massen an der Anfield Road, so vermag sich Rolser in diesem Gänsehautmoment vor dem Anpfiff der Faszination des legendären Klubs nicht zu entziehen. Wie vieles beim FC Liverpool sei auch dies „etwas Besonderes, eine tolle Geschichte“.

Derzeit ist Nicole Rolser in ihrer oberschwäbischen Heimat, das Fernstudium läuft und sportlich hält sie sich fit, bis im Januar in England die Vorbereitung auf die Saison 2014 beginnt. Ein Jahr bindet sie der Vertrag noch an Liverpool, was danach kommt, ist offen. Ein weiteres Jahr England, die Rückkehr in die Bundesliga – möglich ist viel. Auch, dass sich die Tür zum deutschen Frauen-Nationalteam öffnet.

Debüt in der Champions League

„Erst einmal will ich meine Leistungen in England bestätigen und nächstes Jahr eine gute Saison spielen“, sagt die 21-Jährige. Dann kommt die europäische Champions League hinzu, für die Liverpool qualifiziert ist. Sollte Nicole Rolser auch in diesem Wettbewerb auffallen und mit den Ladies womöglich ein Bundesliga-Team schlagen, dann dürften ihr noch mehr Türen offen stehen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen